Sigrid Undset – Kristin Lavranstochter Die Frau

Nachdem Kristin Lavranstochter im ersten Teil der Trilogie, für die die Autorin 1928 den Literaturnobelpreis erhielt, als junge eigenwillige Frau ihre Ehe mit dem angebeteten Erlend Nikulaussohn durchgesetzt hat, führt Sigrid Undset die Geschichte in Die Frau fort. Gegen den Willen ihres geliebten Vaters Lavrans Bjørgulvssohn hat sich Kristin diese Ehe ertrotzt. Ihre voreheliche Schwangerschaft konnte dadurch gerade noch legitimiert werden. Der schlechte Ruf Erlends, der zuvor mit einer anderen Frau in unehelicher Gemeinschaft lebte, aus der zwei gemeinsame Kinder stammen, erholt sich durch Kristins sorgsames Haushalten und erfolgreiche Geschäfte ihres Mannes langsam. Weiterlesen „Sigrid Undset – Kristin Lavranstochter Die Frau“

Lektüre Mai 2022

Vielleicht ist der Mai mein Lieblingsmonat. Zumindest öffnet er das Tor zu meiner Lieblingsjahreszeit, dem Sommer. Ächzen und Stöhnen über zu viel Hitze oder Klagen, weil es nicht regnen will, sind mir weitgehend fremd. Natürlich, auch ich würde mir konstante 25° Celsius, Sonne, leichte Brise und nächtliche Regenschauer wünschen, wenn ich dürfte. Aber lieber 30° als 20° und lieber Garten gießen als ständig Regen. Bisher habe ich noch nicht allzu viel draußen lesen können, aber vielleicht ändert sich das ja im Juni. Meine Lektüre im Mai 2022 war aber schon sehr sonnig und schön. Ein abgebrochenes Buch und sonst nur gute bis sehr gute. Weiterlesen „Lektüre Mai 2022“

Helga Flatland – Zuunterst immer Wolle

Für die 67-jährige Anne ist es keine leichte Entscheidung, ihren stark pflegebedürftigen, dementen Ehemann Gustav in ein Pflegeheim zu geben. Zu sehr ist sie ihm noch emotional verbunden. Aber es liegen lange Jahre der Pflege bereits hinter ihr. Gustav war erst vierzig, als er den ersten Schlaganfall erlitt. Es folgten noch etliche weitere. Zunächst büßte er sein Sprachvermögen, dann motorische Fähigkeiten und schließlich auch noch Gedächtnis und Persönlichkeit ein. Zunehmend reagierte er auch aggressiv. Was für Anne nun trotz ihrer regelmäßigen Besuche im Pflegeheim eine Art Befreiung und Unabhängigkeit hätte werden können, durchkreuzt das Schicksal erneut aufs härteste. Bei ihr wird ein Darmtumor entdeckt, der bereits Metastasen gebildet hat. Anne wird sterben. Dass ihre Geschichte in Zuunterst immer Wolle dennoch keine deprimierende oder dunkle geworden ist, verdankt sich der pragmatischen, manchmal etwas ruppigen Art, mit der Helga Flatland ihre Protagonistin ausgestattet hat. Weiterlesen „Helga Flatland – Zuunterst immer Wolle“

Stewart O’Nan – Ocean State

Von Beginn an ist klar, wie Ocean State, der neueste Roman des amerikanischen Autors Stewart ONan enden wird:

„Als ich im achten Schuljahr war, half meine Schwester dabei, ein anderes Mädchen zu töten. Sie sei verliebt gewesen, sagte meine Mutter, als wäre das eine Entschuldigung. Sie habe nicht gewusst, was sie tat.“ Weiterlesen „Stewart O’Nan – Ocean State“

Margaret Laurence – Eine Laune Gottes

Als 2020 anlässlich des geplanten Gastlandauftritts von Kanada der Roman Ein steinerner Engel  in neuer Übersetzung bei Eisele erschien, war ich nicht nur sehr begeistert, sondern auch sehr erstaunt, dass dieser großartige Text trotz zweimaliger Veröffentlichungen auch auf Deutsch (1965, 1988) hierzulande doch wenig Beachtung erhalten hat. Genauso verwunderlich ist, dass das nun ebenfalls bei Eisele erscheinende Eine Laune Gottes von Margaret Laurence bisher noch nicht einmal in deutscher Übersetzung vorlag. Nun hat ebenfalls Monika Baark diesen u.a. von Margaret Atwood hochgelobten und mit dem Govenor General´s Award, Kanadas renommiertestem Literaturpreis, ausgezeichneten Roman übertragen. Weiterlesen „Margaret Laurence – Eine Laune Gottes“

Claire Keegan – Kleine Dinge wie diese

Die irische Autorin Claire Keegan hat mit Kleine Dinge wie diese ein schmales, erstaunliches Buch geschrieben und der Steidl Verlag daraus ein kleines bibliophiles Schmuckstück gemacht. Mit wenigen Worten thematisiert die Autorin ein dunkles Kapitel irischer Geschichte und lässt einen Mann einen Gewissenskonflikt austragen. Ein wenig erinnert die Atmosphäre an Charles Dickens und seine Weihnachtsgeschichte. Und tatsächlich spielt Claire Keegan darauf auch verschiedentlich direkt an. Weiterlesen „Claire Keegan – Kleine Dinge wie diese“

Sarah Orne Jewett – Deephaven

Was für ein schöner, bezaubernder, sommerleichter Roman! Und immer wieder bin ich erstaunt, welch wunderbare Texte wieder- oder neuentdeckt werden. Vorzugsweise solche aus weiblicher Feder, denn die hat man ja gerne mal übersehen und nicht des Übersetzens für würdig gehalten, stammten sie nicht gerade von einer Jane Austen oder einer der Brontё-Schwestern. In den letzten Jahren tauchen so immer wieder kleine Perlen aus den Tiefen des Klassiker-Meeres auf. Haben sie dann das Glück, einen Bezug zur wirklichen See zu besitzen, kann es sein, dass sie als wunderbar gestaltete Ausgabe der Reihe Mare Klassiker erscheinen. Wie vor kurzem Deephaven, das Romandebüt der 1849 geborenen Sarah Orne Jewett. Weiterlesen „Sarah Orne Jewett – Deephaven“

Jan Costin Wagner – Am roten Strand

Jan Costin Wagner zählt wie sein Kollege Friedrich Ani zu den stillen, melancholischen deutschen Krimiautoren, die weder viel Blut noch Action benötigen, um ihre Leser:innen zu fesseln. Oft überschreiten sie die Genregrenze und liefern empathische Psychogramme und dunkel-schwermütige Gesellschaftsbetrachtungen. Mit Am roten Strand bleibt Jan Costin Wagner diesem Stil treu. Weiterlesen „Jan Costin Wagner – Am roten Strand“

Fabrice Humbert – Der Ursprung der Gewalt

Als Fabrice Humbert seinen dritten Roman L´origine de la violence (dt Der Ursprung der Gewalt) 2009 veröffentlichte, wurde er nahezu sofort ein großer Erfolg. Das Buch wurde 2009 mit dem Orange Book Prize, 2010 mit dem Renaudot Pocket Book Prize und dem Grandes Écoles Literaturpreis ausgezeichnet, 2016 wurde es von Élie Chouraqui verfilmt. Es folgten Übersetzungen in zahlreiche Sprachen. Nur eine fehlte bisher: Deutsch. Dabei ist die autobiografisch inspirierte Spurensuche des an einem Deutsch-Französischen Gymnasium nahe Paris unterrichtenden Französischlehrers Humbert ein dezidiert der gemeinsamen Geschichte gewidmetes Buch. Das mangelnde Interesse ist vermutlich weniger durch das Thema des Romans begründet; vielleicht liegt es daran, dass es ein gefühlt sehr französisches Buch ist und man hierzulande dem unterkühlt-intellektuellen Herangehen an die eigene Familiengeschichte und ihre tragische Verstrickung mit Judenverfolgung und Nationalsozialismus eher skeptisch gegenübersteht. Weiterlesen „Fabrice Humbert – Der Ursprung der Gewalt“