Sigurður Pálsson – Gedichte erinnern eine Stimme

Sigurður Pálsson – Gedichte erinnern eine Stimme

 

Weiße Nacht

Schlaflos war sie nicht
diese Nacht
Gleichwohl war sie weiß
vollkommen schneeweiß
Am Morgen liegt ein Blatt
mit Buchstaben auf dem Tisch
Der, der am Tisch saß
ist verschwunden

 

Der, der am Tisch saß, ist verschwunden. Der isländische Dichter, Autor und Übersetzer Sigurður Pálsson ist am 19. September 2017 verstorben. Sein letzter Gedichtband, sein sechzehnter, ist gerade auf Deutsch in einer ausgesprochen hochwertigen und schönen zweisprachigen Ausgabe im Elif Verlag erschienen. Übertragen wurden die Gedichte von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer. Auf dem Blog des Letzteren, den ich im Übrigen allen an Literatur aus Island interessierten empfehlen möchte, habe ich zum ersten Mal von Sigurður Pálsson gehört und gelesen.

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Nicoletta Giampietro – Niemand weiß, dass du hier bist

1942 in Siena, Italien befindet sich seit zwei Jahren an der Seite des Deutschen Reichs im Weltkrieg, von dem man zunächst recht wenig mitbekommt. Zwar sind Lebensmittel rationiert, doch man kommt zurecht. Und weite Teile der Bevölkerung erleben die Siege der Achsenmächte wie im Rausch, Benito Mussolini ist noch der fast gottgleiche Führer, Italien das strahlende Mutterland, für das man gerne in den Krieg zieht.

So sieht es auch der zwölfjährige Lorenzo, ein fleißiger und eifriger Balilla, Mitglied der Jugendorganisation der Nationalen Faschistischen Partei. Auch in Italien wurden die Kinder von klein auf auf die richtige ideologische Schiene gesetzt. Weiterlesen „Nicoletta Giampietro – Niemand weiß, dass du hier bist“

Lawrence Osborne – Welch schöne Tiere wir sind

Lawrence Osborne „Welch schöne Tiere wir sind“.

Reichlich Selbstverliebtheit, eine Spur Lebensekel, Langeweile, Überdruss – all das spielt hinein in diesen Ausspruch der 24 jährigen Naomi Codrington, eine der beiden weiblichen Hauptfiguren in Lawrence Osbornes neuem Roman, der ihm den Titel verlieh.

Naomi ist auf der sogenannten Sonnenseite geboren, der Vater schwerreicher Besitzer einer Fluglinie und Kunstsammler. Die leibliche Mutter starb, als Naomi ein Teenager war, aber wirklich viel Trauer darüber ist im Buch nicht zu spüren. Das mag daran liegen, dass der Roman strikt in der Handlungsgegenwart verbleibt. Rückblenden, Erinnerungen, Verschiebungen der Zeitebenen gibt es hier nicht. Und auch die Protagonisten denken selten rückwärtsgewandt. Das verschafft dem Erzählten eine interessante Oberflächlichkeit, die zu den handelnden Personen zu passen scheint. Weiterlesen „Lawrence Osborne – Welch schöne Tiere wir sind“

Annie Ernaux – Der Platz

Spät wurde sie hier bei uns in Deutschland entdeckt und so langsam wird ihr der gebührende Platz am Literarischen Himmel, den sie im Heimatland Frankreich schon lange einnimmt, auch hier eingeräumt: Annie Ernaux, Jahrgang 1940, ist seit ihrer 2017 auf Deutsch (mit neun Jahren Verspätung) erschienenen Autobiografie „Die Jahre“ auch hierzulande eine Bestsellerautorin, hochgelobt von der Kritik und geliebt von den Leser*innen. Ein wenig hat sicher der Erfolg von Autoren wie Édouard Louis und Didier Eribon, die beide Bewunderer Ernauxs sind, und auch der 2017 erfolgte Gastlandauftritt Frankreichs bei der Frankfurter Buchmesse beigetragen. Es ist zumindest sehr zu begrüßen, dass sich der Suhrkamp Verlag daraufhin zur (Wieder)Veröffentlichung älterer Werke (in hoffentlich noch größerer Zahl) entschlossen hat. Der Erfolg ihres neuesten Werks „Erinnerung eines Mädchens“ im letzten Jahr wird das sicher unterstützen.

Nun also ein kleines, ein ausgesprochen feines Büchlein (95 Seiten), das bereits 1983 erschien und 1984 den angesehenen Prix Renaudot erhielt. Weiterlesen „Annie Ernaux – Der Platz“

John Wray – Gotteskind

John Wray, 1971 geborener Amerikaner mit österreichischen Wurzeln, hat mit „Gotteskind“ einen hochbrisanten Roman geschrieben, seinen fünften bereits.

Für eine geplante Reportage reiste der Autor 2015 nach Afghanistan. Die Lage vor Ort erwies sich allerdings als zu schwierig, so dass er, einmal dort, einer anderen Idee nachging, nämlich der eines Buchs über den „amerikanischen Taliban“ John Walker Lindh, der im Alter von 16 zum Islam konvertierte und 2001 bis zu seiner Verhaftung auf Seiten der Taliban kämpfte. Im Rahmen seiner Recherchen hörte er Gerüchte über ein amerikanisches Mädchen, das sich ebenfalls auf Seiten der Gotteskrieger kämpfte. Überprüfen ließ sich das Gerücht nicht, John Wray nahm es als Inspiration für den vorliegenden Roman. Weiterlesen „John Wray – Gotteskind“

Fatima Farheen Mirza – Worauf wir hoffen

Noch deutlicher als vielleicht der deutsche Titel „Worauf wir hoffen“ verrät der Originaltitel, um was sich der bemerkenswerte Debütroman der Amerikanerin mit indischen Wurzeln Fatima Farheen Mirza dreht: „A place for us“.

Auf die eine oder andere Weise suchen alle Figuren des Romans ihren Platz – innerhalb der Familie, der Gesellschaft, dem Glauben.

Die Protagonisten, das sind die Eltern Rafik und Laila, die aus Indien nach Kalifornien auswanderten, Rafik, weil er dort beruflich vorankommen konnte, Laila, weil sie, wie zumindest in früheren Zeiten sehr üblich und weit verbreitet, aus ihrer Heimat Hyderabad heraus mit dem aussichtsreichen Mann in den USA verheiratet wurde. Das Paar durfte sich vor der Hochzeit zumindest kennenlernen, etwas, das ihren Eltern noch verwehrt wurde. Die beiden bekommen drei Kinder, Hadia, Huda und Amar.

Die Familie führt ein typisches Immigrantenleben, das geprägt ist durch Bemühungen um sozialen Aufstieg, berufliches Vorankommen und materielle Sicherheit. Gleichzeit sind Rafik und Laila streng gläubige Muslime, die ihren Glauben auch in der neuen Heimat intensiv praktizieren. Auch alte Traditionen werden hochgehalten, sei es die Muttersprache Urdu, sei es die traditionelle Rolle der Frau oder die strengen Sitten. So sind Tabak und Alkohol tabu, der Hijab für Frauen Pflicht und Sittsamkeit und Tugendhaftigkeit für Frauen die wichtigsten Werte. Weiterlesen „Fatima Farheen Mirza – Worauf wir hoffen“

Marko Dinić – Die guten Tage

Ein Bus auf dem Weg von Salzburg über Wien nach Belgrad. Drinnen Männer und Familien, die eine günstige Reisemöglichkeit nach Serbien brauchen. Ein „Gastarbeiterexpress“ rollt durch die ungarische Tiefebene. Einer der Fahrgäste ist der namenlose Ich-Erzähler, manche nennen ihn Švabo, den „Deutschsprachigen“, der in Belgrad aufgewachsen ist, seiner Heimat aber in jungen Jahren den Rücken gekehrt hat. Es war die Zeit nach den Jugoslawienkriegen der Neunziger Jahre, diesem erschütternden Zerfall eines europäischen Staates in Hass, Gewalt und Nationalismus. Davon erzählt Marko Dinić in Die guten Tage. Weiterlesen „Marko Dinić – Die guten Tage“

Lektüre Februar 2019

Wie immer, war der Februar viel zu kurz und verging wie im Fluge. Dennoch habe ich neun wunderbare Bücher gelesen, war auf zwei sehr gelungenen Lesungen – T.C. Boyle und Volker Kutscher und durfte auf der Verleihung des Bloggerpreises „Das Debüt“ an Bettina Wilpert für „Nichts, was uns passiert“ in Essen als Vertreter der Jury dabei sein. Und es gab wunderbare Lektüre Februar 2019 Weiterlesen „Lektüre Februar 2019“

Pierre Lemaitre Die Farben des Feuers

Bald nach dem großen Erfolg von „Wir sehen uns dort oben“ (Au revoir la haut), das 2013 in Frankreich den renommierten Prix Goncourt erhielt, war klar, dass Pierre Lemaitre damit nur den ersten Band einer geplanten Trilogie vorlegte, die „Trilogie de l’entre deux-guerres“. Umfasste dieser erste Teil die Zeit um den ersten Weltkrieg, so beginnt der nun vorliegende zweite, Die Farben des Feuers (Les couleurs de l´incendie), im Jahr 1927 mit dem Tod des Bankiers und Familienpatriarchen Marcel Péricourt. Weiterlesen „Pierre Lemaitre Die Farben des Feuers“

Sarah Moss – Gezeitenwechsel

Die 1975 in Glasgow geborene Autorin Sarah Moss ist hier in Deutschland, auch wenn fast alle ihrer Romane in Übersetzungen von Nicole Seifert vorliegen, nahezu unbekannt und selbst The Times spricht von ihr als wohl eine der am meisten unterschätzten zeitgenössischen Autor*innen Großbritanniens. Vielleicht liegt es daran, dass sie sich thematisch nicht leicht einordnen lässt. Frauen stehen im Mittelpunkt ihrer Romane, oft mit historischem Hintergrund. Für ihre Promotion beschäftigte Moss sich mit Literatur der englischen Romantik, auch das schlägt sich nieder, und es geht oft um Alltägliches. Mich hat „Gezeitenwechsel“, der jüngst von Sarah Moss auf Deutsch erschienene Roman, sehr neugierig gemacht auf ihre anderen Werke. In Großbritannien ist bereits ein neues Buch, „Ghost Wall“ erschienen, das sehr positive Kritiken erhielt. Weiterlesen „Sarah Moss – Gezeitenwechsel“