Als 1977 die Serie „Roots“ nach dem gleichnamigen Roman von Alex Haley ausgestrahlt wurde, war ich zwölf Jahre alt. Ich weiß noch, wie tief mich die Geschichte um Kunta Kinta, den im 18. Jahrhundert nach Amerika verschleppten und versklavten Mann aus Gambia, damals erschüttert hat. Das Wissen um das große Leid der Sklaven, die Unfassbarkeit der Sklaverei in Amerika insgesamt und die Nachwirkungen, die sie bis heute hat, die Rassentrennungen, die Emanzipationsbewegungen, der Hass und die fortbestehenden Ungerechtigkeiten, haben mich niemals wieder ganz losgelassen. Immer wieder erschienen dazu auch packende Romane, sei es das Werk der großartigen Toni Morrison, „Die Farbe Lila“ von Alice Walker, „Die bekannte Welt“ von Edward P. Jones. Yaa Gyasi hat mit Heimkehren einen wichtigen Beitrag dazu geleistet. Weiterlesen „Yaa Gyasi – Heimkehren“
Ein Abend mit Arundhati Roy
Ein Abend mit Arundhati Roy im Literaturhaus Frankfurt, Deutschlandpremiere von „Das Ministerium des äußersten Glücks“ , jenem Roman, auf den die literarische Welt zwanzig Jahre wartete. 1997 war ihr erster Roman „Der Gott der kleinen Dinge“ erschienen und gleich ein Riesenerfolg geworden. Internationale Publikationsrechte für 21 Länder wurden verkauft und der renommierte Booker Prize gewonnen. Zu Recht, die Geschichte um eine christliche Familie im südindischen Kerala, die zugleich Einblick in die Politik und Gesellschaft Indiens, in das Kastenwesen und die Rolle der Frauen eröffnete, ist einer der großen Romane des ausgehenden 20. Jahrunderts. Weiterlesen „Ein Abend mit Arundhati Roy“
Friedrich Ani – Ermordung des Glücks
Einen gewöhnlichen Spannungsroman oder Krimi darf man von Friedrich Ani nicht erwarten. Genauso wenig wie einen der üblichen Ermittler.
Es sind eigenwillige Figuren, die in Anis Romanen nach so etwas wie Wahrheit suchen. Nach dem, was wirklich passiert ist, als das, was wir Verbrechen nennen, geschah. Unvergessen ist der „Vermissten-Finder“ Tabor Süden, oder auch der Ex-Mönch Polonius Fischer oder der blinde Jonas Vogel.
Seit 2015 „ermittelt“ der pensionierte Kriminalbeamte Jakob Franck, einst spezialisiert darauf, Todesnachrichten zu überbringen und nun, nach seiner Pensionierung, immer noch dabei, diese ungeliebte, schwierige Aufgabe zu übernehmen. Im aktiven Dienst befinden sich sein Freund und ehemaliger Kollege André Block und die Kommissarin Elena Holland. Sie alle sind nachdenklich, introvertiert, zurückgezogen, mit mehr oder weniger gescheitertem Privatleben und unkonventionell in ihren Ermittlungsmethoden. Mit dem neuen Roman von Friedrich Ani – Ermordung des Glücks, ermitteln sie ein weiteres Mal. Weiterlesen „Friedrich Ani – Ermordung des Glücks“
Pierre Lemaitre – Drei Tage und ein Leben
Pierre Lemaitre – Drei Tage und ein Leben
»Innerhalb weniger Minuten hat sein Leben die Richtung geändert. Er ist ein Mörder. Doch die beiden Bilder passen nicht zusammen, man kann nicht zwölf Jahre alt und ein Mörder sein.«
Es ist tatsächlich eine unglaubliche Geschichte, die Pierre Lemaitre uns hier erzählt. Er knüpft dabei an seine Kriminalromane und Thriller an, die er vor seinem großen Erfolg mit dem Prix Goncourt gekrönten Roman „Wir sehen uns dort oben“ veröffentlicht hat. (Dieser wird allerdings fortgesetzt; geplant ist eine Trilogie).
Der Mörder steht dabei allerdings von Anfang an fest, auch die Tat wird bereits auf den ersten Seiten geschildert. Sie ist es, die so fassungslos macht. Ein zwölfjähriger, ruhiger, eher in sich gekehrter Junge tötet in einem Moment der rasenden Wut einen kleinen sechsjährigen Nachbarsjungen. Dessen Vater hat seinen von Antoine sehr geliebten Hund, nachdem er von einem Auto angefahren wurde, erschossen. Nicht, um das Tier von seinem Leiden zu erlösen, so schwer verletzt war es wohl gar nicht, sondern schlicht um die Tierarztkosten zu sparen. Die Sitten sind rau in der Provinz, „jener waldreichen Gegend, in der das Leben langsamen Rhythmen folgt“. Für Antoine aber ist der Tod seines vierbeinigen Freundes ein schrecklicher Verlust, gerade weil seine Eltern niemals ein Haustier erlaubt hatten und er auch kaum Freunde hat.
Er wollte den kleinen Rémi nicht töten, nicht einmal wehtun wollte er ihm. Aber da waren dieser Stock und diese unglaubliche Wut auf dessen Vater und dieser furchtbare Schmerz. Von Panik ergriffen versteckt Antoine die Leiche in einer natürlichen Erdhöhle im Wald. Dabei geht er mit einer verblüffenden Entschlossenheit zu Werk. Geschuldet der Angst vor Entdeckung, aber auch vor dem Kummer, den seine Tat und die daraus entstehenden Konsequenzen bei seiner alleinerziehenden Mutter auslösen würden. Zuviel Traurigkeit ist da schon, seitdem der Vater vor sechs Jahren nach Deutschland ging und dort eine neue Familie gründete. Weiterlesen „Pierre Lemaitre – Drei Tage und ein Leben“
Sven Regener – Wiener Straße
Hier sind sie endlich alle wieder, die „Pfeifen“: Kneipenbesitzer Erwin Kächele und seine Frau Helga, Schwester Kerstin und deren Tochter Chrissie, die Künstler Karl Schmidt, H.R.Ledigt und natürlich P.Immel von der ArschArt, die „Instandbesetzer“ Kacki, Jürgen1,2,3 und Kollegen und natürlich Frank Lehmann, den es nach seiner Bundeswehrzeit in Neue Vahr Süd nach Berlin verschlagen hat. Im neuen Roman von Sven Regener – Wiener Straße.. Weiterlesen „Sven Regener – Wiener Straße“
Lektüre August 2017
Der August war mein Ferienmonat, ansonsten war er zumindest wettermäßig nicht sehr sommerlich. Das bedeutete sehr wenig Lesezeit unterm Apfelbaum oder in der Sonne, sondern Sofazeit wie im Herbst. Auch im Urlaub wurde recht wenig gelesen, sondern wirklich gereist. Bücher waren auch gar nicht mit dabei, sondern nur mein Tolino. Dennoch eine schöne Lektüre im August 2017. Weiterlesen „Lektüre August 2017“
Birgit Vanderbeke – Wer dann noch lachen kann
Birgit Vanderbeke – Wer dann noch lachen kann
„Du wirst das erzählen“ hat der Mikrochinese gesagt.
Dabei liegt er auf dem Leuchtglobus, der nicht leuchtet, weil die Glühbirne gleich am Anfang kaputt gegangen und von den Eltern nie ersetzt worden ist. Der steht neben dem Bett der kleinen Ich-Erzählerin. Der Mikrochinese ist ihr imaginierter Vertrauter und Ratgeber, genauso wie ihre „Altstimme“, ihre Stimme, die aus der Zukunft zu ihr spricht, ihr erwachsenes Ich verkörpert und ihr zumindest die Hoffnung gibt, „das hier“ zu überleben, irgendwie zu überstehen. Denn manchmal sieht es so aus, als würde die Grenze überschritten. Die Grenze, von der man weiß,
„wenn sie da drüberrutschen, ist es zu Ende.“ „Das war ganz ähnlich wie bei der Kubakrise und dem Dritten Weltkrieg, und jetzt ist es wieder so mit allem, was die Menschen mit der Erde machen.“
Die Grenze, die die namenlose Ich-Erzählerin (ihre Altstimme nennt sie Karline) fürchtet, ist die Grenze der Gewalt, der „väterlichen Hand“. Es ist der Vater, der seine verträumte, unruhige, rastlose Tochter immer wieder mit äußerster Brutalität körperlich züchtigt. Verstörend ist es, zu hören, wie der Vater sie nicht nur aufs übelste beschimpft, sondern sie oft derart verprügelt und misshandelt, dass sie um ihr Leben fürchtet. Weiterlesen „Birgit Vanderbeke – Wer dann noch lachen kann“
Zadie Smith – Swing Time
Es gibt Autorinnen/Autoren die stets das gleiche Buch schreiben, stets zum gleichen Sujet greifen, denselben Ton wahren. Das ist in seltenen Fällen (ich denke da zum Beispiel an Patrick Modiano) spannend und beglückend, viel öfter aber ein Zeichen mangelnder Kreativität oder künstlerischer Fähigkeit. Die britische Autorin Zadie Smith hat auch ein Thema, das sie immer wieder umtreibt und zudem sind ihre Romane meist in dem Teil Londons verortet, aus dem sie selbst stammt, dem Nordwesten. Und doch schafft sie es, jedes Mal ein gänzlich neues Buch zu schaffen. Schaut man sich die beiden letzten Romane von Zadie Smith an, das 2012 auf Deutsch erschienene London NW und das unlängst hier veröffentlichte Swing Time, so unterscheiden sich die verhandelten Themen zunächst einmal gar nicht so sehr. Weiterlesen „Zadie Smith – Swing Time“
Jean Echenoz – Laufen
Jean Echenoz erzählt in Laufen von Emil Zátopek – „die tschechische Lokomotive“, Ausnahmesportler, Landes- und Europameister, vier olympische Goldmedaillen, davon drei allein 1952, jahrelanger Weltrekordhalter in allen Distanzen ab 5000m, insgesamt 18 Weltrekorde.
Es ist die Magie der Literatur, mir als mäßig an Sportereignissen und nahezu gar nicht an Leichtathletik Interessierter, der das Langstreckenlaufen schon immer als eine der ödesten aller auszuübenden Sportarten erschien, diesen lange vor meiner Zeit aktiven Athleten nahezubringen, mich seine Wettkämpfe mit Spannung verfolgen und an seinem Schicksal Anteil nehmen zu lassen. Es ist die besondere Magie der Literatur von Jean Echenoz, wie leise, unaufdringlich und eindrücklich das geschieht. Weiterlesen „Jean Echenoz – Laufen“
Meine Urlaubslektüre 2017 – Penelope Fitzgeralds „Hausboot auf der Themse“, Husch Jostens „Hier sind Drachen“ und Olivier Bourdeauts „Warten auf Bojangles“
Der Tatsache geschuldet, dass wir dieses Jahr keinen klassischen Erholungsurlaub gemacht, sondern mit Kind und Kegel quer durchs Baskenland gereist sind und von daher sehr wenig Lesezeit blieb, habe ich nur ganz schmale Bücher als Urlaubslektüre mitgenommen und diese zudem noch in der (von mir nicht so geliebten) digitalen Version auf meinem Tolino. Trotz dieser nicht gerade günstigen Lesevoraussetzungen habe ich doch drei Bücher gelesen, die es verdient haben, hier kurz vorgestellt zu werden. Weiterlesen „Meine Urlaubslektüre 2017 – Penelope Fitzgeralds „Hausboot auf der Themse“, Husch Jostens „Hier sind Drachen“ und Olivier Bourdeauts „Warten auf Bojangles““








