Nachdem die Welt von Gestern untergegangen war – Stefan Zweig

Am heutigen 22. Februar, im Jahr 1942 schied der große Humanist und Pazifist, der erfolgreiche und gefeierte Schriftsteller Stefan Zweig in seinem Exil, der fast ein wenig österreichisch anmutenden brasilianischen Stadt Petroplis, zusammen mit seiner jungen Frau Lotte aus dem Leben – in manchen Nachschlagewerken wird auch der 23 Februar, der Tag der Ausstellung des Totenscheins genannt – die Welt von Gestern.

Ehemaliges Wohnhaus von Stefan Zweig in Petropolis By Andreas Maislinger [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons
Angesichts seines Freitodes kursierten schon immer und immer wieder wilde Spekulationen, vom Mord durch Naziagenten bis zu sexuellen Problemen geistern die Vermutungen. Ich erinnere mich noch an eine frühe Lektüre des Erinnerungsbuchs von Stefan Zweig, „Die Welt von Gestern“. Dieses ist so durchsetzt mit Melancholie und wörtlich genommenem Weltschmerz, dass mich der Freitod nie verwunderte, trotz materieller Sicherheit, Erfolg, Liebesglück und einem idyllischen Exilort. Er hat mich nur damals als junges Mädchen genauso erschüttert, wie er es auch heute noch tut. Weiterlesen „Nachdem die Welt von Gestern untergegangen war – Stefan Zweig“

Imbolo Mbue – Das geträumte Land

Imbolo Mbue – Das geträumte Land

Imbolo Mbue - Das geträumte Land

„The one book Donald Trump should read right now!“

Abgesehen davon, dass wir mittlerweile wissen, dass Donald Trump anders als sein Vorgänger im Amt des amerikanischen Präsidenten nicht liest, ja sogar den Geruch von Büchern nicht ausstehen kann, bestenfalls seinen Schreibtisch damit zupflastert, mutet die Empfehlung, die die Washington Post im August letzten Jahres, also lange bevor Trump gewählt wurde, lange bevor irgendjemand auch nur ernsthaft befürchtet hätte, er könnte tatsächlich gewählt werden, mutet diese Leseempfehlung für Imbolo Mbues „Behold the dreamers“ ihrerseits wie ein Traum an. Weiterlesen „Imbolo Mbue – Das geträumte Land“

Finalisten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2017

Die Finalisten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2017 stehen seit gestern fest: In den Kategorien Belletristik, Übersetzung und Sachbuch/Essayistik gehen jeweils 5 Titel in das Rennen um den renommierten Literaturpreis, der am 23.3.2017 zum nun 13. Mal vergeben wird und mit 60.000 Euro dotiert ist.

Aus insgesamt 365 eingereichten Werken aus 106 Verlagen hat die Jury, bestehend aus den Kritikern Maike Albath, Alexander Cammann, Gregor Dotzauer, Meike Feßmann, Kristina Maidt-Zinke, Burkhard Müller und Jutta Person, die 15 Finalisten ausgewählt. Weiterlesen „Finalisten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2017“

Jean-Luc Seigle – Der Gedanke an das Glück und an das Ende – #Backlist

Jean-Luc Seigle – Der Gedanke an das Glück und an das Ende

 Jean-Luc Seigle - Der Gedanke an das Glück und an das Ende

Es liegt eine ungeheure Traurigkeit auf diesem Buch. „En vieillissant les hommes pleurent“ lautet der Originaltitel.

Derjenige, der da älter wird, ist Albert Chassaing, 53 Jahre, Arbeiter bei Michelin, irgendwo in der französischen Provinz nahe Clermont. Man schreibt das Jahr 1961, Frankreich befindet sich im Algerien-Krieg und auch Alberts ältester Sohn ist in diesen Krieg gezogen, schmerzlich vermisst von seiner ihn über alles liebenden Mutter Suzanne. Die Ehe von Albert und Suzanne ist schon lange nicht mehr glücklich, Albert liebt seine Frau noch, kann mit ihr aber nicht reden, versteht sie nicht, verschließt sich. Er fühlt sich vor allem hingezogen zu seinem eigenwilligen jüngeren Sohn Gilles, dem im Schatten seines großen Bruders nur wenig mütterliche Liebe zukommt, der nichts lieber tut als Bücher zu lesen, der in der Schule erfolgreich ist, aber in sich gekehrt, verschlossen. Weiterlesen „Jean-Luc Seigle – Der Gedanke an das Glück und an das Ende – #Backlist“

Jean-Luc Seigle – Ich schreibe Ihnen im Dunkeln

Jean-Luc Seigle – Ich schreibe Ihnen im Dunkeln

Jean-Luc Seigle - Ich schreibe Ihnen im Dunkel

„Auch wenn es um die grässlichsten Verbrechen geht, hat man das Bedürfnis, etwas zu verstehen, sich irgendwie ein wenig zum Verteidiger zu machen, hier und da ein bisschen Mitleid aufzubringen. Mit Pauline, diesem harten Biest, funktioniert das nicht. Sosehr ich es befrage, mein Herz bleibt kalt.“

Wer ist diese Pauline Dubuisson, die der französische Journalist und Autor einer Serie über berühmte Kriminalfälle Frankreichs in „Paris Match“, Jean Cau, fast vierzig Jahre nach ihrer Tat, im Jahr 1991, noch so harsch verdammt? Vielleicht trägt zu Caus rigorosen Urteil die Tatsache bei, dass Cau einst Mitglied der Résistance war.

Denn eines der großen Verbrechen dieser Pauline Dubuisson, 1927 nahe Dunkerque geboren, war, auch wenn das bei ihrem spektakulären Prozess 1953 allenfalls als Vorgeschichte taugte, die Tatsache, dass sie gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, als gerade mal Sechzehnjährige ein Jahr lang ein Verhältnis mit einem deutschen Militärarzt und damit Besatzer hatte. Nach der Befreiung, die für sie keine war, entging sie nur knapp dem Lynchmord durch Mitglieder der Résistance, wurde, wie damals üblich, als Kollaborateurin kahl geschoren, verfemt und gequält. Wie nah Gut und Böse liegen, wie schnell die heroischen Résistancekämpfer sich ihrerseits in rachedurstige, unmenschliche Bestien verwandeln konnten, erschüttert zutiefst. Weiterlesen „Jean-Luc Seigle – Ich schreibe Ihnen im Dunkeln“

Odafe Atogun – Tadunos Lied

Odafe Atogun – Tadunos Lied

Odafe Atogun - Tadunos Lied

Taduno – kein Nachname, keine Adresse, nur Taduno, so ist der braune Umschlag adressiert, der den Protagonisten von Odafe Atoguns Debütroman eines Tages in seinem Exil erreicht. Dorthin ist der einst sehr berühmte und erfolgreiche Sänger vor der Verfolgung durch die Regierung seines Heimatlandes Nigeria geflohen, nachdem er diese wiederholt scharf kritisiert hatte. Weiterlesen „Odafe Atogun – Tadunos Lied“

Hanya Yanagihara – Ein wenig Leben

Hanya Yanagihara – Ein wenig Leben

Hanya Yanagihara - Ein wenig Leben

Es ist schwer, über ein Buch zu schreiben, das im Moment in aller Munde ist. Einige Leser diskutieren die Optionen Weiterlesen oder Abbrechen. Das war für mich nie die Frage, obwohl der Text dem Leser so einiges zumutet.

Da ist natürlich zunächst der schiere Umfang des Textes, 958 Seiten, die müssen erst einmal gelesen werden.

Aber viel schwerer zu bewältigen ist das, worüber Hanya Yanagihara in „Ein wenig Leben“ schreibt. Das Buch ist mit so viel Leid, Trauer, Grausamkeit, Ungerechtigkeit und Verzweiflung angefüllt, dass es das Lesen wirklich zu einer Herausforderung macht, an den Nerven zehrt und die Leserin tatsächlich so manches Mal an ihre Grenzen führt. Weiterlesen „Hanya Yanagihara – Ein wenig Leben“

Marceline Loridan-Ivens – Und du bist nicht zurückgekommen

Marceline Loridan-Ivens – Und du bist nicht zurückgekommen

Marceline Loridan-Ivens - Und du bist nicht zurückgekommen

 

„Ich bin ein fröhlicher Mensch gewesen, weißt du, trotz allem, was uns widerfahren ist. Fröhlich auf unsere Art, aus Rache dafür, dass wir traurig waren und dennoch lachten. Die Leute mochten das an mir. Aber ich verändere mich. Es ist keine Bitterkeit, ich bin nicht bitter. Es ist, als wäre ich schon nicht mehr da. Ich höre Radio, die Nachrichten, ich weiß, was geschieht, und es macht mir oft Angst. Ich habe hier keinen Platz mehr.“

Das Gefühl, keinen Platz mehr zu haben, kennt Marceline Loridan-Ivens aus ihrer Jugend.
1943, mit 15 Jahren, wurde sie zusammen mit ihrem Vater aus Frankreich deportiert. Sie nach Birkenau, er nach Auschwitz. Zwei Lager, die nur drei Kilometer trennten und zwischen denen doch ein unüberwindbarer Abgrund klaffte. Weiterlesen „Marceline Loridan-Ivens – Und du bist nicht zurückgekommen“

Richard Yates – Eine letzte Liebschaft

Richard Yates – Eine letzte Liebschaft

Richard Yates - Eine letzte Liebschaft

Neun letzte, bisher noch nicht in Buchform veröffentlichte Erzählungen des 1992 verstorbenen großen amerikanischen, zu Lebzeiten leider nie angemessen erfolgreichen Erzählers.

Yates ist der Meisters der erzählerischen Verdichtung, der Aufspürer auch feinster Risse in der Existenz, der gnadenlose und doch so mitfühlende Beobachter der ganz alltäglichen Selbsttäuschungen. Weiterlesen „Richard Yates – Eine letzte Liebschaft“