Jonathan Safran Foer – Hier bin ich

Jonathan Safran Foer – Hier bin ich

Jonathan Safran Foer - Hier bin ich„Hier bin ich“ heißt der neue Roman, den Jonathan Safran Foer nach langer Pause veröffentlicht hat. Sein bisher dritter.

„Hier bin ich“. So antworten die Stammväter in der Bibel, nachdem Gott sie gerufen hat. Sie sind ganz für ihn da. Ohne Vorbehalte, ohne Bedingungen. Sei es Abraham, der seinen Sohn Issak als Brandopfer darbringen soll, sei es Moses vor dem brennenden Dornbusch.

„Hier bin ich“ – diese Zusage zu bedingungsloser Solidarität seiner Eltern wünscht sich der 13 jährige Sam, als ihm wegen rassistischer und unflätiger Schmierereien droht, von der bevorstehenden Bar Mizwa, jener großen jüdischen Tradition an der Schwelle zum Erwachsensein, ausgeschlossen zu werden. Für seine Eltern eine mittlere Katastrophe, nicht nur weil schon alle Vorbereitungen inklusive der Anreise der israelischen Verwandtschaft abgeschlossen sind. Nein, obwohl nicht sonderlich religiös, hängt ihr jüdisches Selbstverständnis doch sehr an solchen Traditionen.

 

Weiterlesen „Jonathan Safran Foer – Hier bin ich“

John Williams – Augustus

John Williams – Augustus

John Williams - Augustus

Ein historischer Roman, der bereits 1971 erschienen ist, dessen Autor seit mehr als 20 Jahren tot ist und der nichts von dem enthält was (meist nicht die besten) Bücher dieses Genres sonst bei ihren LeserInnen so beliebt macht, nämlich das sinnenfrohe Eintauchen in das Leben vergangener Epochen, das Identifizieren mit den historischen Personen, gerne durch eine Entwicklungs- oder Liebesgeschichte, das opulente, breite Fabulieren. Dazu noch eine historische Epoche, die über 2000 Jahre zurück liegt – keines der bestsellerverdächtigen Zeitalter wie Mittelalter oder Tudorzeit.

Auch wenn der Autor damit 1973 den renommierten National Book Award gewann, wäre der bisher noch nicht ins Deutsche übersetzte und wohl auch im Original nicht besonders erfolgreiche Roman „Augustus“ sicher niemals bei uns erschienen, wenn das Vorgängerbuch „Stoner“ des Autors John Williams nicht ein so überraschender wie fulminanter Erfolg gewesen wäre. Welch Glück, dass es anders gekommen ist! Weiterlesen „John Williams – Augustus“

Ratih Kumala – Das Zigarettenmädchen

Ratih Kumala – Das Zigarettenmädchen

Ratih Kumala: Das Zigarettenmädchen

Indonesien ist ein Land, von dem man bisher literarisch recht wenig kannte. Im Rahmen „Gastland der Frankfurter Buchmesse“ wurden 2015 auch in Deutschland einige interessante Romane aus diesem sehr vielfältigen Inselreich veröffentlicht.
Einer davon ist Ratih Kumalas „Zigarettenmädchen“.

Es erzählt eine weit zurückreichende Familiengeschichte, ausgehend vom Patriarch einer Zigarettenmanufaktur, der auf dem Sterbebett nach einer Frau aus seiner Vergangenheit verlangt: Jeng Yah, das Zigarettenmädchen. Was hat es mit dieser Frau, deren Name in der Familie noch nie gefallen war und die doch bei der Mutter extreme Eifersucht auslöst, auf sich. Weiterlesen „Ratih Kumala – Das Zigarettenmädchen“

Navid Kermani – Sozusagen Paris

Navid Kermani – Sozusagen Paris

Navid Kermani - Sozusagen Paris

 

So many years now together?
All those good times, ups and downs
So many joys raising up those kids
Well they’ve moved on now, out of town

Aus: „Ramada Inn“ – Neil Young and Crazy Horse

 

Navid Kermani hat nie einen Hehl aus seiner Neigung zur Musik des kanadischen Rockmusiker Neil Young gemacht. Mit dem „Buch der von Neil Young Getöteten“ betrat der Autor nach zwei Texten über den Koran und den Iran die erzählerische Bühne.

Und auch in seinem neuen Buch „Sozusagen Paris“ nimmt ein Song Neil Youngs einen zentralen Platz ein, und zwar „Ramada Inn“ aus der 2012 erschienenen CD Psychodelic Pill.

Es geht im Text um ein Ehepaar, das nach langen Jahren des Zusammenseins in eine Krise geraten ist. Weiterlesen „Navid Kermani – Sozusagen Paris“

Kim Thúy – Der Geschmack der Sehnsucht

Kim Thúy – Der Geschmack der Sehnsucht

Kim Thúy - Der Geschmack der Sehnsucht

Kennt man das erste Buch der vietnamesischstämmigen Kanadierin Kim Thúy, dann hält man den neuen Roman wie einen alten Freund in der Hand.

Es ist genauso zart, fein und wunderschön aufgemacht. Der Ton ist der selbe: poetisch, aber glasklar, sehr kurze, locker gruppierte Kapitel, diesmal mit farbig abgesetzten vietnamesischen Begriffen versehen. Auch der Inhalt ähnelt. Wieder sind es kurze Erinnerungssplitter, die zusammengefügt einen Einblick in die Kindheit, Jugend, Gedanken- und Gefühlswelt einer früh nach Kanada emigrierten Vietnamesin geben. Doch ist der Schwerpunkt hier anders gesetzt.

Mãn wurde als uneheliches Kind schon früh von der Mutter abgegeben, kurzfristig von einer Art Nonne versorgt, bis sie schließlich bei einer Lehrerin ihren Platz zum Leben und ihre dritte „Mama“ fand. Diese gerät eher unfreiwillig in die Wirren des Vietnamkrieges, der sehr beiläufig, aber eindrücklich thematisiert wird. Um Mãn eine bessere Zukunft zu verschaffen, verheiratet sie sie an einen älteren Vietnamesen, der in Kanada lebt, eine durchaus gängige Praxis, gegen die sich Mãn auch nicht auflehnt. Auflehnung ist ihr sowieso völlig fremd. Sie nimmt die Dinge so, wie sie kommen. Unauffällig leben, größere Gefühle nicht zulassen, so hat sie es gelernt. Und so fügt sie sich auch in ihr neues Leben in einer Suppenküche in Montreal. So stört sie sich auch nicht an der völligen Gefühlsarmut in ihrer Ehe, bekommt zwei Kinder und verschafft dem kleinen Restaurant einen guten Ruf. Ihre ganze Energie und Liebe steckt sie in die Zubereitung köstlicher, authentischer Gerichte, die sie nicht nur mit ihrer Mutter und Heimat verbinden, sondern für sie den „Geschmack der Sehnsucht“ tragen. Ihre Kochkünste haben nicht nur ungeheuren Erfolg bei ihren Landsleuten, sondern sie lernt auch eine Kanadierin kennen, die mit ihr  ein Restaurant im größeren Stil aufzieht. Diese Julie wird zu einer wahren Freundin, die mit ihrer Herzlichkeit und Offenheit auch Mãns Gefühlspanzer etwas aufzubrechen vermag. Auf einem Kochseminar in Paris lernt sie dann Luc kennen und lieben. Auch wenn dieser Liebe keine Zukunft beschert ist, verändert sie Mãn doch nachhaltig.

Das Ganze ist so atmosphärisch dicht und sinnlich beschrieben, gleichzeitig aber auch so zart, knapp und präzise, das das ganze trotz der berührenden Thematik nicht in den Kitsch abgleitet. Es erzählt leise, fast behutsam von der Sehnsucht nach Heimat, der Zerrissenheit, aber auch dem Glück in der Fremde und ist auch aufgrund seiner wunderschönen Gestaltung eine kleine Perle.

Kim Thúy – Der Geschmack der Sehnsucht

Übersetzt von Andrea Alvermann und Brigitte Große

Kunstmann Februar 2014, gebunden, 143 Seiten, 16.95 € 

 

Kim Thúy – Der Klang der Fremde

Kim Thúy – Der Klang der Fremde

Kim Thúy - Der Klang der FremdeEin kleines, ein zartes Buch, das doch so viel Leid und Schicksalsschläge enthält. Es erzählt von einem vietnamesischen Mädchen, eng angelehnt an die Autorin selbst, das als Tochter einer reichen und auch politisch einflussreichen Familie in allem Luxus aufwächst. Nach dem Abzug der Amerikaner wird die Familie von den siegreichen Nordvietnamesen verfolgt und drangsaliert bis ihnen schließlich die Flucht nach Malaysia gelingt. Sie sind jene Boat People, die Ende der Siebziger Jahre in Massen die gefährliche Fahrt über das Meer wagten und sie oft nicht überlebten. Die Familie der Erzählerin schafft es, lebt unter unsäglichen Bedingungen in einem Flüchtlingslager bis ihnen die Weiterfahrt nach Kanada gelingt, nicht zuletzt durch geschmuggelte Reichtümer. Hier gelingt es besonders den Jüngeren, ein neues Leben aufzubauen.

Die Erzählerin erzählt ihre Geschichte nicht linear und chronologisch, sondern montiert kleine Erinnerungssplitter, oft nur wenige Sätze lang, zu Prosaskizzen zusammen, die hin und her springen von der Kindheit in Vietnam, der Flucht, dem Einleben in Kanada und ihrem Leben als Mutter, u.a. eines autistischen Kindes. Sie schildert die kulturellen Differenzen nicht nur zu den Mitbürgern im Zufluchtsland, sondern auch zu den bäuerlich geprägten Landsleuten aus dem Norden, Angst und Not der Flucht und zahlreiche auch recht dramatische Schicksale dicht, bildstark und intensiv. Dabei zeichnet sie auch Schicksalsschläge und schreckliche Zeiten mit leichter Hand und zartem Humor. Besonders auffallend ist der warmherzige, dankbare Blick auf die neue Heimat Kanada. Ein Land, von dem man in Sachen Integration anscheinend so manches lernen könnte. Kim Thúy ist mit ihrem Debüt ein ebenso präzises wie poetisches kleines Kunststück gelungen, das trotz seiner Knappheit sehr berührt.

Weitere Bücher von Kim Thuy sind Die vielen Namen der Liebe und Die vielen Namen der Liebe

Kim Thúy – Der Klang der Fremde

Übersetzt von Andrea Alvermann, Brigitte Große

Kunstmann September 2010, gebunden, 160 Seiten, 14.90 € 

 

Elena Ferrante – Die Geschichte eines neuen Namens

Elena Ferrante – Die Geschichte eines neuen Namens

Elena Ferrante - Die Geschichte eines neuen Namens

Im Sommer letzten Jahres brach es aus, oder wurde vielmehr allerorten beschworen – das Ferrante-Fieber! In allen erdenklichen seriösen oder weniger seriösen Medien, die sich auch nur im entferntesten mit Büchern beschäftigen, wurde „Meine geniale Freundin“ besprochen und vorgestellt und dabei äußerst offensiv beworben. Der Erfolg blieb nicht aus, das Buch gelangte sehr bald und dauerhaft in die Bestsellerlisten.

Ich stand diesem Phänomen etwas ratlos gegenüber. Erwartungen wurden geweckt, die selten realistisch sind, andererseits Abwehrmechanismen aktiviert, die dem objektiven Urteil auch kaum nutzen können.

Das Buch konnte durchaus unterhalten, zeichnete zumindest ansatzweise interessante Figuren und eine gut entwickelte Geschichte. Zudem wurde die Spannung gehalten und mit einem ungeheuren Cliffhanger geendet. Trotzdem konnte von einem Fieber bei mir keine Rede sein.

Ein wenig zögerte ich deshalb vor der Lektüre des zweiten Bandes, zumal über 600 Seiten zu bewältigen waren. Schließlich siegte aber doch die Neugier, die der erste Teil doch erfolgreich geweckt hatte. Außerdem kam mir zu Ohren, dass sich die Tetralogie steigern sollte. Weiterlesen „Elena Ferrante – Die Geschichte eines neuen Namens“

Howard Jacobson – Shylock

Howard Jacobson – Shylock

Howard Jacobson - ShylockIm Rahmen des Hogarth Shakespeare Projects, im Herbst 2015 anlässlich des 400. Todestages des großen Dramatikers 2016 gestartet, erschien im April 2016 Howard Jacobsons Adaption von „Der Kaufmann von Venedig“ („The merchant of Venice“) unter dem Titel „Shylock“ auf Deutsch (Originaltitel: „Shylock is my name“).

„Der Kaufmann von Venedig“ ist sicher das problematischste, oder besser gesagt, das am meisten umstrittene Drama William Shakespeares. Ist es nun ein antisemitisches Stück oder will es nur den herrschenden Antisemitismus zeigen? Seit Jahrhunderten streiten sich darum die Gelehrten, die Leser, die Theatergänger. Einige finden das Stück mittlerweile als unaufführbar. Dass das ganz und gar nicht der Fall ist, davon konnte ich mich letztes Jahr in einer wunderbaren Aufführung im Globe Theatre überzeugen. Weiterlesen „Howard Jacobson – Shylock“

Jeanette Winterson – Der weite Raum der Zeit

Jeanette Winterson – Der weite Raum der Zeit

Der weite Raum der Zeit von Jeanette Winterson

Im Rahmen des Hogarth Shakespeare Projects, im Herbst 2015 anlässlich des 400. Todestages des großen Dramatikers 2016 gestartet, erschien im April 2016 Jeanette Wintersons Adaption von „Das Wintermärchen“ („The Winter´s tale“) unter dem Titel „Der weite Raum der Zeit“ auf Deutsch (Originaltitel: „Gap of time“).

Dieses Stück des großen Dramatikers gehört zu den eher seltener gespielten. Zunächst den Komödien zugeordnet, zählt es nun präziser zu den Romanzen Shakespeare. Hier paaren sich durchaus komödiantische Züge mit eher düsteren Themen und Grundkonstellationen. Typisch ist die in lang vergangener Zeit und märchenhaft verfremdeten Orten spielende Handlung. Weiterlesen „Jeanette Winterson – Der weite Raum der Zeit“