Richard Russo – Ein Mann der Tat

Der US-amerikanische Autor Richard Russo wurde in Deutschland erst in den letzten Jahren so richtig bekannt. Sein 2010 bei Dumont erschienener, übrigens großartiger Roman „Diese alte Sehnsucht“ ging noch relativ unter. Erst mit der Veröffentlichung von „Diese gottverdammten Träume“, der breites Kritikerlob und mediale Öffentlichkeit bekam, aber auch die Herzen vieler LeserInnen eroberte, wurde er hierzulande richtig populär. Nun erscheint der neue Roman von Richard Russo – Ein Mann der Tat. Weiterlesen „Richard Russo – Ein Mann der Tat“

Richard Ford – Zwischen ihnen

Richard Ford war ein spätes Kind. Nicht mal so sehr, weil seine Eltern, für damalige Verhältnisse, mit 34 bzw. 40 Jahren ungewöhnlich alt für ein erstes Kind waren, sondern vor allem deswegen, weil sie bereits 15 Jahre verheiratet waren, bevor sich unverhofft, aber durchaus erwünscht, Nachwuchs einstellte. Richard Ford fühlte sich stets Zwischen ihnen.

Edna und Parker Carrol Ford stammten beide aus eher problematischen Familien und für beide war die frühe Heirat auch ein wenig Flucht aus dem ungeliebten Elternhaus. Ednas Mutter hat die Tochter bereits in frühen Jahren in eine Klosterschule geschickt, nachdem sie sich vom Vater getrennt hatte. Bei der neuen Beziehung zum schillernden Bennie Shelley wäre ihr die Tochter nur im Weg gewesen, ja diese musste sich sogar zeitweise als ihre Schwester ausgeben. Keine idealen Startvoraussetzungen für eine gelingende Mutter-Tochter-Beziehung. Aber auch Parkers Familie war belastet. Scheiternde Geschäfte trieben seinen Vater früh in den Selbstmord. Die besitzergreifende Mutter intrigierte zeitlebens gegen die Schwiegertochter. Weiterlesen „Richard Ford – Zwischen ihnen“

Colson Whitehead – Underground Railroad

Nach Yaa Gyasis Roman „Heimkehren“ das zweite Buch der Saison, das sich mit der Thematik „Sklaverei“ beschäftigt, und ein unglaublich erfolgreiches Buch: sowohl der National Book Award 2016 als auch der Pulitzer Prize 2017 gingen an Colson Whitehead mit „Underground Railroad“. Die Jury des Man Booker Prizes gestattete ihm zumindest einen Platz auf der Longlist. Und (weniger spektakulär) auch auf meiner persönlichen Topliste des Jahres 2017 nimmt der Roman ganz sicher einen der obersten Plätze ein. Weiterlesen „Colson Whitehead – Underground Railroad“

David Duchovny – Ein Papagei in Brooklyn

Ein Papagei in Brooklyn von David Duchovny stand nicht auf meiner Leseliste. Irgendwie hat es sich aber doch meine Aufmerksamkeit erschlichen. Eine gute Besprechung und Reizwörter, auf die ich meistens sofort anspringe: berührende Vater-Sohn-Geschichte, schwierige Beziehung, New York, Humor, was weiß ich, jedenfalls wollte ich dieses zweite Buch des Schauspielers David Duchovny (Akte X) gerne lesen.

Die Geschichte ist eine oft erzählte, aber auch immer wieder andere. Es ist die Geschichte von Vater und Sohn (oder auch Mutter und Tochter), die zeitlebens Schwierigkeiten miteinander hatten, nicht so recht wussten, wie mit dem jeweils anderen umzugehen, die aber natürlich dennoch eine starke Bindung verspüren, auch wenn sie schon jahrelang kaum noch Kontakt zueinander haben. Meist ist es ein herausragendes oder ungewöhnliches Ereignis, das zum Wiedersehen führt, oft ein Familienfest, gerne, wie hier, eine schwere Erkrankung. Weiterlesen „David Duchovny – Ein Papagei in Brooklyn“

Yaa Gyasi – Heimkehren

Als 1977 die Serie „Roots“ nach dem gleichnamigen Roman von Alex Haley ausgestrahlt wurde, war ich zwölf Jahre alt. Ich weiß noch, wie tief mich die Geschichte um Kunta Kinta, den im 18. Jahrhundert nach Amerika verschleppten und versklavten Mann aus Gambia, damals erschüttert hat. Das Wissen um das große Leid der Sklaven, die Unfassbarkeit der Sklaverei in Amerika insgesamt und die Nachwirkungen, die sie bis heute hat, die Rassentrennungen, die Emanzipationsbewegungen, der Hass und die fortbestehenden Ungerechtigkeiten, haben mich niemals wieder ganz losgelassen. Immer wieder erschienen dazu auch packende Romane, sei es das Werk der großartigen Toni Morrison, „Die Farbe Lila“ von Alice Walker, „Die bekannte Welt“ von Edward P. Jones. Yaa Gyasi hat mit Heimkehren einen wichtigen Beitrag dazu geleistet. Weiterlesen „Yaa Gyasi – Heimkehren“

Zadie Smith – Swing Time

Es gibt Autorinnen/Autoren die stets das gleiche Buch schreiben, stets zum gleichen Sujet greifen, denselben Ton wahren. Das ist in seltenen Fällen (ich denke da zum Beispiel an Patrick Modiano) spannend und beglückend, viel öfter aber ein Zeichen mangelnder Kreativität oder künstlerischer Fähigkeit. Die britische Autorin Zadie Smith hat auch ein Thema, das sie immer wieder umtreibt und zudem sind ihre Romane meist in dem Teil Londons verortet, aus dem sie selbst stammt, dem Nordwesten. Und doch schafft sie es, jedes Mal ein gänzlich neues Buch zu schaffen. Schaut man sich die beiden letzten Romane von Zadie Smith an, das 2012 auf Deutsch erschienene London NW und das unlängst hier veröffentlichte Swing Time, so unterscheiden sich die verhandelten Themen zunächst einmal gar nicht so sehr. Weiterlesen „Zadie Smith – Swing Time“

Katherine Kressmann Taylor – So träumen die Frauen

Katherine Kressmann Taylor, geboren 1903, veröffentlichte ihren Briefroman „Adressat unbekannt“ erstmals 1938 in einer US-amerikanischen Zeitschrift. Die Geschichte zweier deutsch-amerikanischer Freunde, die durch die Übersiedelung des einen 1932 nach Deutschland und seine zunehmende Sympathie für den Nationalsozialismus zerbrach (der Zurückbleibende war jüdischer Abstammung) weckte bei Erscheinen einiges an Aufmerksamkeit und entfachte in den USA eine lebhafte Diskussion. Zum großen, weltweiten Erfolg, der das kleine Buch zu einem modernen Klassiker machte, gelangte es aber erst Jahrzehnte später. Hier liegt von Katherine Kressmann Taylor nun der Roman So träumen die Frauen vor. Weiterlesen „Katherine Kressmann Taylor – So träumen die Frauen“

Jennifer Haigh – Licht & Glut

Rezension zu Jennifer Haigh – Licht & Glut: Tief unter der Nordostamerikanischen Erde, im sogenannten Marcellus Shale, lagern ungeheure Mengen an „unkonventionellem“ Erdgas. Erdgas also, das nicht in sogenannten Erdgasfallen lagert, die relativ leicht erschlossen werden können, sondern das in Rissen oder Poren des Schiefergesteins, teils auch an dies gebunden, vorliegt. Der Energiehunger der Welt ist trotz steigendem Umweltbewusstsein in manchen Gebieten und trotz fortschrittlichen, sparsameren Technologien ungebrochen und steigt nach wie vor. Fast zwangsläufig ist es da, dass solche Gasvorkommen nicht ungenutzt bleiben. Besonders in den USA ist das Fracking (eigentlich Hydraulic Fracturing) eine durchaus akzeptierte Methode der Energiegewinnung, gerade in der neueren Zeit, wo dort das Rad der Erkenntnis in Sachen Umweltschutz, Spätfolgen der rücksichtslosen Ausbeutung der Natur und daraus resultierender Schäden gnadenlos zurückgedreht erscheint. Zumindest bei Teilen der Bevölkerung. Es sind meist natürlich die Menschen, die direkt oder indirekt von der Energiewirtschaft abhängig sind, aber auch diejenigen, die sich davon eine bessere Zukunft versprechen. „Make America great again!“ Weiterlesen „Jennifer Haigh – Licht & Glut“

Walt Whitman – Jack Engles Leben und Abenteuer

Solche Funde sind natürlich eine Sensation. 165 Jahre nach seiner Veröffentlichung als Fortsetzungsgeschichte in einer kurzlebigen Wochenzeitung, dem Sunday Dispatch, entdeckt ein Doktorand der Houston University, der Walt Whitman Experte Zachary Turpin, einen bisher unentdeckten Roman des großen amerikanischen Lyrikers. Mithilfe von digitalen Suchmethoden gelingt es ihm zuerst einen von Walt Whitman veröffentlichten Fitnessratgeber, „Manly health and training“, in den Weiten der journalistischen Veröffentlichungen zu entdecken – ein eher bizarrer Fund -, darauf förderte er auf recht abenteuerliche Weise den kleinen Roman „Jack Engles Leben und Abenteuer“ zutage. Weiterlesen „Walt Whitman – Jack Engles Leben und Abenteuer“

Colum McCann – Wie spät ist es jetzt dort, wo du bist?

Drei Erzählungen und eine Novelle des aus Irland stammenden, schon lange in New York lebenden Autors Colum McCann sind in dem nach einer der kürzeren Geschichten benannten Band „Wie spät ist es jetzt dort, wo du bist?“ veröffentlicht.

Bei einer solchen Sammlung kann es sich immer entweder um eine recht beliebige Zusammenstellung von Texten handeln, die in einer bestimmten  Zeitspanne entstanden sind, oder aber auch um inhaltlich auf die eine oder andere Weise miteinander verknüpfte Stories. Diese Verflechtung kann so weit reichen, dass eine Art Roman daraus entsteht. Das ist bei den Geschichten in diesem Band nicht der Fall, sie stehen inhaltlich für sich selbst. Und doch ergeben sie, ähnlich wie bei Konzeptalben in der Musik, eine Art Einheit. Auch wenn die Erzählungen sich in ihrer Länge, in Inhalt und Erzählperspektive kaum gleichen, sie weder Personen noch Ort oder Zeit gemeinsam haben, so ist es doch eine Unterströmung, eine Stimmung, ein Gefühl, das sie alle verbindet. Weiterlesen „Colum McCann – Wie spät ist es jetzt dort, wo du bist?“