James Baldwin – Von einem Sohn dieses Landes

Der afroamerikanische Schriftsteller James Baldwin erlebt seit ein paar Jahren eine völlig verdiente und längst überfällige (Wieder)Entdeckung, was nicht nur der verblüffenden Aktualität seiner Texte, gerade auch vor dem Hintergrund der Black Lives Matter-Bewegung, sondern auch den hervorragenden Übersetzungen durch Miriam Mandelkow zu verdanken ist. Ich habe bereits einen längeren Blogbeitrag über die bisher bei dtv neu veröffentlichten Bücher von James Baldwin geschrieben, nun erscheint endlich mit Von einem Sohn dieses Landes der zweite Band mit Essays.

„Endlich“, weil meine erste Begegnung mit dem Autor tatsächlich über einen Text hieraus verlief. In Fremder im Dorf schrieb Baldwin über seine Aufenthalte im kleinen schweizerischen Dorf Leukerbad, wo er zwischen 1951 und 1953 dreimal verweilte, u.a. um seinen ersten Roman, Von dieser Welt, zu vollenden. Wie ein Schaf in der Wüste war das Radiofeature des SRF betitelt, das mir den Autor Baldwin, von dem ich lediglich den Namen kannte, näherbrachte und mein Interesse an ihm weckte. Das Feature ist auch heute noch unter diesem Link zu erreichen. Weiterlesen „James Baldwin – Von einem Sohn dieses Landes“

Sabine Huttel – Das russische Rätsel

Liane ist kein abenteuerlustiger Mensch. Die ein paar Jahre vor ihrem Ruhestand stehende Bilbliothekarin lebt eher ein Leben auf Sparflamme. Deshalb gleicht es einem Wunder, dass sie die Einladung ihres jungen Freundes G., ihn in Russland zu besuchen, um endlich einmal Licht in ein Familienereignis zu bringen, das Liane seit ihrer Kindheit belastet. Und so macht sie sich im neuen Roman von Sabine Huttel auf, Das russische Rätsel zu lösen. Weiterlesen „Sabine Huttel – Das russische Rätsel“

Donna Leon – Milde Gaben

Milde Gaben – Milde Spannung. So könnte man titeln, wäre nicht das schon eine regelrechte Übertreibung. Donna Leon, wahrlich noch nie eine Vertreterin der handlungsgetriebenen, actionreichen Spannungsliteratur, sondern eher der leisen, atmosphärischen Krimis, hat sich mit ihrem neuesten Brunetti, dem mittlerweile 31. Band, Milde Gaben, selbst über- oder soll man lieber sagen unterboten. Ist es typisch und irgendwie liebgewonnene Tradition, dass in den jährlich im Mai erscheinenden Vendig-Krimis die Verbrechen sich erst im Laufe der Erzählung herauskristallisieren, ja manchmal gar nicht wirklich vorhanden sind, und sich auch die Sapnnung sehr langsam auf ein eher mittleres Niveau hochschraubt, weiß man bei Milde Gaben als Leserin tatsächlich auch am Ende nicht, was Donna Leon da eigentlich erzählt hat. Weiterlesen „Donna Leon – Milde Gaben“

Anna Burns – Amelia

2018 erhielt Anna Burns für ihren fulminanten Roman Milchmann den Booker Prize, Grund genug für ihren deutschen Verlag, Tropen, nun auch ihr Debüt Amelia zu veröffentlichen. Nicht immer ist das Ausgraben von Frühwerken von plötzlich erfolgreichen Autoren wirklich ein Gewinn. Hier handelt es sich um einen ausgesprochenen Glücksfall. Denn schon in dem 2001 erschienenen Roman, Original No bones, zeigt Anna Burnes ihren ganz eigenen und sehr eigenwilligen Ton. Weiterlesen „Anna Burns – Amelia“

Abdulrazak Gurnah – Ferne Gestade

Nachdem sich der deutsche Literaturbetrieb im vergangenen Jahr nach der Verkündung des Literaturnobelpreises ausgiebig die Augen gerieben hat – Wer war denn nun schon wieder dieser Abdulrazak Gurnah? Nie gehört! – , sämtliche Bestände an übersetzten Werken desselben aus den Antiquariaten weggekauft waren – kein einziger Titel war aktuell lieferbar – , machte sich allmählich die Überzeugung breit, dass es vielleicht doch den Richtigen getroffen hat, dass da mehr als ein Kontinentproporz oder ein  Originalitätswettrennen bei der Wahl der viel gescholtenen Schwedischen Akademie in Stockholm im Spiel war. Hin und wieder wurde noch an dem ersten neu aufgelegten Roman, Das verlorene Paradies (Original Paradiese, 1994, Shortlist Booker Prize) herumgemäkelt (von mir nicht). Jetzt dürfte aber spätestens mit Ferne Gestade (Original: By the sea, 2001, Longlist Booker Prize) klar sein, dass Abdulrazak Gurnah den Nobelpreis völlig verdient für seine literarische Qualität zugesprochen bekommen hat. Weiterlesen „Abdulrazak Gurnah – Ferne Gestade“

Lektüre Juni 2022

In diesem Monat erwarten euch hier bei der „Lektüre Juni 2022“ ausnahmsweise einmal eine ganze Reihe von größeren Besprechungen, und zwar von Büchern, die es (keinesfalls aufgrund mangelnder Qualität, sondern einfach aus Zeitgründen) nicht zu einem eigenen, großen, bebilderten Beitrag geschafft haben. Die aber auf jeden Fall nicht nur eine Erwähnng, sondern eine von Herzen kommende Empfehlung verdient haben. Alle Beiträge sind bereits auf Instagram erschienen, sollen aber auch hier vorkommen. Deshalb benötigt ihr dieses Mal vielleicht ein wenig mehr Zeit für meinen Überblick zum Lesemonat.

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Robert Jones jr. – Die Propheten

Die Propheten – wuchtig, erdig und bedeutungsschwer kommt der Debütroman von Robert Jones jr. daher, mit dem der 1951 geborene New Yorker Autor gleich auf der Shortlist des National Book Award 2021 landete. Als „Son of Baldwin“ bloggt und twittert er über Blackness und Queerness und engagiert sich für Anti-Diskriminierung. Natürlich ist der Name eine Verbeugung vor dem großen Autor James Baldwin, den er neben Toni Morrison als sein Vorbild bezeichnet. Mit Die Propheten erzählt er eine Schwarze, queere Liebesgeschichte aus der Sklaverei des 19. Jahrhunderts. Es ist für ihn das Buch, über das Morrison sagte: „Wenn es ein Buch gibt, das Sie lesen möchten, aber es noch nicht geschrieben wurde, dann müssen Sie es schreiben.“ Weiterlesen „Robert Jones jr. – Die Propheten“

Djaïli Amadou Amal – Die ungeduldigen Frauen

Munyal, munyal – wie ein stetig wiederkehrender Refrain durchzieht dieses Wort das Buch der kamerunischen Autorin und Frauenrechtsaktivistin Djaïli Amadou Amal, das im Original auch den Titel „Munyal, les larmes de la patience“ (Munyal, die Tränen der Geduld) trägt und in der deutschen Übertragung von Ela zum Winkel als Die ungeduldigen Frauen im Orlanda Verlag erschienen ist. Geduld trifft es nur unzureichend, dieses Munyal, das von den Frauen im Buch und mit ihnen mit Millionen Frauen Westafrikas und vieler anderer Gebiete der Welt ständig eingefordert wird. Geduld mit dem ihnen aufgezwungenen Schicksal, das allzu oft aus Ohnmacht, Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalterfahrungen besteht. Weiterlesen „Djaïli Amadou Amal – Die ungeduldigen Frauen“

Jean-Marie Gustave Le Clézio – Bretonisches Lied

Der Franzose Jean-Marie Gustave Le Clézio veröffentlichte bisher mehr als 40 Bücher und erhielt 2008 den Nobelpreis für Literatur. Viele davon liegen auch in deutscher Übersetzung vor und doch habe ich das Gefühl, dass der Autor hierzulande nicht zu den ganz bekannten gehört. Auch ich habe ihn nach der Lektüre von Der Goldsucher, die schon viele Jahre zurückliegt (das muss eigentlich ziemlich bald nach der Veröffentlichung 1985 gewesen sein), aus den Augen verloren. Nun legt der Verlag Kiepenheuer und Witsch zwei neue Erzählungen von Jean-Marie Gustave Le Clézio in der Übersetzung von Uli Wittmann vor – Bretonisches Lied. Weiterlesen „Jean-Marie Gustave Le Clézio – Bretonisches Lied“

Sarah M Broom – Das gelbe Haus

Am 28. August 2005 braut sich auf der extrem aufgeheizten Meeresoberfläche des Golfes von Mexiko ein verheerender Sturm zusammen und zieht Richtung New Orleans an der Küste Louisianas. Ray Nagin, der Bürgermeister der Stadt, ordnet eine Zwangsevakuierung an. Geschätzt eine Million Menschen machen sich auf völlig verstopften Straßen nach Norden auf, weg von der Küste. Die, die nicht fliehen wollen oder können, werden im Superdome der Stadt untergebracht. Am Morgen des 29. August 2005 erreicht Hurrikan Katrina New Orleans mit einer sechs Meter hohen Bugwelle und drängt sich durch ein Netz von Wasserstraßen und künstlichen Kanälen bis ins Herz der stellenweise unter Normalnull liegenden Stadt. Entlang dieser Kanäle brechen Deiche und Flutmauern, ganze Stadtteile stehen teilweise bis zu den Dachfirsten unter Wasser. 1836 Menschen sterben, Unzählige verlieren ihr Zuhause. Darunter die Familie der Autorin Sarah M Broom, die diese Ereignisse in ihr Memoir Das gelbe Haus einfließen lässt. Weiterlesen „Sarah M Broom – Das gelbe Haus“