Ralf Rothmann – Die Nacht unterm Schnee

Als 2015 Im Frühling sterben erschien, war wahrscheinlich noch gar nicht an eine Fortsetzung gedacht worden, sondern einfach nur dem Bedürfnis genüge getan, die schon mehrfach fiktionalisierte Geschichte des Vaters um dessen traumatische Erlebnisse in den letzten Kriegstagen zu erweitern. Noch im Februar 1945 wurden der 17jährige Melker Walter Urban und der gleichaltrige Fiete von der Waffen-SS zwangsrekrutiert und an die ungarische Front geschickt. Dass Walter dort an der Hinrichtung seines der versuchten Desertion beschuldigten Freundes mitwirken musste, hat ihn nachhaltig zerbrochen. 2018 ergänzte Rothmann seine Erzählung des Kriegsendes um die Geschichte der in der norddeutschen Heimat Zurückgebliebenen. Die Frauen auf dem Hofgut bei Schleswig, die aus dem Osten Geflüchteten, die es dorthin verschlagen hat, stehen in Der Gott jenes Sommers im Mittelpunkt. Nun folgt mit Die Nacht unterm Schnee ein Buch, das die Vorgänger zur Trilogie weitet und seinem Autor Ralf Rothmann vermutlich am schwersten gefallen ist. Weiterlesen „Ralf Rothmann – Die Nacht unterm Schnee“

Irene Solá – Singe ich, tanzen die Berge

Was für ein außergewöhnliches, wundersames Buch, das 2020 den Europäischen Literaturpreis erhielt und ein erfolgreicher Bestseller wurde. Die junge katalanische Autorin Irene Solá springt in ihrem Roman Singe ich, tanzen die Berge durch Jahrhunderte spanischer Geschichte und lässt nicht nur der Hexenverfolgung zum Opfer gefallene heilkundige Frauen erzählen, sondern auch einen Hund, einen Rehbock, einen Bär und die Totentrompeten, die zur Familie der Stoppelpilzverwandten gehören. Ja sogar den Gewitterwolken und – ziemlich in der Mitte des Buchs – den Bergen der Pyrenäen, die über ihre Entstehung sinnieren, verleiht die Autorin eine Stimme. Weiterlesen „Irene Solá – Singe ich, tanzen die Berge“

Najat El Hachmi – Am Montag werden sie uns lieben

Ein weiterer mit dem Nadal-Preis (2021) ausgezeichneter Roman stammt von der marrokanisch-spanischen Autorin Najat El Hachmi. Eindringlich und bewegend erzählt sie darin vom Aufwachsen junger Mädchen aus Migrantenfamilien weit vor den Toren Barcelonas. Zerrissen zwischen den autoritären Ansprüchen ihrer im unangetasteten Patriarchat sozialisierten Eltern und den modernen westlichen Lebensformen, die sie umgeben, suchen Naíma und ihre Freundinnen ihren Weg. Najat El Hachmi lässt sie hoffen, dass nach all den Anstrengungen, es richtig zu machen, sich selbst und sein Verhalten zu perfektionieren, dass dann endlich gilt Am Montag werden sie uns lieben. Weiterlesen „Najat El Hachmi – Am Montag werden sie uns lieben“

Eduardo Lago – Brooklyn soll mein Name sein

Bereits 2006 erhielt der in New York als Leiter des dortigen Instituto Cervantes tätige Spanier Eduardo Lago für seinen Debütroman Brooklyn soll mein Name sein zwei hochrangige Literaturpreise, den Premio Nadal und den Premio de la Crítica de narrativa castellana. Nun ist das so herausfordernde wie verspielte Werk, wohl auch Dank des angekündigten Gastlandauftritts Spaniens bei der Frankfurter Buchmesse, endlich auch auf Deutsch in der Übersetzung von Guillermo Aparicio im Kröner Verlag erschienen. Ich hoffe sehr, dass es nicht das letzte übersetzte Buch des James-Joyce- Kenners Lago, der seit 2011 wieder am Sarah Lawrence College unterrichtet, bleiben wird. Weiterlesen „Eduardo Lago – Brooklyn soll mein Name sein“

Literatur aus Portugal Teil 1

Fernando Pessoa (1888–1935), der Literaturnobelpreisträger von 1998 José Saramago (1922–2010) und António Lobo Antunes (*1942) sind die Autoren, die dem Lesepublikum beim Stichwort Literatur aus Portugal vielleicht als Erstes einfallen. Wenn man zeitlich etwas zurück geht, dann kommen vielleicht noch die Namen José Maria Eça de Queiroz (1845–1900), der „portugiesische Zola“, oder der Nationaldichter Luís de Camões (1524/25–1579/80), der 1572 das Epos „Die Lusíaden“ schrieb und dem portugiesischen Kulturzentrum seinen Namen schenkte, entsprechend unseren Goethe-Instituten, in den Sinn. Weiterlesen „Literatur aus Portugal Teil 1“

James Baldwin – Von einem Sohn dieses Landes

Der afroamerikanische Schriftsteller James Baldwin erlebt seit ein paar Jahren eine völlig verdiente und längst überfällige (Wieder)Entdeckung, was nicht nur der verblüffenden Aktualität seiner Texte, gerade auch vor dem Hintergrund der Black Lives Matter-Bewegung, sondern auch den hervorragenden Übersetzungen durch Miriam Mandelkow zu verdanken ist. Ich habe bereits einen längeren Blogbeitrag über die bisher bei dtv neu veröffentlichten Bücher von James Baldwin geschrieben, nun erscheint endlich mit Von einem Sohn dieses Landes der zweite Band mit Essays.

„Endlich“, weil meine erste Begegnung mit dem Autor tatsächlich über einen Text hieraus verlief. In Fremder im Dorf schrieb Baldwin über seine Aufenthalte im kleinen schweizerischen Dorf Leukerbad, wo er zwischen 1951 und 1953 dreimal verweilte, u.a. um seinen ersten Roman, Von dieser Welt, zu vollenden. Wie ein Schaf in der Wüste war das Radiofeature des SRF betitelt, das mir den Autor Baldwin, von dem ich lediglich den Namen kannte, näherbrachte und mein Interesse an ihm weckte. Das Feature ist auch heute noch unter diesem Link zu erreichen. Weiterlesen „James Baldwin – Von einem Sohn dieses Landes“

Sabine Huttel – Das russische Rätsel

Liane ist kein abenteuerlustiger Mensch. Die ein paar Jahre vor ihrem Ruhestand stehende Bilbliothekarin lebt eher ein Leben auf Sparflamme. Deshalb gleicht es einem Wunder, dass sie die Einladung ihres jungen Freundes G., ihn in Russland zu besuchen, um endlich einmal Licht in ein Familienereignis zu bringen, das Liane seit ihrer Kindheit belastet. Und so macht sie sich im neuen Roman von Sabine Huttel auf, Das russische Rätsel zu lösen. Weiterlesen „Sabine Huttel – Das russische Rätsel“

Donna Leon – Milde Gaben

Milde Gaben – Milde Spannung. So könnte man titeln, wäre nicht das schon eine regelrechte Übertreibung. Donna Leon, wahrlich noch nie eine Vertreterin der handlungsgetriebenen, actionreichen Spannungsliteratur, sondern eher der leisen, atmosphärischen Krimis, hat sich mit ihrem neuesten Brunetti, dem mittlerweile 31. Band, Milde Gaben, selbst über- oder soll man lieber sagen unterboten. Ist es typisch und irgendwie liebgewonnene Tradition, dass in den jährlich im Mai erscheinenden Vendig-Krimis die Verbrechen sich erst im Laufe der Erzählung herauskristallisieren, ja manchmal gar nicht wirklich vorhanden sind, und sich auch die Sapnnung sehr langsam auf ein eher mittleres Niveau hochschraubt, weiß man bei Milde Gaben als Leserin tatsächlich auch am Ende nicht, was Donna Leon da eigentlich erzählt hat. Weiterlesen „Donna Leon – Milde Gaben“

Anna Burns – Amelia

2018 erhielt Anna Burns für ihren fulminanten Roman Milchmann den Booker Prize, Grund genug für ihren deutschen Verlag, Tropen, nun auch ihr Debüt Amelia zu veröffentlichen. Nicht immer ist das Ausgraben von Frühwerken von plötzlich erfolgreichen Autoren wirklich ein Gewinn. Hier handelt es sich um einen ausgesprochenen Glücksfall. Denn schon in dem 2001 erschienenen Roman, Original No bones, zeigt Anna Burnes ihren ganz eigenen und sehr eigenwilligen Ton. Weiterlesen „Anna Burns – Amelia“

Abdulrazak Gurnah – Ferne Gestade

Nachdem sich der deutsche Literaturbetrieb im vergangenen Jahr nach der Verkündung des Literaturnobelpreises ausgiebig die Augen gerieben hat – Wer war denn nun schon wieder dieser Abdulrazak Gurnah? Nie gehört! – , sämtliche Bestände an übersetzten Werken desselben aus den Antiquariaten weggekauft waren – kein einziger Titel war aktuell lieferbar – , machte sich allmählich die Überzeugung breit, dass es vielleicht doch den Richtigen getroffen hat, dass da mehr als ein Kontinentproporz oder ein  Originalitätswettrennen bei der Wahl der viel gescholtenen Schwedischen Akademie in Stockholm im Spiel war. Hin und wieder wurde noch an dem ersten neu aufgelegten Roman, Das verlorene Paradies (Original Paradiese, 1994, Shortlist Booker Prize) herumgemäkelt (von mir nicht). Jetzt dürfte aber spätestens mit Ferne Gestade (Original: By the sea, 2001, Longlist Booker Prize) klar sein, dass Abdulrazak Gurnah den Nobelpreis völlig verdient für seine literarische Qualität zugesprochen bekommen hat. Weiterlesen „Abdulrazak Gurnah – Ferne Gestade“