Dinçer Güçyeter – Unser Deutschlandmärchen

Ein Debütroman, ein unabhängiger Kleinverlag, ein Autor, der gleichzeitig Verleger, Theatermacher, Schauspieler und Gabelstaplerfahrer ist und aus einer Arbeiterfamilie mit Migrationserfahrung stammt – der Preis der Leipziger Buchmesse ging 2023 an Dinçer Güçyeter für seinen autobiografisch gefärbten Roman Unser Deutschlandmärchen. Auch wenn es darin um Güçyeters Familie und vor allem die Frauen in ihr geht, handelt es sich nicht um einen klassischen Familienroman. Der Lyriker Güçyeter, der 2022 für seinen Gedichtband Mein Prinz, ich bin das Ghetto den Peter-Huchel-Preis verliehen bekommen hat, webt ein äußerst vielfältiges Gewebe, in dem der zentrale Mutter-Sohn-Dialog zu einer Collage aus Gedichten, Prosatexten, Chören und Theaterszenen erweitert wird. Weiterlesen „Dinçer Güçyeter – Unser Deutschlandmärchen“

Wolfgang Schiffer Dinçer Güçyeter (Hrsg.) – Türschwellenkinder

Türschwellenkinder ist der von Wolfgang Schiffer und Dinçer Güçyeter herausgegebene Sammelband betitelt, in dem 26 Menschen „über die Arbeit der Eltern“ erzählen. Türschwellenkinder, das erinnert an die einst so genannten Schlüsselkinder, die nach der Schule allein in die elterliche Wohnung zurückkehrten, einen eigenen Schlüssel besaßen – lang vor Nachmittagsbetreuung und Ganztagsschule. Ein bisschen wurden sie bedauert, weil kein frisch gekochtes Mittagessen und sich kümmernde Elternteile, fast ausschließlich Mütter, auf sie warteten, heimlich aber auch ein wenig beneidet wegen ihrer größeren Freiheit und Selbstständigkeit. Weiterlesen „Wolfgang Schiffer Dinçer Güçyeter (Hrsg.) – Türschwellenkinder“

Literaricum Lech 2023 – Auf dem Berg mit Jane Austen (Teil 2)

Der Samstag (15. Juli 2023) beim Literaricum Lech begann – mittlerweile schon eine Tradition – bei bestem Wetter. Strahlend blauer Himmel hieß die Literaturfreundinnen und -freunde auf der 2000m hoch in blühenden Bergwiesen gelegenen Kriegeralpe willkommen. Eine sportliche Wanderung oder der bequeme Sessellift führten zur Antike auf den Bergen. Raoul Schrott präsentierte die Theogonie von Hesiod. Dieser um 700 v. Chr. entstandene und somit neben Homers Ilias und Odyssee zu den ältesten Quellen der griechischen Mythologie gehörende Text erzählt von der Entstehung der Welt, der Menschen, den Göttern und Göttinnen. Wobei Schrott gleich zu Beginn darauf hinwies, dass wir es mit einem sehr misogynen Text zu tun haben, auch wenn er mit den Musen beginnt, die dem Dichter den berühmten Lorbeerzweig überreichen, der den Poeta laureatus auszeichnet, welcher am kommenden Tag ja auch hier in Lech zum ersten Mal gekürt werden sollte. Weiterlesen „Literaricum Lech 2023 – Auf dem Berg mit Jane Austen (Teil 2)“

Literaricum Lech 2023 – Auf dem Berg mit Jane Austen (Teil 1)

In der vergangenen Woche (13. bis 16. Juli 2023) fand in Lech am Arlberg die dritte Ausgabe des Literaricum Lech statt. In der herrlichen Landschaft der Vorarlberger Hochalpen treffen sich auf über 1750 Metern Höhe Literat:innen, Kritiker:innen und interessiertes Lesepublikum um sich wie jedes Jahr einem Klassiker der Weltliteratur an drei Festivaltagen aus verschiedenen Perspektiven zu nähern. Nach eigenem Motto wird Bildung und Unterhaltung auf hohem Niveau geboten. Das kann ich uneingeschränkt bestätigen. Eingeladen von Lech Zürs Torismus und bestens umsorgt von den Mitarbeitern des Burg Hotel in Oberlech, konnte ich drei Tage lang interessante und hochkarätige Veranstaltungen rund um Janes Austens Klassiker Stolz und Vorurteil besuchen, mit den Autor:innen und Pressekolleg:innen sprechen und tolle Leute kennenlernen. Das Wetter spielte auch mit, nach anfänglichem Regen strahlte die Sonne und verbreitete richtiges Feriengefühl. Lediglich meine Anreise war durch die Unwetter in Süddeutschland am Vorabend eine wirkliche Herausforderung, klappte aber Dank Sammeltaxi von Ulm nach Bregenz dann doch erstaunlich gut. Weiterlesen „Literaricum Lech 2023 – Auf dem Berg mit Jane Austen (Teil 1)“

Katrin Seddig – Nadine

Wut – ist das erste Wort, das mir zum neuen Roman von Katrin Seddig, Nadine, einfällt. Seine Protagonistin, 50 plus, verheiratet, Anwaltsgehilfin, ist seit Kindertagen voll mit einer unbändigen, meist erfolgreich unterdrückten Wut. Aber manchmal, besonders wenn Nadine nicht weiter weiß, entlädt sich diese Wut, oft auch in Gewalt. Da wird geschubst, gekratzt, geschlagen. „Mangelnde Impulskontrolle“ wird dem Vater schon während der Schulzeit mitgeteilt, sei Nadines großes Problem. Und der Vater, der seit ihrem zehnten Lebensjahr die Tochter allein erzieht, nachdem ihre Mutter die Familie Hals über Kopf verlassen hat, und selbst vaterlos aufwuchs, ist überfordert, reagiert seinerseits mit drastischen Maßnahmen, beispielsweise der „Kammer“, in die er Nadine immer wieder einschließt. Weiterlesen „Katrin Seddig – Nadine“

Gwendolyn Brooks – Maud Martha

Ein sehr begrüßenswerter Trend geht weiter: in Deutschland ungehörte, übergangene, vorwiegend weibliche, oft Schwarze Stimmen werden endlich – oft nach Jahrzehnten – übersetzt. In der Verlagsbranche und bei den Leser:innen ist in den letzten Jahren das Interesse an solchen Texten enorm gewachsen, weshalb es viele spannende Neu- und Wiederveröffentlichungen zu entdecken gibt. Ein Beispiel dafür ist der bei Manesse erschienene Roman Maud Martha von Gwendolyn Brooks in der sehr gelungenen Übersetzung von Andrea Ott. Weiterlesen „Gwendolyn Brooks – Maud Martha“

Donna Leon – Wie die Saat so die Ernte

Nach einigen recht melancholischen Bänden ihrer Commissario Brunetti-Reihe überrascht es beinehe, dass der neue Roman von Donna Leon fast ein wenig heiter daherkommt, obwohl sich die mittlerweile achtzigjährige Autorin in ihrem 32. Fall einem dunklen Kapitel der jüngeren italienischen Geschichte widmet, Wie die Saat, so die Ernte. Weiterlesen „Donna Leon – Wie die Saat so die Ernte“

Literaricum Lech 2023 – Ein Interview mit Nicola Steiner

Seit 2014 kennen wir die 1973 in Berlin geborene Literaturredakteurin als kompetente und sehr sympathische Moderatorin des Schweizer «Literaturclub» und als Teil eines der beiden Moderatorenteams (gemeinsam mit Franziska Hirsbrunner) von «Zwei mit Buch», der Nachfolgesendung von «52 beste Bücher» im SRF. Zuvor arbeitete Nicola Steiner nach einem Studium der Sprachen, Wirtschafts- und Kulturraumstudien an der Universität Passau bei den Verlagen Hanser und Schöffling & Co. und bei der Zeitschrift «Du» und als Redakteurin für die Sendung «Sternstunde Philosophie», ebenfalls beim SRF, und war freie Mitarbeiterin von Daniel Keel, dem 2011 verstorbenen Verleger des Diogenes Verlags. Sie ist aktuell Mitglied der Jury der SWR-Bestenliste und Jury-Vorsitzende des Solothurner Literaturpreises und als Dozentin an der Ringier-Journalistenschule tätig. Ein ganz schön strammes Programm. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass Nicola Steiner mir im Interview ein paar Fragen zum Literaricum Lech, das 2023 zum dritten Mal am Arlberg stattfinden wird und dessen Kuratorin sie außerdem noch ist, beantwortet hat. Besonders da ab 1. September 2023 eine neue herausfordernde Aufgabe auf sie wartet: Nicola Steiner übernimmt als Nachfolgerin von Gesa Schneider die Leitung des Zürcher Literaturhauses. Weiterlesen „Literaricum Lech 2023 – Ein Interview mit Nicola Steiner“

Lektüre Juni 2023

Meine Lektüre im Juni 2023: nur außergewöhnlich gute Bücher, die ich alle – in ihrer Unterschiedlichkeit – von Herzen empfehlen kann. Von der episch breiten historischen Erzählung zum verdichteten poetisch-experimentellen Roman: alle waren wirklich herausragend, weswegen ich diesen Monat keinen Favoriten vorstellen kann. Es ist die bunte Vielfalt, die meine Lektüre Juni 2023 so erfolgreich gemacht hat. Weiterlesen „Lektüre Juni 2023“

Asta Nielsen – Im Paradies

Die Dänin Asta Nielsen war der weibliche Star des deutschen Stummfilms. Weniger bekannt ist, dass sie nach Beendigung ihrer Schauspielkarriere zahlreiche Erzählungen geschrieben hat. In der wunderbaren Reihe Lieblingsbücher von Kat Menschik illustriert erscheinen nun fünf kurze Texte in der gewohnt liebevoll-aufwendig gestalteten Aufmachung des Galiani Verlags: dreiseitiger silbriger Buchschnitt, Glanz-Prägung und in frischen Blau-Tönen gehaltene Illustrationen mit roten Akzenten. Weiterlesen „Asta Nielsen – Im Paradies“