Laura Cwiertnia – Auf der Straße heißen wir anders

Aghet – der Völkermord an den Armeniern begann im April 1915, als hunderte namhafte armenische Schriftsteller und Intellektuelle aus Istanbul verschleppt wurden. Darauf folgend wurden die armenischen Soldaten aus dem Heer entlassen, später fast alle wehrfähigen Männer exekutiert und die gesamte restliche Bevölkerung, vor allem Alte, Frauen und Kinder, aus den armenischen Dörfern deportiert. Die Vertreibung der Armenier endete in Todesmärschen quer durch Anatolien oder in die syrischen Wüste: bis zu 1,5 Millionen Menschen liefen so in den Tod. Während die Türkei den Genozid immer noch leugnet, findet man mittlerweile immer häufiger Romane, die von der Enkel- und Urenkelgeneration verfasst wurden und die sich mit den Spuren, die die vor mehr als einhundert Jahren verübten Taten bei den Familien und Nachkommen hinterlassen haben, beschäftigen. 2019 etwa stand Katerina Poladjans Hier sind Löwen auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis. Laura Cwiertnia schreibt in ihrem Debüt Auf der Straße heißen wir anders über eine Familie mit armenischen Wurzeln. Weiterlesen “Laura Cwiertnia – Auf der Straße heißen wir anders”

Buchmesse_popup Leipzig 2022

Warum 2022 eine Buchmesse_popup in Leipzig?

Als im Februar verkündet wurde, dass die Leipziger Buchmesse 2022 erneut ausfallen soll – das dritte Mal in Folge -, war nicht nur die Verzweiflung in der Buchwelt groß, sondern auch eine gehörige Portion Zorn dabei. Viele Verlagsleute, Leser:innen und vor allem auch Autor:innen wollten nicht so einfach hinnehmen, dass trotz veränderter Coronalage, umfassenden Testmöglichkeiten, relativ hoher Impfquote und umfassendem Hygienekonzept keine Messe stattfinden sollte, obwohl das Land Sachsen, die Stadt Leipzig und die Leipziger Messe grünes Licht gegeben hatten. Weiterlesen “Buchmesse_popup Leipzig 2022”

Sasha Marianna Salzmann – Im Menschen muss alles herrlich sein

2021 stand Sasha Marianna Salzmann mit ihrem grandiosen Generationenroman Im Menschen muss alles herrlich sein auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis. Heute ist er aktueller denn je, denn der erste Teil davon ist bei in der Ostukraine beheimateten Russen angesiedelt. Vor allem die Frauen stehen hier im Mittelpunkt. Weiterlesen “Sasha Marianna Salzmann – Im Menschen muss alles herrlich sein”

Eva Menasse – Dunkelblum

Es ist nicht zwingend notwendig, die realen Hintergründe zum neuen Roman von Eva Menasse, Dunkelblum, zu kennen. Und die Autorin hat weniger die Schilderung eines konkreten historischen Einzelereignisses im Sinn, als die allgemeinen Nachwirkungen, die Schuld und deren beharrliches Leugnen und Totschweigen bis in die Gegenwart haben. Dennoch wirkt die Lektüre mit der Kenntnis der Tatsachen umso beklemmender und erleichtert auch, den einen oder anderen Zusammenhang einzuordnen. Weiterlesen “Eva Menasse – Dunkelblum”

Lektüre Februar 2022

Es fällt schwer, im Moment über so etwas Belangloses wie vergangene Lektüren zu schreiben. Es geht so vieles im Kopf herum, ich hatte so sehr auf einen etwas sorgloseren Frühling gehofft. Die Absage der Leipziger Buchmesse war schon kein sehr positives Signal, aber die Entschlossenheit und der Aufbruchswille eines Teils der Literaturlandschaft hat aber danach sehr beeindruckt. Ein alternatives und schönes Literaturevent im März in Leipzig scheint nun doch möglich. Die ersten richtigen Vorfrühlingstage sind da. Und dann das Unvorstellbare! Furchtbare Nachrichten überschlagen sich. Das Lesen ist für mich immer noch Rückzugsort. Das darüber Schreiben wird aber schwieriger. Mal schauen, wie sich das entwickelt. Ein Großteil der Lektüre im Februar 2022 war ja schon gelesen und die Bewertungen getippt. Und es waren wirklich schöne Bücher dabei.

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Damon Galgut – Das Versprechen

Auf den ersten Blick ist mit Das Versprechen von Damon Galgut im vergangenen Jahr ein klassischer Familienroman mit dem hochdotierten Booker Prize ausgezeichnet worden. Im Klappentext ist vom „Zerfall einer weißen südafrikanischen Familie“ die Rede, von „Dreißig Jahre politischen Umbruchs“. Wer nun aber eine epische, sich breit entrollende Geschichte erwartet, wird vom Text (äußerst positiv) überrascht. Weiterlesen “Damon Galgut – Das Versprechen”

Abdulrazak Gurnah – Das verlorene Paradies

Als dem aus Tansania, genauer Sansibar, stammenden Autor Abdulrazak Gurnah im letzten Jahr der Literaturnobelpreis zugesprochen wurde, war zunächst einmal die Ratlosigkeit recht groß. Auch Literaturkenner:innen war der 1948 geborene Gurnah meistenteils unbekannt, in Deutschland war keines seiner Werke aktuell lieferbar. Lässt man mal die beiden weißen Südafrikaner:innen Nadine Gordimer und John M. Coetzee beiseite, ist Gurnah erst der dritte Literaturnobelpreisträger aus Afrika (nach dem Nigerianer Wole Soyinka und dem Ägypter Nagib Machfus). Kritische Stimmen merkten an, dass es sich aber wieder um einen in der Diaspora lebenden und auf Englisch schreibenden Autoren handelt. Schön, dass die Leser:innen sich nun mit Das verlorene Paradies, dem viertem, für den Booker Prize 1994 nominierten Roman von Abdulrazak Gurnah, nun selbst ein Bild von dessen literarischem Werk machen können. Weiterlesen “Abdulrazak Gurnah – Das verlorene Paradies”

Lea Draeger – Wenn ich euch verraten könnte

 

Zitat Lea Draeger – Wenn ich euch verraten könnte

„Als mein Großvater zwölf Jahre alt war, erhängte sich mein Urgroßvater am Deckenbalken seiner Backstube mit einer Hundeleine.“

Wenn ein Buch mit einem solchen Satz beginnt, ist eigentlich schon klar, dass hier keine Wohlfühllektüre wartet. Der Verlag liefert zudem noch eine Triggerwarnung zu „expliziten Schilderungen psychischer und physischer Gewalt“, etwas dem ich eher unentschlossen-skeptisch gegenüberstehe, was ich hier aber angesichts des wirklich heftigen Inhalts und des jugendlichen Alters der Protagonistin, die gerade für jüngere Leser:innen hohes Identifikationspotential bieten könnte, absolut begrüße. Lea Draeger hat mit Wenn ich euch verraten könnte kein Jugendbuch geschrieben, aber hanserblau ist ja ein Programm, das auch eine etwas jüngere Leserschaft anspricht. Weiterlesen “Lea Draeger – Wenn ich euch verraten könnte”

Monika Helfer – Löwenherz

Monika Helfer schreibt seit den 1970er Jahren Prosa. In den letzten Jahren gelang der 1947 geborenen Österreicherin der ganz große Durchbruch mit ihren schmalen Romanen über die eigene Familiengeschichte. Die Bagage wurde gleich ein riesengroßer Erfolg bei Kritik und Publikum, der zweite Band, Vati, stand dann auch verdientermaßen endlich auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis. Nun beschäftigt sich Monika Helfer in Löwenherz mit ihrem sechs Jahre jüngeren Bruder Richard. Weiterlesen “Monika Helfer – Löwenherz”

Abbas Khider – Der Erinnerungsfälscher

Said al-Wahid, ein deutsch-irakischer Schriftsteller, kehrt im Sommer 2014 von einer erfolgreichen Podiumsdiskussion in Mainz zu seiner Frau Monica und dem kleinen Sohn Ilias nach Berlin zurück. Im ICE erreicht ihn der Anruf seines Bruders Hakim aus Bagdad: Die Mutter liege im Sterben, wenn er sie noch einmal sehen wolle, sei Eile geboten. So beginnt der neue, schmale Roman des deutschen, in Bagdad geborenen Autors Abbas Khider, Der Erinnerungsfälscher. Weiterlesen “Abbas Khider – Der Erinnerungsfälscher”