Lektüre Oktober 2024

Der Oktober 2024 geht wahrscheinlich in meine Lesegeschichte ein als der „schlechteste“ Lektüre- Monat seit Jahren. Ich habe wirklich ziemlich wenig gelesen.

Das lag natürlich zum einen an der Buchmessen-Woche, die so voll mit Terminen, Begegnungen, Partys und ja, auch Büchern ist, dass man nahezu unmöglich auch noch zum Lesen kommt. Daneben stand bei uns aber auch der Auszug eines der Kinder, eine dreitägige Tagung, bei der ich eine der Referentinnen sein durfte und der runde Geburtstag meines Mannes an. Dass wir direkt nach der Messe ins Elsass gefahren sind, hat die Lesesituation nicht gerade verbessert.

Neben den unten vorgestellten Büchern habe ich noch eine Neuerscheinung aus dem kommenden Frühjahrsprogramm des Schöffling-Verlags lesen dürfen. Eine tolle Geschichte, die ich hier natürlich noch nicht verraten darf.

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Paul Harding – Sein Garten Eden

Der US-amerikanische Schriftsteller Paul Harding (*1967) erhielt bereits für seinen Debütroman Tinkers 2010 den Pulitzer Prize in der Sparte Fiction, und auch mit seinem neuesten Werk, Sein Garten Eden, stand er auf der Shortlist des Booker Prize. Harding ist also ein durchaus erfolgreicher und anerkannter Autor in der angloamerikanischen Literaturwelt, der es meiner Wahrnehmung nach aber in Deutschland eher schwer hat. Seine Geschichte einer multiethnischen Gemeinschaft, die auf einer kleinen Insel vor der Küste Maines seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts zusammenlebt, bevor sie von den Behörden von dort vertrieben wird, ist von den wahren Begebenheiten auf Malaga Island inspiriert. Weiterlesen „Paul Harding – Sein Garten Eden“

Davide Coppo – Der Morgen gehört uns

Davide Coppo lässt einen jungen Mann zurückschauen – vom Jahr 2006 zurück auf ein Ereignis 2004, das ihm einen langen Hausarrest einbrachte, aber auch weiter zurück bis ins Jahr 2000, als er sein letztes Jahr auf der Mittelschule in der Nähe von Mailand verbrachte – Der Morgen gehört uns ist ein Roman über eine politische und persönliche Radikalisierung. Weiterlesen „Davide Coppo – Der Morgen gehört uns“

Hark Bohm Philipp Winkler – Amrum

Der 85-jährige und mittlerweile schwer kranke Hark Bohm ist vor allem als Regisseur und Filmproduzent (zum Beispiel von Nordsee ist Mordsee oder Yasemin) bekannt, trat aber auch als Schauspieler auf und verfasste zahlreiche Drehbücher. Die nun erschienene Kindheitserinnerung Amrum lag auch zunächst als Drehbuch vor (und wird aktuell von Fatih Akin mit Diane Kruger verfilmt; voraussichtlicher Filmstart September 2025), zusammen mit dem Autor Philipp Winkler hat Hark Bohm daraus nun auch einen Roman gemacht. Meine vorurteilsbeladenen Bedenken wegen Doppelautorenschaft (die hier wegen des angegriffenen Gesundheitszustand Bohms nötig wurde) und dem Gedankenimpuls „schon wieder ein Schauspieler/Regisseur etc. der einen Roman schreiben will“, wurden gleich zu Anfang zerstreut. Amrum ist ein wunderbar leises, etwas wehmütiges, warmes Buch über eine Kindheit auf Amrum, die sicher vieles gemeinsam hat mit derjenigen des Autors. Weiterlesen „Hark Bohm Philipp Winkler – Amrum“

Doris Wirth – Findet mich

„Ich dachte immer, dass ich aus der normalsten Familie der Welt komme.“ So beginnt die Schweizerin Doris Wirth ihren Debütroman Findet mich, der es 2024 spontan auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis geschafft hat. Wer nun aber eine Ich-Erzählung über eine mehr oder weniger dysfunktionale Familie erwartet, sieht sich zum ersten Mal getäuscht und wird im Verlauf des Romans noch so manches Mal nicht nur stilistisch überrascht. Weiterlesen „Doris Wirth – Findet mich“

Markus Thielemann – Von Norden rollt ein Donner

Von Norden rollt ein Donner betitelt der Autor Markus Thielemann seinen zweiten Roman. Der Titel ist vortrefflich gewählt, spiegelt er nicht nur das Unheimliche, Bedrohliche, das der Text ausstrahlt, sondern verweist in vielerlei Hinsicht auch auf den Inhalt. Schauplatz und heimliche Protagonistin ist die Lüneburger Heide, jene Landschaft im Norden Deutschlands, die seit dem späten 19. Jahrhundert und ganz besonders von den Nationalsozialisten zum Mythos der urdeutschen Landschaft verklärt wurde. Ganz besonders der durch rassisch-völkische und misogyne Ansichten aufgefallene und noch heute reichlich verharmlosend als „Heidedichter“ verehrte Hermann Löns hat zur Idealisierung dieser kargen, einst sehr armen Gegend beigetragen. Heute ist sie als rustikale, vermeintliche Idylle ein vielbesuchtes, nachhaltiges Touristikziel. Weiterlesen „Markus Thielemann – Von Norden rollt ein Donner“

Ulla Lenze – Das Wohlbefinden

Gut 50 Kilometer südwestlich von Berlin wurden in dem kleinen brandenburgischen Städtchen Beelitz ab 1898 von der Landesversicherungsanstalt auf über 140 ha Gelände großzügig dimensionierte Heilstätten erbaut. Ulla Lenze lässt ihren aktuellen Roman Das Wohlbefinden, der für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2024 nominiert war, genau hier spielen. Weiterlesen „Ulla Lenze – Das Wohlbefinden“

Lektüre September 2024

Der Monat September 2024 war ein Monat der Ambiguitäten, nicht nur bei der Lektüre so unterschiedlicher Stimmen wie die des Amerikaners Nathan Thrall und des Israeli Dror Mishani, sondern auch abseits vom reinen Lesen. Ich habe sehr viele Lesungen besucht, u.a. eine mit eben jenem Nathan Thrall, der äußerst sympathisch ein sehr einseitiges Buch und Statement gegen Israel – und zwar nicht nur gegen die grauenvollen Angriffe auf Gaza (und nun auch auf den Libanon) – präsentierte, moderiert von Deborah Feldman, die eine regelrechte Fanbase im Frankfurter Literaturhaus hatte, die sie nahezu vergötterte. Aber wenige Tage später auch eine sehr differenzierte mit Meron Mendel und Saba-Nur Cheema und ihren gesammelten Kolumnen Muslimisch-jüdisches Abendbrot. Viele wunderbare Lesungen also – die mit Paul Lynch und Margarete Schwarzkopf möchte ich besonders herausheben – und dazu noch zwei Verlagsbesuche (bei Schöffling/Frankfurt und Verlagshaus am Römerweg/Wiesbaden), die sehr viel Spaß gemacht haben. Darüber hinaus aber auch einiges an Stress und Ärger. Gelesen habe ich dennoch sehr viel – häufige Zugfahrten, Hörbücher, aus dem August mitgenommene Lektüren.

Monatsliebling war Radio Sarajevo von Tijan Sila. Die Kurzrezension dazu werde ich in den nächsten Tagen ergänzen.

 

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Nora Bossong – Reichskanzlerplatz

Wer war Magda Goebbels? Wer war diese Frau, die ihre Namen so oft wechselte wir ihre Identitäten, mal Magda Behrend, Friedländer, Ritschel, Quandt hieß und schließlich als Magda Goebbels so etwas wie die First Lady des Dritten Reichs darstellte. Die als uneheliche Tochter des Dienstmädchens Auguste Behrend mit gerade einmal neunzehn Jahren die Frau des reichen Industriellen Günther Quandt und Mutter seiner beiden Söhne wurde, der ältere von ihnen war gerade einmal sieben Jahre älter als seine Stiefmutter. Wie entwickelte sich aus der lebenslustigen, kulturell interessierten, ehrgeizigen, um Aufstieg bemühten jungen Frau, die ernsthaft darüber nachdachte, mit ihrer Jugendliebe Viktor Chaim Arlosoroff nach Palästina auszuwandern, einen jüdischen Stiefvater hatte und sich selbst als unpolitisch bezeichnete, die fanatische Hitleranhängerin, die kurz vor Kriegsende ihre sechs Kinder und dann sich selbst umbrachte? Nora Bossong geht dieser Frage in ihrem Roman Reichskanzlerplatz nach. Weiterlesen „Nora Bossong – Reichskanzlerplatz“

Elif Shafak – Am Himmel die Flüsse

Elif Shafak, die in der Türkei zu den am meisten gelesenen Schriftsteller:innen gehört, wegen ihrer regierungskritischen Haltung aber schon lange nicht mehr wagt in ihr Heimatland zu reisen und bereits sehr lange in London lebt, ist eine absolute Bestsellerautorin, übersetzt in über 50 Sprachen, die in ihren Romanen stets die Stimme für Minderheiten erhebt, und Tabus anspricht, wie Femizide oder den Völkermord an den Armeniern. Wer sie einmal im Gespräch erlebt hat, muss sie wegen ihrer Klugheit, Warmherzigkeit und ihres Engagement einfach bewundern. Ich tue das schon lange. Und einige ihrer älteren Romane, z.B. Der Geruch des Paradieses, Unerhörte Stimmen oder Ehre, sind ziemlich großartig. Es gibt aber immer wieder auch Bücher, die bei mir einen eher durchwachsenen Eindruck hinterlassen. So auch der jüngste Roman von Elif Shafak, Am Himmel die Flüsse. Weiterlesen „Elif Shafak – Am Himmel die Flüsse“