Tess Gunty – Der Kaninchenstall

Der Kaninchenstall heißt in der Umgangssprache ein etwas heruntergekommener Wohnblock in Vacca Vale, Indiana, einer ihrerseits auch recht heruntergekommenen (fiktiven) Stadt mitten im US-amerikanischen Rustbelt. Dort wo schon lange die Lichter ausgegangen sind. Seit der Deindustrialisierungswelle der 1980er und 90er Jahren, als die einstigen Industriehochburgen mit ihrer Stahlproduktion sowie der Automobil- und Waffenindustrie begannen, ihre Bedeutung für die amerikanische Wirtschaft zu verlieren, steht dieser Teil der USA für Niedergang und Hoffnungslosigkeit. „Lapinière Affordable Housing Complex“ ist der hochtrabende offizielle Name des Gebäudes, benannt nach den vielen Kaninchen, die die Gegend bevölkern. Aber die Protagonisten von Tess Gunty wissen sehr wohl, dass es eigentlich nur Der Kaninchenstall ist. Weiterlesen „Tess Gunty – Der Kaninchenstall“

Penelope Mortimer – Bevor der letzte Zug fährt

In der Literaturgeschichte lohnt das Graben nach Vergessenem und Übersehenem. Gerade im letzten Jahr habe ich viele großartige deutsche Erst- und Neuübersetzungen von Autor:innen (tatsächlich überwiegend weibliche) gelesen. Sehr verdient macht sich dabei u.a. der Schweizer Dörlemann Verlag, der seine Ausgaben zudem noch besonders schön gestaltet. Meine neueste Entdeckung ist Bevor der letzte Zug fährt von Penelope Mortimer, übersetzt von Kristine Kress. (Auch großes Lob an den Verlag dafür, dass die Übersetzerin prominent auf dem Titel erwähnt wird).

Dieser 1958 erschienene Roman liegt zum ersten Mal auf Deutsch vor. Und das erstaunt angesichts der literarischen Qualität sehr. Andererseits berührt der Text Themen, von denen man zur damaligen Zeit sicher nicht unbedingt lesen wollte. Die 1918 geborene Journalistin, zeitweise Kummerkastentante für die Daily Mail und sechsfache Mutter von Kindern unterschiedlicher Väter Penelope Mortimer spricht in Bevor der letzte Zug fährt ein in der damaligen Zeit stark mit Tabus behaftetes Thema an: die ungewollte Schwangerschaft und deren Beendigung. Erst 1967 wurden Abtreibungen in England legal. Weiterlesen „Penelope Mortimer – Bevor der letzte Zug fährt“

Ayòbámi Adébáyò – Das Glück hat seine Zeit

Die 1988 in Lagos geborene Ayòbámi Adébáyò zählt zu den wichtigsten jungen Stimmen aus Afrika. Ihr Debütroman „Bleib bei mir“ war für den Women’s Prize for Fiction 2017 nominiert und wurde in zwanzig Sprachen übersetzt. Ich war von diesem Buch auch nachhaltig beeindruckt. Dennoch ist die nigerianische Autorin bei uns noch relativ unbekannt. Jetzt erscheint der zweite Roman von Ayòbámi Adébáyò in einer Übersetzung von Simone Jakob unter dem etwas unnötig kitschigen Titel Das Glück hat seine Zeit bei Piper. Weiterlesen „Ayòbámi Adébáyò – Das Glück hat seine Zeit“

Anne Berest – Die Postkarte

Seit über zwei Jahren steht der Roman Die Postkarte der 1979 geborenen französischen Schauspielerin und Regisseurin Anne Berest auf den Bestsellerlisten in Frankreich. 2021 war er für mehrere große Literaturpreise des Landes nominiert, u.a. auch für den Prix Goncourt. Der Skandal darum, dass ein Mitglied der Jury den Roman im Vorfeld in der Zeitung Le Monde verrissen hat und gleichzeitig mit einem der Mitbewerber liiert ist, hat dem Buch zumindest bei den Leser:innen nicht geschadet. Glücklicherweise, denn die Geschichte der eigenen Recherche der Autorin zu ihrer Familie, die weit in die dunklen Jahre der deutschen Besetzung und der Shoa führen, verdient es von vielen gelesen zu werden. Weiterlesen „Anne Berest – Die Postkarte“

Deborah Levy – Augustblau

Augustblau – August Blue, im englischen Original weitet sich der Titel des neuen Romans von Deborah Levy zu noch mehr Deutungsmöglichkeiten. Und für das literarische Werk der 1959 in Südafrika geborenen und in Großbritannien aufgewachsenen Autorin sind diese vielfältigen Deutungsebenen so wichtig wie die Musikalität ihrer Texte und ihr Anspielungsreichtum. Traurigkeit liegt im Titel, aber auch Melancholie und Sehnsucht. Weiterlesen „Deborah Levy – Augustblau“

Javier Cercas – Blaubarts Burg

Als der Spanier Javier Cercas 2019 mit Terra Alta den ersten Teil einer geplanten Krimireihe veröffentlichte, hat das manchen überrascht. Vielleicht war es für den Autor meist zeithistorischer und politischer Texte nach einem wahren Shitstorm, der den erklärten Gegner des katalanischen Separatismus 2017 in seiner Heimat traf, an der Zeit, sich literarisch neu zu verorten. Mit Blaubarts Burg ist nun bereits der dritte Teil der nach der abgelegenen Terra Alta-Region benannten Reihe, in der Javier Cercas seine Protagonisten beheimatet, erschienen. Weiterlesen „Javier Cercas – Blaubarts Burg“

Sarah Diehl – Die Freiheit allein zu sein – Ein Interview

Ein Gespräch mit der Kulturwissenschaftlerin, Dokumentarfilmemacherin und Autorin Sarah Diehl über ihr aktuelles Buch Die Freiheit, allein zu sein

Beim diesjährigen Literaricum in Lech am Arlberg drehte sich alles um den 1813 entstandenen Roman Stolz und Vorurteil von Jane Austen. Der Roman kreist um die damalige Gesellschaft, die Frauen eigentlich nur den Weg der Ehe ermöglichte, um finanziell und sozial abgesichert zu sein. Bereits in ihrem 2014 veröffentlichten Buch Die Uhr, die nicht tickt, einer Analyse über gewollte Kinderlosigkeit von Frauen, plädierte Sarah Diehl für mehr Wahlfreiheit für Frauen, ihr Leben zu gestalten. Beim Literaricum in Lech sprach Sarah Diehl mit Nicola Steiner über ihr aktuelles Buch Die Freiheit, allein zu sein über Rollenkonzepte von Frauen, die Kleinfamilie, die Schwierigkeiten, die Frauen haben, sich Räume für das Alleinsein zu erobern.
Weiterlesen „Sarah Diehl – Die Freiheit allein zu sein – Ein Interview“

Ali Smith – Gefährten

Die britische Autorin Ali Smith schreibt wundersame, schwebende und ungemein poetische Romane. Mit ihrem Jahreszeiten-Quartett Herbst, Winter, Frühjahr und Sommer hat sie dies mit der Schilderung ganz aktueller Vorgänge in ihrem Heimatland verbunden. „Companion-Piece“ ist nun ihr aktuellster Roman im Original betitelt. Mehrdeutig kann er damit ein „Begleitstück“ zu diesen vier Büchern sein. Im Deutschen musste sich die Übersetzerin Silvia Morawetz auf eine Bedeutung festlegen und wählte für den Text von Ali Smith den Titel Gefährten. Weiterlesen „Ali Smith – Gefährten“

Ingke Brodersen – Lebewohl Martha

Anfang der 1990er Jahre zog Ingke Brodersen mit ihrer Familie in eine Altbauwohnung in Berlin Schöneberg. Eine helle, geräumige Wohnung im vierten Stock in der Berchtesgadener Straße 37. Vor dem Haus im Pflaster eingelassen befindet sich einer jener Stolpersteine, die an ehemalige jüdische Bewohner:innen erinnert, die Opfer der Verfolgung durch die Nationalsozialisten wurden. 1993 wurden hier im Bayerischen Viertel in einem Projekt Tafeln aufgehängt, die Inhalte von nationalsozialistischen Gesetzen und Verordnungen zeigen, mit denen die Entrechtung der Juden in Deutschland vorangetrieben wurde. Dies war für die Historikerin und ehemalige Leiterin des Rowohlt Berlin-Verlags Ingke Brodersen der Impuls, der Geschichte der einst in ihrem Wohnhaus lebenden Menschen nachzuforschen – und daraus entstand ihr berührendes Buch Lebewohl, Martha.

Weiterlesen „Ingke Brodersen – Lebewohl Martha“

Maud Martha von Gwendolyn Brooks – Ein Interview

Ein Gespräch mit Manesse Verleger Dr. Horst Lauinger und Übersetzerin Andrea Ott zum einzigen Roman der ersten Schwarzen Pulitzerpreisträgerin Gwendolyn Brooks

Beim diesjährigen Literaricum in Lech am Arlberg drehte sich alles um den 1813 entstandenen Roman Stolz und Vorurteil von Jane Austen. Im Manesse Verlag erschien 2003 die viel gelobte Neuübersetzung von Andrea Ott. Auf der Bühne mit dem Verleger Dr. Horst Lauinger verriet Andrea Ott in einem sehr interessanten und kurzweiligen Gespräch einiges über die Schwierigkeiten beim Übersetzen eines 200 Jahre alten Textes. Im Anschluss durfte ich mich mit beiden über ein jüngst ebenfalls in der Übersetzung von Andrea Ott erschienenes Buch unterhalten, das mich persönlich sehr begeistert hat: Maud Martha von Gwendolyn Brooks. Weiterlesen „Maud Martha von Gwendolyn Brooks – Ein Interview“