Virginia Reeves – Ein anderes Leben als dieses

Alabama in den Zwanziger Jahren. Die Südstaaten der USA vollziehen seit 1896 eine strenge Form der Rassentrennung gemäß dem Grundsatz „Separate but equal“ (getrennt aber gleich), den das Bundesgericht legitimiert hatte. Für viele bedeutet das eine „zweite Sklaverei“ nach der Befreiung durch den Bürgerkrieg 1865. Und sie sollte andauern bis 1954. Aber auch danach änderten sich gerade in Alabama die Zustände nur zögerlich, wurde 1956 der ersten afroamerikanischen Studentin, Autherine Lucy, der Zugang zur Universität verwehrt, jeder kennt den Fall von Rosa Parks, die noch 1956 verhaftet wurde, weil sie einem weißen Fahrgast nicht ihren Sitzplatz überlassen wollte und auch heute sind die USA noch von einer wahren Gleichbehandlung aller Bürger weit entfernt. Virginia Reeves erzählt in Ein anderes Leben als dieses aus dieser Zeit. Weiterlesen „Virginia Reeves – Ein anderes Leben als dieses“

Jacqueline Woodson – Ein anderes Brooklyn

Jacqueline Woodson – Ein anderes Brooklyn

„Sylvia, Angela, Gigi, August. Wir waren vier Mädchen, unglaublich schön und schrecklich allein.

Das ist Erinnerung.“

Die vielfach für ihre Kinder- und Jugendromane preisgekrönte US-amerikanische Autorin Jacqueline Woodson bleibt auch in ihrem gerade auf Deutsch erschienenen Buch für Erwachsene ihrem Personal treu.

Die Anthropologin August kehrt zur Beerdigung ihres Vaters zurück an den Ort ihrer Kindheit, Bushwick, Brooklyn, New York. Weiterlesen „Jacqueline Woodson – Ein anderes Brooklyn“

Jesmyn Ward – Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt

Die afroamerikanische Autorin Jesmyn Ward gewann bereits 2011 vor Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt mit ihrem zweiten Roman „Salvage the bones“ (Deutsch: „Vor dem Sturm“) einen der bedeutendsten Buchpreise der USA, den National Book Award. Dabei lieferte der Jahrhundertsturm Katrina den dunkel dräuenden Hintergrund einer Familiengeschichte aus der untersten Gesellschaftsschicht der amerikanischen Südstaaten. Armut, Hoffnungslosigkeit, Vernachlässigung, Drogen- und Alkoholmissbrauch, sexuelle Gewalt und Teenagerschwangerschaft, aber auch Solidarität in der Familie und besonders auch die Beziehung unter Geschwistern waren die Kernpunkte dieses Textes. Dinge, die die Autorin, die selbst aus einem ähnlichen Milieu abstammt und in Mississippi aufwuchs, nur zu gut kennt. Ihr ermöglichte ein wohlhabender Arbeitgeber der Mutter, die in den gutgestellten Haushalten putzen ging, eine Schul- und Universitätsausbildung. Das Verhältnis zu ihren Schwestern war sehr eng. Weiterlesen „Jesmyn Ward – Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“

Michael Chabon – Moonglow

Michael Chabon – Moonglow

„Beim Schreiben dieser Memoiren habe ich mich an die Fakten gehalten, es sei denn, sie wollten sich einfach nicht der Erinnerung, dem dichterischen Willen oder der Wahrheit, wie ich sie gerne verstehe, beugen. Wo immer ich mir Freiheiten mit Namen, Daten, Ereignissen, Unterhaltungen oder den Identitäten, Motiven und Beziehungen von Familienmitgliedern und historischen Persönlichkeiten erlaubt habe, sei dem Leser versichert, dass es mit der entsprechenden Hemmungslosigkeit geschah.“

Dieser Vorbemerkung des Autors folgt eine überaus überraschende, erstaunliche und vor Einfällen sprühende Familiengeschichte, die ich lange Zeit gar nicht als eine autobiografische gelesen habe. Zwar sitzt da ein Michael am Bett seines sterbenskranken Großvaters, ja, auch hat er etwas mit dem Schreiben zu tun, aber so abenteuerlich und fantastisch, so turbulent und „hemmungslos“ kommt die Geschichte daher, dass sie kaum den üblichen Mustern eines Erinnerungsbuchs gleicht. Doch dann fällt, einmal im gesamten Buch, tatsächlich der Name „Chabon“ und die Leserin reibt sich verwundert die Augen. Doch was ist tatsächlich Fakt an diesen Aufzeichnungen? Es ist zum einen ein brillantes Spiel des Autors mit seinen Lesern, dies offen zu halten, und gleichzeitig ist es völlig belanglos. Nicht-Fiktives und Fiktives mischt sich auf so stimmige Weise, historische Ereignisse und Persönlichkeiten werden so ungezwungen eingebunden, dass neben einer atemberaubenden Familiengeschichte auch noch ein treffendes Zeitpanorama aus der amerikanischen und europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts entsteht. Weiterlesen „Michael Chabon – Moonglow“

Adam Haslett – Stellt euch vor, ich bin fort

Adam Haslett – Stellt euch vor, ich bin fort

„Wir sind keine Individuen. Die Lebenden suchen uns ebenso heim wie die Toten. Geglaubt habe ich das früher schon. Aber jetzt weiß ich es. Das war es, was er uns immer sagen wollte.“

Das Verwobensein in eine Gemeinschaft, hier die Familie, ist eines der für mich zentralen Motive in Adam Hasletts für den National Book Award und die Shortlist des Pulitzer Prize nominiertem Roman „Stellt euch vor, ich bin fort“. Es ist eine eine Variation von John Donnes berühmtem Zitat „No man is an island of itself“.

So sehr der Mensch nach Individualität und Unabhängigkeit strebt, nach seinem eigenen, ganz persönlichen Weg durchs Leben, so ist er doch unlösbar verstrickt in das Geschick seiner Mitmenschen, in die Gesellschaft, die Menschheitsgeschichte. Und ganz besonders, so viel Widerstand er dagegen aufbauen mag oder ihm entgegengesetzt wird, ist er Teil seiner Familiengeschichte. Es sind die Menschen, die ihn und seinen Lebensweg am nachhaltigsten prägen, auf die eine oder andere Weise, ihm ein Erbe mitgeben. Sich daraus ganz zu befreien, ist fast unmöglich und manch einer sucht gerade in der Gemeinschaft Trost und Geborgenheit, fühlt für sie Verantwortung, die am zerstörerischsten auf ihn wirkt. Weiterlesen „Adam Haslett – Stellt euch vor, ich bin fort“

J. Courtney Sullivan – All die Jahre

Der amerikanische Familienroman ist nicht totzukriegen. Unzählige davon wurden und werden verfasst und es ist stets überraschend, dass sie bei allen Ähnlich- und Gemeinsamkeiten doch auch immer wieder einen eigenen Ton treffen, andere Blickpunkte setzen, andere Themen fokussieren, andere Stimmungslagen transportieren. Man braucht nicht erst den berühmten Satz von Tolstoi zu bemühen, um zu festzustellen, dass die Familie als Keimzelle, aus der wir mehr oder weniger glücklich alle abstammen, ein unerschöpfliches Motiv darstellt, neben den allgemeingültigen auch die ganz spezifischen Bedingungen der menschlichen Existenz und des Miteinanders immer wieder neu zu thematisieren vermag. Ich habe ein ganz großes Faible dafür, das auch nicht totzukriegen ist. Von J Courtney Sullivan ist mit All die Jahre nun wieder einer dieser amerikanischen Familienromane erschienen. Weiterlesen „J. Courtney Sullivan – All die Jahre“

Nickolas Butler – Die Herzen der Männer

„Die Herzen der Männer“ – Nickolas Butler nähert sich ihnen auf sehr altmodische, uramerikanische Weise und gleichzeitig mit einem sehr progressiven, durchaus kritischen Blick. Zentrum des Romans ist das Pfadfinderlager Chippewa in den Wäldern Wisconsins. Weiterlesen „Nickolas Butler – Die Herzen der Männer“

Lionel Shriver – Eine amerikanische Familie

Mit Zukunftsromanen verhält es sich in der Regel so, dass sie entweder in einer fernen Zukunft spielen und sich der Leser auf ein mehr oder weniger fantastisches Land einlassen muss, mit gänzlich anderen Lebensbedingungen, unterschiedlichen Wertvorstellungen und Konflikten, einem fremden Alltag und ungewohnten Umgebungen. Der Leser muss loslassen können vom Bezugsrahmen der Realität, und sei es nur der angenommenen. Mir fällt das zugegebenermaßen immer schwer, weswegen ich in der Regel mit Science-Fiction und Konsorten meist nicht warm werde. Oder aber der Roman spielt , wie „Eine amerikanische Familie“ von Lionel Shriver in naher Zukunft (und das muss nicht mal unbedingt zeitlich nah sein) und extrapoliert unsere Gegenwart nur ein wenig, überspitzt vielleicht ein bisschen, bleibt aber dabei, das, was heute ist, nur weiterzudenken und weiterzuentwickeln. Weiterlesen „Lionel Shriver – Eine amerikanische Familie“

Viet Thanh Nguyen – Der Sympathisant

Rezension zu Viet Thanh Nguyen – Der Sympathisant

Nahezu jeder kennt die Eröffnungsszene des amerikanischen Films „Apocalypse now“. Wenn nicht den Film, so doch zumindest das eindrückliche musikalische Intro „The end“ von den Doors. Rotorblätter schrappen, Helikopter vor Dschungellandschaft, Düsternis.

Nahezu jeder weiß etwas über den Vietnamkrieg, der doch in Vietnam selbst „Amerikanischer Krieg“ genannt wird. Es gibt unendlich viel Material über diese mörderische Auseinandersetzung, das Netz quillt über von Fotos, Videos, Berichten, Analysen. ( Wer sich dafür interessiert oder das Buch bereits gelesen hat, sollte mal hier nachschauen. Ich habe bei diesem Flickr Nutzer unglaublich eindrückliche Fotos gefunden, die oft tatsächlich bestimmte Szenen des Buches visualisieren. Sehr interessant!) Aber gleich auf welcher Seite des Konfliktes deren Urheber stehen, auf der amerikanisch-westlichen oder der kommunistischen des Vietcongs, immer ist es vor allem die US-amerikanische Perspektive, die bestimmt. Es sind die Traumata der GIs, die politischen Auseinandersetzungen im Westen, die dramatischen Evakuierungen, die abenteuerlichen Kriegsreporter, die im Mittelpunkt stehen. Die Vietnamesen selbst kommen meist lediglich lediglich als Opfer vor, als Leichen auf der Erde, als hilflos und verzweifelt Fliehende. Charakteristisch dafür ist das weltberühmte Foto des „Napalm-Mädchens“ Phan Thị Kim Phúc. Weiterlesen „Viet Thanh Nguyen – Der Sympathisant“

Betty Smith – Ein Baum wächst in Brooklyn

„A tree grows in Brooklyn“, Ein Baum wächst in Brooklyn, jener erste Roman von Betty Smith aus dem Jahr 1943, ist einer der Kultromane der US-amerikanischen Literatur und kann dort durchaus in einem Atemzug genannt werden mit etwa „To kill a mockingbird“ oder „Catcher in the rye“. Für den Pulitzer-Prize nominiert, wurde er 1945 sehr erfolgreich von Elia Kazan verfilmt. Mir waren tatsächlich weder Buch noch Film bekannt. Weiterlesen „Betty Smith – Ein Baum wächst in Brooklyn“