Bart van Es – Das Mädchen mit dem Poesiealbum

Im vergangenen Jahr erhielt Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es den britischen Costa Award (bis 2005 Whitbread Award) in der Sparte Biografie und wurde aus allen fünf Siegertiteln zum Buch des Jahres gewählt.

Der aus den Niederlanden stammende, seit seiner Kindheit allerdings in England lebende und in Oxford Literaturwissenschaften lehrende Bart van Es erzählt darin die Geschichte von Hesseline de Jong, die als jüdisches Mädchen in einem Versteck die Verfolgung durch die Nationalsozialisten in den Niederlanden überlebt hat. Er erzählt aber gleichzeitig auch aus der eigenen Familiengeschichte. Denn eine der Familien, die die kleine Lien bei sich aufnahm, versteckte und dadurch rettete, war die seiner Großeltern. Immer wieder hat er reden hören von dem jüdischen Mädchen, das bei den van Es zeitweise lebte, aber eher versteckt. Der Kontakt zu ihr war schon lange Zeit abgebrochen. Eine alte Geschichte, an die man besser nicht rührt, rät die Mutter von Bart van Es. Dieser wird aber gerade dadurch neugierig, stellt Nachforschungen an, besucht Archive, knüpft schließlich im Jahr 2014 den Kontakt zur mittlerweile über achtzigjährigen Lien de Jong, die in Amsterdam lebt. Weiterlesen „Bart van Es – Das Mädchen mit dem Poesiealbum“

Jaroslav Rudiš – Winterbergs letzte Reise 1. Versuch

Jaroslav Rudiš Winterbergs letzte Reise stand auf der Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse. Warum ich vorerst daran scheiterte.

Trotz aller gebotenen Skepsis angesichts von Literaturpreisen, werfe ich doch immer wieder gerne einen Blick auf deren Auswahl in Form von Long- oder Shortlisten und verfolge auch die Prämierungen am Ende mit Interesse. So sind mir schon oft Bücher in die Hände gefallen, die sich sonst meiner Aufmerksamkeit entzogen hätten. Was schade gewesen wäre. Außerdem erhält man so immer auch einen Blick auf die aktuelle Literaturszene mit ihren jeweiligen Vorlieben. Das es den besten Roman nicht geben kann, ist klar. Wer sollte dafür die Kriterien erstellen? Und sie dann anwenden? Weiterlesen „Jaroslav Rudiš – Winterbergs letzte Reise 1. Versuch“

Katharine Dion – Die Angehörigen

„The dependents“, so der Originaltitel des Romans der jungen amerikanischen Autorin Katharine Dion. Mehr noch als die deutsche Entsprechung Die Angehörigen schwingt dort etwas mit, das man manchmal gerne eher verdrängen möchte, das aber in irgendeiner Form immer vorhanden ist, besonders, wenn die Menschen, denen man „angehört“, sehr nahe stehen: die Abhängigkeit. Nicht so sehr eine materielle, sondern eine emotionale Abhängigkeit, in der man sich befindet. Und die beim Verlust dieses Menschen eine schwer zu füllende Lücke hinterlässt. Weiterlesen „Katharine Dion – Die Angehörigen“

Alexander Pechmann – Die Nebelkrähe

Alexander Pechmann – Die Nebelkrähe – mehr als ein viktorianischer Schauerroman

London, 1923. Der Große Krieg ist mehr als vier Jahre vorbei, aber die Gräuel sind noch lange nicht vergessen. Auch Peter Vane, ein junger Wissenschaftler, ist tief traumatisiert. Besonders den Verlust seines Kameraden Finley hat er nicht verwunden. Dieser gilt seit einer Verletzung an der Front als vermisst und gab ihm kurz vor seinem Verschwinden eine kleine Daguerrographie, die ein Mädchen darstellt und die Peter zu einer Art Talisman geworden ist. Weiterlesen „Alexander Pechmann – Die Nebelkrähe“

Siri Hustvedt – Damals

Eine fein gezeichnete nackte Frau fliegt mit weit ausgebreiteten Armen und emporgerecktem Gesicht in einen orangenen Himmel, in der rechten Hand hält sie ein Springmesser. Im Hintergrund ist das Empire State Building zu erkennen. Eine der zwölf äußerst gekonnten Zeichnungen der Autorin ziert das Cover des neuen Romans von Siri Hustvedt. (Dieser erscheint, wie in letzter Zeit immer wieder, zuletzt bei T.C.Boyle, in der deutschen Übersetzung vor der amerikanischen Originalausgabe, auf deren Cover die besagte fliegende Dame in einem lustigen Outfit unterwegs ist – amerikanische Prüderie lässt grüßen) Weiterlesen „Siri Hustvedt – Damals“

Daniela Krien – Die Liebe im Ernstfall

Es gibt Bücher, da weiß man bereits nach wenigen Sätzen: „Ja, das könnte was werden, das scheint zu passen.“ (Hin und wieder wird man dann dennoch enttäuscht.) Bei Daniela Krien und ihrem von fast allen Seiten hochgelobtem Roman Die Liebe im Ernstfall kam mir dagegen bereits auf Seite 18 der Verdacht, dass wir keine Freunde werden würden. Weiterlesen „Daniela Krien – Die Liebe im Ernstfall“

Lektüre März 2019

Die Lektüre im März 2019 ist immer geprägt von einer Flut an Neuerscheinungen, die einen Platz auf der Leseliste einfordern, und natürlich der Leipziger Buchmesse, die Vorbereitung und Nachbereitung erfordert, und damit Zeit.

Es war eine wunderbare Messe für mich. Ich konnte leider nur zwei Tage in Leipzig sein, dadurch wurde sie so dicht und intensiv, dass es für eine Berichterstattung zeitlich nicht reichte. Auch für einen anschließenden Messebeitrag hat es aus Zeitgründen diesmal nicht gereicht. Ich habe aber unglaublich viele tolle Eindrücke und Buchinspirationen mitgebracht, so viele Buchmenschen – Blogger, Verlagsmitarbeiter, Autoren – getroffen wie noch nie. Dank dtv konnte ich die Übersetzerin Miriam Mandelkow treffen und ihr ein paar Fragen zum Werk James Baldwins, das sie aktuell neu übersetzt, und das mich sehr begeistert stellen (Bericht darüber folgt). Ein paar Eindrücke von der LBM 2019 möchte ich hier nun doch mit euch teilen, bevor ich auf meine im März gelesenen Bücher zu sprechen komme. Weiterlesen „Lektüre März 2019“

Dilek Güngör – Ich bin Özlem

Dilek Güngör – Ich bin Özlem

„Ich bin Özlem. Meine Eltern kommen aus der Türkei.“

Obwohl Özlem nur wenige Urlaube in der Türkei verbracht hat, sie wenig mit der türkischen Kultur und noch weniger mit dem islamischen Glauben verbindet, einen deutschen Ehemann und zwei Kinder mit nicht-türkischen Namen hat, dazu deutsche Freunde, einen deutschen Pass und eine komplett deutsche Sozialisation – immer wieder taucht er auf, der sogenannte „Migrationshintergrund“. Weiterlesen „Dilek Güngör – Ich bin Özlem“

Anke Stelling – Schäfchen im Trockenen

Genau eines der für den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Bücher der Kategorie Belletristik hatte ich im Vorfeld gelesen. Recht fokussiert, wütend und bitter(böse) räumte ich ihm eigentlich keine großen Chancen für den Gewinn ein. Aber Anke Stelling hat mit  Schäfchen im Trockenen die Jury augenscheinlich genauso überzeugt wie mich. Weiterlesen „Anke Stelling – Schäfchen im Trockenen“

Backlist: Anke Stelling – Bodentiefe Fenster

Sandra ist eine von denen, die „eigentlich alles haben“: einen netten, verständnisvollen und unterstützenden Mann, zwei Wunschkinder, einen Job als freie Journalistin mit Büro fernab der Wohnung, der ihr genug Freiraum lässt, eine schöne Wohnung in Prenzlauer Berg in einem innovativen Wohnprojekt „Mehrgenerationenhaus“, alles natürlich ökologisch bestens durchdacht, und sogar einen Kitaplatz in der Nähe.

„Es geht uns gut.“
versichert sie sich so auch einige Male im Verlauf des Romans, der ein innerer Monolog Sandras ist, eine Selbstvergewisserung, eine Klage. Weiterlesen „Backlist: Anke Stelling – Bodentiefe Fenster“