Natascha Wodin – Irgendwo in diesem Dunkel

Natascha Wodin – Irgendwo in diesem Dunkel

„Ich schaue sie lange an hinter der Scheibe, bis es dunkelt, bis das Friedhofstor abgeschlossen wird und ich gehen muss. Ihr Gesicht ist fern und verschlossen, es verrät nichts von den Umständen ihres Sterbens, nichts davon, warum sie uns, meine Schwester und mich, doch nicht mitgenommen hat, warum sie am Ende allein gegangen ist.“

So endete Natascha Wodins im letzten Jahr erschienener und mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneter Roman „Sie kam aus Mariupol“. Darin erzählt sie vom Leben ihrer Mutter, über das sie erst durch mühevolle Recherchen und nur bruchstückweise etwas erfahren hat. Denn die Mutter ging 1956, als Natascha Wodin gerade mal zehn Jahre alt war, ins Wasser der Regnitz, dem Fluss, an dem die fränkische Kleinstadt liegt, Wohnort der als ehemalige russische Zwangsarbeiter nach dem Krieg zu „Displaced Persons“ gewordenen Eltern. Die Suche nach Spuren dieser sehnlichst vermissten Mutter schilderte Wodin äußerst bewegend und schloss mit eben jenem Bild des kleinen Mädchens vor dem aufgebahrten Leichnam. Weiterlesen „Natascha Wodin – Irgendwo in diesem Dunkel“

Marion Poschmann – Die Kieferninseln

Marion Poschmann – Die Kieferninseln

„Er hatte geträumt, dass seine Frau ihn betrog. Gilbert Sylvester erwachte und war außer sich.“

So wenig außergewöhnlich ein solcher Traum ist, so aberwitzig und skurril ist Gilberts Reaktion darauf. Er stellt seine Frau Mathilde nicht nur aufs Schärfste zur Rede, sondern verlässt, als diese hartnäckig leugnet, äußerst erbost die Wohnung und nimmt den ersten verfügbaren Interkontinentalflug, um möglichst viel Raum zwischen sich und seine vermeintlich untreue Gattin zu schaffen. Dass es außerhalb seines Traumes keinerlei Hinweise auf eine eventuelle Untreue gibt, stört ihn dabei überhaupt nicht. Weiterlesen „Marion Poschmann – Die Kieferninseln“

Gert Loschütz – Ein schönes Paar

Bereits 1990 veröffentlichte Gert Loschütz einen autobiografisch inspirierten Text über die Flucht seiner Familie aus dem brandenburgischen Plothow nach Mittelhessen im Jahr 1957. „Flucht“ war dieses Buch schlicht betitelt und kreiste in erster Linie um die Folgen, die diese für den damals elfjährigen Ich-Erzähler hatte. Auch im neuen Roman von Gert Loschütz, „Ein schönes Paar“, ist wieder Dillenburg Handlungsort

Gert Loschütz ist ein eher zurückhaltender, zwar hoch angesehener, aber eher am Rande des deutschen Literaturbetriebs stehender Autor. Gedichte, Theaterstücke, Novellen, und dann dieser schmale Roman. Danach dauerte es bis 2005, dass mit „Dunkle Gesellschaft. Roman in zehn Regennächten“ wieder ein größeres Werk erschien, das sogleich auf der Shortlist des neu geschaffenen Deutschen Buchpreis landete. 2006 folgte sehr schnell sein Roman „Die Bedrohung“. Und nun, zwölf Jahre später, knüpft „Ein schönes Paar“ direkt an das 28 Jahre zuvor erschienene „Flucht“ an. Weiterlesen „Gert Loschütz – Ein schönes Paar“

Ralf Rothmann – Im Frühling sterben – Backlist

Ralf Rothmann erzählt in seinen Romanen immer wieder auch seine eigene Geschichte und die seines früh verstorbenen Vaters, eines schweigsamen Bergmanns aus dem Ruhrgebiet, für „Im Frühling sterben“ liefert dieser das Vorbild.

Es ist die Geschichte des 17jährigen Walter Urban, aus dem Ruhrgebiet als Melker nach Norddeutschland entsandt, vermeintlich eine kriegswichtige Aufgabe, der noch im Februar 1945 durch einen Trick zusammen mit seinem Freund Fiete in die Waffen-SS zwangsrekrutiert und nach kurzer Ausbildung nach Ungarn verschickt wurde. Hitlers letztes Aufgebot. Was die beiden Jungen dort erlebten, wobei Walter als Fahrer noch „Glück“ hatte, ist in seiner menschenverachtenden Grausamkeit zwar jedem halbwegs geschichtlich informierten Leser nicht unbekannt, in dieser gnadenlosen Härte aber selten literarisch gestaltet worden. „Im Westen nichts Neues“ oder „Der Streit um den Sergeanten Grischa“ wären vielleicht vergleichbare Meisterwerke der Antikriegsliteratur. Weiterlesen „Ralf Rothmann – Im Frühling sterben – Backlist“

Ralf Rothmann – Der Gott jenes Sommers

Einen schwierigen Autor für jede Form der Vermarktung nannte Hauke Hückstädt, der Leiter des Frankfurter Literaturhauses, Ralf Rothmann bei seiner Einführungsrede zur Lesung aus Der Gott jenes Sommers. Keine Moderation auf der Bühne, wenig Interviews und Fotosessions, keine Autoren-Website, geschweige denn Social Media-Kanäle, selbst eine Nominierung zum Deutschen Buchpreis lehnt der Autor ab. Das war 2015 so, als seinem Roman Im Frühling sterben von einigen Kritikern zwar eine „Verkitschung des Weltkrieges“ vorgeworfen wurde, das überwiegende Echo aber von einem Meisterwerk und fantastischer Literatur sprach. Für mich war die Geschichte um zwei 17jährige, die in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges als Soldaten eingezogen und regelrecht „verheizt“ worden waren, das Buch des Jahres, eines der am meisten berührenden und gelungensten seit Langem. Weiterlesen „Ralf Rothmann – Der Gott jenes Sommers“

Alexander Schimmelbusch – Hochdeutschland

Von ganz weit oben hinab in die tiefsten Niederungen geht nicht nur der Blick auf dem Cover von Alexander Schimmelbusch Roman „Hochdeutschland“. Hier ist es der Blick auf eine bewaldete Hügellandschaft nach dem Bild „Der Morgen“ des romantischen Malers Caspar David Friedrich.

Auch von der Anhöhe im hessischen Falkenstein, einem Stadtteil von Königstein im Hochtaunus, wo neben den Gemeinden rund um den Starnberger See die höchsten Einkommen zu finden sind und diejenigen wohnen, die im nahen Frankfurt viel oder sehr viel Geld verdienen, schaut man auf bewaldete Landschaften hinab. Genauso geht aber auch der Blick weiter bis auf die Skyline von Mainhattan mit ihren Bankentürmen. Hier wohnt in einer Villa Victor, der Protagonist des Romans. Weiterlesen „Alexander Schimmelbusch – Hochdeutschland“

Esther Kinsky – Hain

Esther Kinsky beginnt ihren Roman Hain mit einer Tradition aus rumänischen Kirchen. Dort wird an verschiedenen Stellen für die Lebenden und die Verstorbenen gebetet. Viǐ und morțǐ. Stirbt ein Mensch, für den eine Kerze entzündet wurde, wird diese nach seinem Tod auf die andere Seite getragen.

Ein Bild für die Seelenverfassung der Ich-Erzählerin und für den Charakter des Erzählten. Es ist eine Zwischen-, eine Übergangszeit nach dem Tod des Lebenspartners, M., ein Hinübergehen von der Zeit der lebendigen Zweisamkeit zum Leben ohne ihn. „Hain“ ist ein Buch der Trauer. Weiterlesen „Esther Kinsky – Hain“

Kristine Bilkau – Eine Liebe in Gedanken

Kristine Bilkau – Eine Liebe, in Gedanken

„Ich möchte an meiner Straße am Fenster sitzen und glauben, dass jeder, der vorbeigeht, ein Leben lebt, glücklich oder unglücklich, aber tief.“

Ein Zitat der finnischen Malerin Helene Schjerfbeck, die im neuen Roman von Kristine Bilkau zwar nur indirekt vorkommt, das Buch aber auf eine besondere Weise begleitet.

Es gibt diese Bücher, die von Anfang an gefangen nehmen, die zur Leserin sprechen, als wären sie für sie geschrieben. „Eine Liebe, in Gedanken“ von Kristine Bilkau ist ein solches Buch.

Es erzählt eine Liebesgeschichte, die eine Lebensgeschichte ist, und es erzählt vom Abschied einer Tochter von ihrer Mutter und, weniger endgültig, einer Mutter von ihrer Tochter. Weiterlesen „Kristine Bilkau – Eine Liebe in Gedanken“

Kristine Bilkau – Die Glücklichen – Backlist

Wir können sie uns sehr gut vorstellen, ja vielleicht ähneln wir ihnen sogar, den beiden Protagonisten des Romans von Kristine Bilkau, sie sind „Die Glücklichen“ und scheinen wie selbstverständlich davon auszugehen, ein gewisses Recht auf dieses Glück zu haben, das ihnen nicht gerade in den Schoß gefallen, aber auch nicht hart erarbeitet scheint.

Sie gehören zu der Schicht der Jungen, Erfolgreichen, Wohlsituierten, die gerade in den Städten so omnipräsent scheint. Weiterlesen „Kristine Bilkau – Die Glücklichen – Backlist“

Kat Menschik – Edgar Allan Poe: Unheimliche Geschichten

Gleich zu Beginn ein Geständnis: Ich habe bisher noch nie etwas von Edgar Allan Poe gelesen. Seine Geschichten kenne ich nur über den Umweg der Musik. In den Siebziger Jahren vertonte The Alan Parsons Project ausgewählte Werke des Autors auf dem Album „Tales of mystery and imagination“. Ich bin kein Fan von Phantastischer Literatur, von Schauergeschichten oder dunkler Romantik. Deshalb blieb dieser Klassiker für mich ein ebenso weißer Fleck wie beispielsweise E.T.A. Hoffmann. Dass sich das nun geändert hat, verdankt sich einem neuen Band aus der illustrierten Buchreihe des Galiani Verlags. Die von Kat Menschik gestalteten „Unheimliche Geschichten“ umfassen drei kürzere Erzählungen von Edgar Allan Poe, die einst von Fjodor Dostojewski zusammengestellt wurden, dessen Nachwort auch in das Büchlein aufgenommen wurde. Weiterlesen „Kat Menschik – Edgar Allan Poe: Unheimliche Geschichten“