Ali Smith – Winter – Der Jahreszeitenzyklus

Ali Smith zu lesen, ist immer ein Erlebnis. Geistreich sind ihre Romane, virtuos, anspielungsreich, sprunghaft. Ihr jüngstes Projekt ist das Jahreszeitenquartett, mit dem die 1962 geborene Schottin 2016 kurz vor dem Brexit-Referendum begann. Herbst war der erste Teil betitelt, der im vergangenen Jahr auch auf Deutsch erschien. Nun folgen in jahreszeitlichem Rhythmus die weiteren Bücher. Winter ist der gerade aktuelle Roman von Ali Smith. Mit ihm macht es die Autorin der Leser:in zunächst nicht ganz leicht. Weiterlesen „Ali Smith – Winter – Der Jahreszeitenzyklus“

Volker Kutscher – Olympia

Spätestens seitdem seine Romane als Vorbild für die Fernsehserie Babylon Berlin dienten, ist Volker Kutscher zu einem der bekanntesten Krimiautoren Deutschlands geworden. Seine bislang sieben Bücher um den Kriminaloberkommissar Gereon Rath und dessen Frau Charlotte – das Prequel Moabit nicht eingerechnet – sind allerdings deutlich komplexer als die sehr auf visuelle Reize ausgerichtete und bei der Verwendung der Vorlagen sehr frei agierende Verfilmung. Es lohnt, sich sämtliche Teile, vom Nassen Fisch, der 1929 beginnt, bis zum bislang letzten, Marlow, auch bei Kenntnis von Babylon Berlin noch einmal als Romane vorzunehmen. Wie bereits sein Vorgänger erscheint nun der achte Gereon Rath-Roman von Volker Kutscher, Olympia, bei Piper. Weiterlesen „Volker Kutscher – Olympia“

Brian Moore – Schwarzrock

Bereits 1985 erschien „Schwarzrock“ des 1921 in Belfast geborenen, in Kanada und den USA lebenden und dort in Malibu 1999 verstorbenen Brian Moore im Original. Und 1987 auf Deutsch bereits im Diogenes Verlag. Von Moores zwanzig Romanen wurden fünf verfilmt und auch sonst gilt Moore als einer der erfolgreichsten Autoren im angloamerikanischen Raum. Hier in Deutschland ist er ein wenig in Vergessenheit geraten. Sein Stammverlag Diogenes führt nur noch drei seiner Titel als Printausgaben. Darunter nun diese Neuerscheinung, die wir nicht nur dem Gastlandauftritt Kanadas zu den Frankfurter Buchmessen, sondern auch dem bevorstehenden hundertsten Geburtstag Moores am 21. August 2021 zu verdanken haben. Weiterlesen „Brian Moore – Schwarzrock“

„Das Debüt“ – Bloggerpreis für Literatur 2020 – Meine Entscheidung

2020Bereits zum vierten Mal war ich dieses Jahr Mitglied der Bloggerjury für „Das Debüt“ – Bloggerpreis für Literatur 2020, der, der Name verrät es, ein besonders gelungenes Debütwerk deutscher Sprache auszeichnen möchte.

Ich sage bewusst „ein besonders gelungenes“ Debüt, weil es meiner Meinung nach weder den besten Debütroman noch den besten Roman welcher Kategorie auch immer geben kann. Die Leseerwartungen und -vorlieben sind doch bei allen Leser*innen sehr unterschiedlich und selbst die herangezogenen „objektiven“ Kriterien unterscheiden sich stark. Selbst der Zeitpunkt und die Umstände des Lesens haben meist einen Einfluss darauf, wie sehr uns der eine oder andere Titel anspricht. Weiterlesen „„Das Debüt“ – Bloggerpreis für Literatur 2020 – Meine Entscheidung“

Cihan Acar – Hawaii

Hawaii – das klingt nach Südseeparadies, nach Blumenketten, nach gutem Leben. (Wenn auch nur in der Fantasie). Das Hawaii, in das der Protagonist und Ich-Erzähler im Debütroman von Cihan Acar zurückkehrt, hat von dieser Fantasie so gar nichts. Hier, im einstigen Problemviertel Heilbronns, wohnen die sozial schwächsten Einwohner der schwäbischen Stadt. Und auch wenn die Zeiten, als Hawaii angesichts der dort herrschenden Drogenproblematik und der Kriminalität gerne „die Bronx“ von Heilbronn genannt wurde, vorbei zu sein scheint, gilt das Viertel immer noch als unterprivilegiert. Weiterlesen „Cihan Acar – Hawaii“

Deniz Ohde – Streulicht

Streulicht entsteht, wenn das Licht an sehr kleinen, in der Luft schwebenden Teilchen, fest oder flüssig, gebrochen wird, diffus wird. Die Luft nahe des Industrieparks, wo die Ich-Erzählerin von Deniz Ohde in ihrem Debütroman Streulicht zuhause ist, ist oft voll mit diesen kleinen Partikeln, Rauch, angereichert mit Säure. Bei Kälte sinkt der ausgestoßene Wasserdampf als Industrieschnee zu Boden. Im Arbeitervorort, der zwar nie direkt benannt wird, leicht aber als Sindlingen bei Frankfurt am Main identifiziert werden kann, wird aber nicht nur das Licht gebrochen. Auch so manche Kindheit und Bildungsgeschichte kommt hier nicht ohne Brüche aus. Weiterlesen „Deniz Ohde – Streulicht“

Justin Steinfeld – Ein Mann liest Zeitung

Immer wieder einmal erscheinen Romane und andere Schriften in Neuauflage, die Zeugnis ablegen über die dunkelste Zeit der deutschen und europäischen Geschichte. Bücher, die kaum jemand kennt, die, wenn überhaupt, vor vielen Jahren in Deutschland erschienen sind und denen wenig Beachtung geschenkt wurde. Bücher, deren Autoren schon längst verstorben sind. Und bei denen man sich verblüfft fragt: Warum erst jetzt? Wie konnte dieser Text in Vergessenheit geraten? Oder gar nicht erst Beachtung finden? Um solch ein Buch handelt es sich bei „Ein Mann liest Zeitung“ von Justin Steinfeld. Weiterlesen „Justin Steinfeld – Ein Mann liest Zeitung“

Daniel Mellem – Die Erfindung des Countdown

Wer kennt Hermann Oberth? Ich muss zugeben, dass mir der 1894 in Hermannstadt/Siebenbürgen geborene und 1989 in Nürnberg gestorbene Physiker und „Raketenpionier“ bislang völlig unbekannt war. Daniel Mellem, seines Zeichens ebenfalls promovierter Physiker und Absolvent des Leipziger Literaturinstituts, widmet ihm seinen Debüt-Roman Die Erfindung des Countdown. Weiterlesen „Daniel Mellem – Die Erfindung des Countdown“

Lesejahr 2020 – Ein Rückblick – Beste Romane 2020

Über das vergangene Jahr möchte ich gar nicht so viele Worte verlieren. Wir alle haben es durchlebt, für einige war es ein wirklich schlimmes Jahr. Doch wie war das Lesejahr 2020?

Für mich hat sich erstaunlich wenig verändert. Natürlich fehlten die Begegnungen, den Urlaub haben wir abgesagt, Vieles konnte nicht so spontan geschehen wie sonst. Und, ja, für uns Buchmenschen war der Ausfall der Leipziger und die völlig veränderte Präsentation der Frankfurter Buchmesse, die nicht stattfindende LiblogConvention und die Absage der meisten Lesungen schon ein herber Schlag. Gerade dort finden die allermeisten persönlichen Begegnungen statt, hier wird genetzwerkt, geredet und diskutiert, gelacht, getrunken und das Gefühl einer großen Buchfamilie gepflegt. Weiterlesen „Lesejahr 2020 – Ein Rückblick – Beste Romane 2020“

Joachim Meyerhoff – Hamster im hinteren Stromgebiet

Joachim Meyerhoff ist ein Superstar. Sowohl auf der Bühne, als auch auf dem Buchmarkt. Selbst Talkshows im Fernsehen reißen sich um den Ausnahmekünstler, der stets ein wenig (bis ziemlich stark) unter Strom zu stehen scheint. Wer ihn einmal mit einem seiner Bücher auf der Bühne erleben durfte – bei mir war es der ausverkaufte Musical Dome in Köln mit knapp 1800 Sitzplätzen –, kann sich sehr gut vorstellen, wie aus einem kleinen Bühnenprogramm, bei dem der Schauspieler aus seinem Leben erzählte, eine extrem erfolgreiche Buchreihe werden konnte. Derart lebendig, spontan und pointenreich präsentiert er seine Vita, beginnend mit dem Austauschjahr in Amerika, über seine Kindheit und Jugend in der psychiatrischen Klinik in Schleswig – der Vater war dort Direktor, man wohnte auf dem Gelände – in Wann wird es wieder so, wie es nie war zum absoluten Höhepunkt, den Jahren bei seinen Großeltern in München, wo er die Schauspielschule besuchte. Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke – eines der Bücher, die man für sein Leben ins Herz schließt. Nach den Zeiten als Liebhaber mehrerer Frauen in Die Zweisamkeit der Einzelgänger, erzählt Joachim Meyerhoff im mittlerweile fünften Band Hamster im hinteren Stromgebiet von einem kürzlich erlittenen Schlaganfall. Weiterlesen „Joachim Meyerhoff – Hamster im hinteren Stromgebiet“