Verna B. Carleton – Zurück in Berlin

Auf einem nicht besonders komfortablen Passagierschiff trifft die Erzählerin von Verna B. Carleton  Zurück in Berlin, eine junge Amerikanerin, im Jahr 1956 auf ein britisches Paar, das sich nach einem Aufenthalt in der Karibik auf dem Heimweg nach London befindet. Das Schiff wimmelt von eher unangenehmen Mitreisenden, zudem ist es in der einfachen Klasse vollgestopft mit heimkehrenden Arbeitern. Die Erzählerin, die man durchaus mit der Autorin gleichsetzen kann, ist froh, als sie die sehr distinguierten, sympathischen und durch und durch britischen Devons kennenlernt. Allerdings scheint ein rätselhafter Schleier von Trauer über den Beiden und besonders über Ehemann Eric zu liegen. Nach einem Zusammenstoß mit dem impertinenten Deutschen Grubach kommt auch zutage, was ihm auf der Seele liegt. Er ist nämlich durchaus nicht so britisch wie er scheint, sondern ein deutscher Jude, Erich Dahlberg, der vor den Nazis in den Dreissiger Jahren nach England fliehen konnte. Seine Mutter konnte sich mit ihm retten (sie entstammte allerdings auch einer alten preußischen Familie), der Vater kam im Lager um. Eric selbst hat sich eine perfekte zweite Identität geschaffen, außer seiner Frau Nora weiß niemand von seinen Wurzeln. Zum einen weil er die Ablehnung seiner neuen Heimat fürchtet, zum anderen, weil er sein Herkunftsland wegen der in seinem Namen begangenen Gräuel und Untaten zutiefst hasst. Aber er leidet auch unter seiner verheimlichten Identität, die bei der Konfrontation mit dem selbstherrlichen Grubach aus ihm herausplatzt. Weiterlesen „Verna B. Carleton – Zurück in Berlin“

Natascha Wodin – Sie kam aus Mariupol

Natascha Wodin bei der Preisverleihung zum Leipziger Buchpreis 2017 für Sie kam aus Mariupol
By Amrei-Marie (Own work) CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Der diesjährige Preis der Leipziger Buchmesse ging an Natascha Wodin, in meinen Augen völlig zurecht, hat mich doch seit langem kein Buch mehr so durchgerüttelt und aufgewühlt wie „Sie kam aus Mariupol“.

Das Buch kreist um eine große Leerstelle in Wodins Leben – ihre Mutter. 1956, die Autorin war gerade zehn Jahre alt, die kleine Schwester vier, nahm sich diese das Leben, indem sie sich bei Forchheim in den Fluss Regnitz stürzte. Der Vater, ein dem Alkohol und der Gewalt zugeneigter Mann, kam mit den Kindern wohl allein nicht zu Rande. Man weiß es nicht nach Lektüre des Buches, denn das Buch ist keine Autobiografie, die Autorin nimmt sich sehr zurück, erzählt nur sehr am Rande über sich und dann völlig ohne Sentimentalität. Fakt ist (und das kann man in ihrer Biografie nachlesen), dass Natascha Wodin in einem katholischen Mädchenheim groß wurde. Über die Schwester, der das Buch gewidmet ist, erfährt man nichts weiter. Das Buch ist alles andere als eitel, selbstreferentiell oder voyeuristisch. Auch nur durch ihre Biografie erfährt man, dass auch Obdachlosigkeit und eine äußerst schwierige Ehe mit dem Schriftsteller Wolfgang Hilbig zu Wodins Lebensweg gehörten. Weiterlesen „Natascha Wodin – Sie kam aus Mariupol“

Ein Abend mit Anna Kim im Literaturhaus Frankfurt

Anna Kim hat mit „Die große Heimkehr“ ein großartiges Buch vorgelegt, das sich mit der Geschichte Koreas, mit Schwerpunkt auf die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1962, beschäftigt, am Mittwoch 05.04.2017 war sie im Kabinett im Literaturhaus Frankfurt zu Gast.

Moderatorin des Abends war Sabrina Wagner, die zu Beginn kurz Kims Werdegang und die Vielseitigkeit ihrer bisher erschienenen Bücher skizzierte. Weiterlesen „Ein Abend mit Anna Kim im Literaturhaus Frankfurt“

Patrick Flanery – Ich bin Niemand

Seit Präsident Trumps Amtsantritt führen altbekannte Dystopien die Bestsellerlisten an: George Orwells „1984“, Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“, Sinclair Lewis „Das ist bei uns nicht möglich“. Gerade auch die Themen Überwachung, Gedankenfreiheit, Wahrheit scheint die Menschen umzutreiben. Dabei waren wir gerade dabei, uns an ständig steigende Überwachung, zunehmende digitale Kontrolle und Cyberkriminalität zu gewöhnen. In schleichenden Dosen wurden Hackerangriffe, Daten- und Identitätsklau und Bespitzelung zu zwar gefürchteten, aber mehr oder weniger unabwendbaren Begleiterscheinungen unserer digitalisierten Gegenwart. Man kann schon leicht paranoid werden, wenn man mit Zugriffen über die eigene Webcam oder die Überwachung von Bewegungsprofilen denkt. Auch der Protagonist von Patrick Flanery in seinem Roman Roman „Ich bin Niemand“ fürchtet zunehmend, unter Paranoia zu leiden. Weiterlesen „Patrick Flanery – Ich bin Niemand“

Kent Haruf – Unsere Seelen bei Nacht

Eine kleine Geschichte. Auf knapp 200 sehr luftig bedruckten Seiten erzählt der 2014 mit 71 Jahren verstorbene amerikanische Autor Kent Haruf in Unsere Seelen bei Nacht von zwei älteren, verwitweten Menschen, die der Einsamkeit entkommen möchten. Der Roman erschien posthum und es ist berührend zu wissen, dass Haruf wohl von seinem baldigen Sterben wusste, während er ihn schrieb. Weiterlesen „Kent Haruf – Unsere Seelen bei Nacht“

Lektüre März 2017

Welch ein toller Literaturmonat mit toller Lektüre war der März 2017 für mich!

Wirklich viel gelesen habe ich eigentlich nicht, da relativ viel Arbeit und eine Fülle von Terminen anstanden. Aber die lit.cologne mit Lesungen von Lluis Llach und Paul Auster war ein literarischer Höhepunkt und nur eine Woche später begann die Leipziger Buchmesse, die ich drei Tage besuchen konnte. Ich hoffe, dass in den nächsten Wochen ein wenig Ruhe einkehrt und ich alle Eindrücke und Anregungen ordnen und wieder ganz viel schmökern kann. Weiterlesen „Lektüre März 2017“

Meine LBM – Leipziger Buchmesse 2017

Vom 23. bis 26.März 2017 war wieder Leipziger Buchmesse. Drei Tage lang konnte ich in die Buchwelt eintauchen und viele interessante Eindrücke mit nach Hause nehmen.

Leipziger Buchmesse 2017Gleich vorweg: Noch an keiner bisherigen Messe hatte ich so viel Pech mit den angekündigten Veranstaltungen auf dem Messegelände. Lesungen und Gespräche fielen aus, teils wegen Krankheit (da kann man nun wirklich nichts machen), teils aber auch ohne weitere Begründung (nur der Hinweis am Stand, zu dem man sich teils mühevoll durchgekämpft hat „Entfällt“), teils wurden die Termine entgegen der Ankündigungen im Programm vorverlegt. Ab Tag 2 bin ich dann nicht mehr so nach Planung vorgegangen, hatte nur wenige Veranstaltungen zu denen ich unbedingt wollte, und dann wurde es auch entspannter (obwohl auch am Sonntag eine meiner beiden angestrebten Lesungen zu einer anderen als der angekündigten Zeit stattfand). Insgesamt resultierten daraus wenige „echte“ Termine und mehr Zeit zum Bummeln.

Fazit fürs nächste Mal: weniger Veranstaltungen und die dann am selben Tag lieber nochmal checken! Weiterlesen „Meine LBM – Leipziger Buchmesse 2017“

Hisham Matar – Die Rückkehr. Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater

Hisham Matar ist ein aus Libyen stammender, in London lebender Autor. Sein 2006 erschienener Roman „Im Land der Männer“ wurde für die Shortlist des Man Booker Preises nominiert. Nun liegt von Hisham Matar sein Roman Die Rückkehr auf Deutsch vor.

Sein Vater Jaballa Matar stammte aus einer einflussreichen Familie. Zunächst Gaddafis Putsch und der damit verbundenen Hoffnung auf einen modernen freiheitlich-sozialistischen Staat durchaus positiv gegenüber stehend, arbeitete dieser für die libysche Delegation bei den Vereinten Nationen in New York, wo Hisham 1970 zur Welt kam. 1973 zurückkehrend, entwickelte sich der Vater zunehmend zu einem der erbittertsten Oppositionellen. Zeitweise unterhielt er im benachbarten Tschad eine bewaffnete „Rebelleneinheit“. 1979 musste die Familie daraufhin zunächst nach Kenia und dann ins ägyptische Exil fliehen. Durch seine weitreichenden Beziehungen und das Vermögen, das er sich mit Importgeschäften verdient hatte, war er nicht nur einflussreich, sondern konnte seiner Familie auch ein finanziell recht sorgloses Leben bieten. Bereits 1975 ging Hisham wie sein Bruder Zaid zur Ausbildung nach London. 1990 wurde der Vater Jaballa vom libyschen Geheimdienst aus Ägypten entführt, wobei der ägyptische Staat unrühmlich Beihilfe leistete. Weiterlesen „Hisham Matar – Die Rückkehr. Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater“

Leipziger Buchmesse 2017

Morgen ist es auch für mich soweit: Es geht zur Leipziger Buchmesse 2017. Zum Bloggen werde ich dort eher nicht kommen. Ich möchte mir Zeit für die Messe nehmen und die Familie reist auch mit. Natürlich wird es anschließend einen Bericht geben. Damit es bis dahin nicht so still hier wird, werde ich mich mal als Instagramer versuchen und habe deshalb hier auch ein entsprechendes Widget eingebaut. Vielleicht habt ihr Lust, hier mal vorbeizuschauen (oder bei Instagram direkt). Allen, die auch da sind: viel Spaß auf der Messe!

Leipziger Buchmesse

Anna Kim – Die große Heimkehr

Der Roman von Anna Kim „Die große Heimkehr“, unter diesem Schlagwort warb die Demokratische Volksrepublik Korea, also Nordkorea, in den Fünfziger und Sechziger Jahren massiv und nicht immer ohne Zwang für die Rückkehr von Exilkoreanern. Besonders an den wohlhabenden unter ihnen und den gut ausgebildeten war man interessiert, mussten doch erstere ihr Vermögen abgeben und konnte man doch letztere für den wirtschaftlichen Aufschwung gut gebrauchen. Wenn man aber eines aus Anna Kims Roman lernt, dann, dass in der wechsel- und auch oft leidvollen Geschichte Koreas wenig Verlass war auf das, was die „Oberen“ ihrem Volk versprachen, sei es im Kaiserreich oder der Republik, sei es im Norden oder Süden. Selten stand das Wohl der Bevölkerung im Vordergrund, meist war sie nur Verschiebemasse für die Interessen der unterschiedlichen Herrschenden. Weiterlesen „Anna Kim – Die große Heimkehr“