Natascha Wodin – Irgendwo in diesem Dunkel

Natascha Wodin – Irgendwo in diesem Dunkel

„Ich schaue sie lange an hinter der Scheibe, bis es dunkelt, bis das Friedhofstor abgeschlossen wird und ich gehen muss. Ihr Gesicht ist fern und verschlossen, es verrät nichts von den Umständen ihres Sterbens, nichts davon, warum sie uns, meine Schwester und mich, doch nicht mitgenommen hat, warum sie am Ende allein gegangen ist.“

So endete Natascha Wodins im letzten Jahr erschienener und mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneter Roman „Sie kam aus Mariupol“. Darin erzählt sie vom Leben ihrer Mutter, über das sie erst durch mühevolle Recherchen und nur bruchstückweise etwas erfahren hat. Denn die Mutter ging 1956, als Natascha Wodin gerade mal zehn Jahre alt war, ins Wasser der Regnitz, dem Fluss, an dem die fränkische Kleinstadt liegt, Wohnort der als ehemalige russische Zwangsarbeiter nach dem Krieg zu „Displaced Persons“ gewordenen Eltern. Die Suche nach Spuren dieser sehnlichst vermissten Mutter schilderte Wodin äußerst bewegend und schloss mit eben jenem Bild des kleinen Mädchens vor dem aufgebahrten Leichnam. Weiterlesen „Natascha Wodin – Irgendwo in diesem Dunkel“

Rachel Cusk – Kudos

Mit „Kudos“ wählt Rachel Cusk einen im englischsprachigen Raum und wohl auch im Internet durchaus gebräuchlichen, aus dem Griechischen stammenden Begriff für Anerkennung,  vergleichbar dem deutschen (ungleich bräsigerem) „Hut ab!“, zum Titel. Kudos ist der dritte Teil der von der Autorin so genannten „weiblichen Odyssee des 21. Jahrhunderts“ von Rachel Cusk betitelt.

„Outline“ und „Transit“ gehen ihm voraus. Und wieder haben wir es mit Faye zu tun, jener Schriftstellerin im mittleren Alter, geschieden, zwei Teenagersöhne, wiederverheiratet, die wir als schweigende, fast unsichtbare Erzählerin kennenlernten. Auch hier wird sie vor allem zur Zuhörerin, die bei den unterschiedlichsten Begegnungen bei ihrem Gegenüber eine verwunderliche Offenheit und Redeflut auslöst, vielleicht gerade durch ihre zurückgenommene, fast passive Rolle. Oft wird geschrieben, dass Cusks Romane keinerlei Plot besitzen. Aber alle diese Gespräche enthalten eine komprimierte Geschichte, manchmal tragisch, manchmal lächerlich, manchmal alltäglich. Weiterlesen „Rachel Cusk – Kudos“

Andrew O´Hagan – Leuchten über Blackpool

Der nordwestlich von Manchester gelegene Küstenort Blackpool gilt in England als eine Geburtsstätte des Massentourismus und zeigt zugleich dessen Risiken. Schon im 18. Jahrhundert ein Seebad für die nordenglische Bevölkerung, erlebte es im Zeitalter der Industrialisierung einen enormen Aufschwung durch die Arbeiterklasse, die Blackpool zu ihrem bevorzugten Urlaubs- und Ausflugsort machte. Wer schon einmal durch englische Badeorte geschlendert ist, weiß um die Tristesse, die viele von ihnen ergriffen hat, nachdem die Urlaubsziele rund ums Mittelmeer immer billiger zu erreichen sind. Auch Blackpool ist dem Niedergang nicht entkommen. Einmal im Jahr allerdings, wenn der Sommer endet und bevor der Winter die britischen Inseln im Griff hat, erlebt die Stadt ihre berühmten „Illuminations“. Die Stadt, ihre Häuser, der Blackpool Tower und vor allem ihre Promenaden und Piers erstrahlen in einem farbigen (ungeheuer kitschigen) Glanz, der durch sein Leuchten die Trostlosigkeit überdecken und an vergangene Tage als großes Seebad erinnern soll. In seinem bezaubernden Roman „Das Leuchten über Blackpool“erzählt Andrew O´Hagan davon.

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Ayobami Adebayo – Bleib bei mir

Ayobami Adebayo erzählt in Bleib bei mir von Yejide und Akin, einem modernen Ehepaar in Nigeria. Sie stammen aus recht privilegierten Verhältnissen, haben studiert und aus Liebe geheiratet. Das ist vier Jahre her. Vier Jahre, in denen beide ziemlich glücklich waren.

Yejide selbst hat keine sehr schöne Kindheit hinter sich. Ihre Mutter starb bei ihrer Geburt und die anderen Frauen ihres Vaters – in Nigeria ist Polygamie durchaus noch verbreitet – haben sie nie richtig in die Familie integriert, sie verachtet und gepeinigt. Deshalb ist sie über die Ehe mit Akin, der die Vielehe wie sie ablehnt, so glücklich wie über die Liebe, Anerkennung und Zuwendung, die sie durch Akins Familie, insbesondere seine Mutter, erfährt. Sie leben in der südwestnigerianischen Stadt Ilesa, auch in der Ehe ist sie berufstätig, führt einen kleinen, gut gehenden Frisiersalon.

Nur eines fehlt noch. Etwas, das besonders in den alten, den Traditionen trotz vordergründiger Modernität und Aufgeschlossenheit stark verhafteten Gesellschaften für das Glück einer Frau, einer Ehefrau, unabdingbar ist: der Nachwuchs. Weiterlesen „Ayobami Adebayo – Bleib bei mir“

Züfü Livaneli – Unruhe

Unruhe – eine unerklärliche innere Unruhe plagt im Roman von Züfü Livaneli den Erzähler Ibrahim, einen modernen, westlich orientierten Journalisten in Istanbul, der quirligen, weltoffenen Stadt am Bosporus.

„Man meint immer, es sei umgekehrt, doch eigentlich ist Unruhe der normale Zustand im Leben, und innerer Friede nur etwas sehr Seltenes, Vergängliches.“

Ist es seine Scheidung, die in quält, oder die politischen Veränderungen in der Türkei, oder sind es die Dinge, die jenseits der Grenze geschehen, so nah und doch so fern. Seit sieben Jahren tobt vor der Haustür der Türkei ein blutiger, grausamer, aussichtsloser Krieg in Syrien, führt der islamische Staat einen Terrorfeldzug, werden Menschen getötet, verschleppt, gefoltert, vergewaltigt. An den Grenzen spürt man den Krieg, hier kommen die an, denen die Flucht gelang, existieren riesige Flüchtlingslager, man spricht mittlerweile von fast drei Millionen syrischer Flüchtlinge in der Türkei. Weiterlesen „Züfü Livaneli – Unruhe“

James Baldwin – Beale Street Blues

„If Beale Street could talk“ – eine Zeile des Bluesklassikers von 1916, in der vielleicht bekanntesten seiner vielen Interpretationen von Louis Armstrong gesungen, gibt dem vorletzten Roman von James Baldwin aus dem Jahr 1974 seinen Originaltitel – deutsch  Beale Street Blues. Weiterlesen „James Baldwin – Beale Street Blues“

Alexander Münninghoff – Der Stammhalter

Alexander Münninghoff ist ein niederländischer Journalist, der auch verschiedene Bücher veröffentlicht hat, unter anderem über Schach, in dem er eine ziemliche Koryphäe ist. Außerdem war er als Kriegsreporter unterwegs. Der Stammhalter ist der erste Roman von Alexander Münninghoff.

2014 erschien in den Niederlanden sein autobiographisches Buch, das sehr viel Beachtung und einige Preise erlangte und nun auch auf Deutsch erschienen ist. Es ist im Original „Een Familiekroniek“, im Deutschen wurde daraus der „Roman einer Familie“. Dabei trifft die Bezeichnung Chronik den nüchternen, berichtenden Ton, der sehr eng nicht nur auf Erinnerungen, sondern vor allem auch auf Zeitzeugnisse zurückgreift, recht gut. Weiterlesen „Alexander Münninghoff – Der Stammhalter“

Deutscher Buchpreis 2018 – Die Longlist

Seit heute ist sie wieder offiziell: Die Longlist für den Deutscher Buchpreis 2018 mit den 20 Romanen, die zur Wahl des Deutschen Buchpreises 2018 anstehen.

Jury für den Deutscher Buchpreis 2018 - Die Longlist
Jurysitzung für den Deutschen Buchpreis 2018 beim Börsenverein am 27.3.2018 in Berlin /// Foto: ©Monique Wüstenhagen

Vom 6. Februar bis 23. März konnten Verlage Titel einreichen, 105 Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sind der Einladung gefolgt und haben insgesamt 165 Titel vorgeschlagen. Eine siebenköpfige Jury, der dieses Jahr erstmals auch ein Buchblogger angehört, nämlich Uwe Kalkowski (Kaffeehaussitzer.de), hat daraus eben jene 20 Romane ausgewählt, die nun die Longlist Des Deutschen buchpreis 2018 bilden. Eine weitere „Eindampfung“ der Liste auf sechs Titel zur Shortlist wird bis zum 11. September erfolgen. Am 8. Oktober wird dann der Sieger im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse im Frankfurter Römer gekürt. Weiterlesen „Deutscher Buchpreis 2018 – Die Longlist“

Meg Wolitzer – Das weibliche Prinzip

„#Metoo“, „Womans March“, „Power to the polls“, „Get her elected“ – es scheint als erlebe der Feminismus nach einer Zeit, in der sich erstaunlicherweise gerade viele junge Frauen demonstrativ davon distanzierten, meinten, seine Ziele seien doch weitgehend erreicht, wieder neuen Schwung. Gerade in Amerika, wo mittlerweile ein expliziter Frauenverächter an der Macht sitzt, regt sich Gegenwehr. Hier spürt man vielleicht besonders deutlich, dass sich in den Denk- und Verhaltensmustern der Geschlechter doch gar nicht so grundlegend etwas verändert hat wie man gemeinhin glaubte. Meg Wolitzer will mit Das weibliche Prinzip dagegen anschreiben. Weiterlesen „Meg Wolitzer – Das weibliche Prinzip“