Zadie Smith – Betrug

„So viele Bücher. Wozu braucht er die denn alle?“ Der Ausruf des Zimmermannburschen gleich in der ersten Szene des neuen Romans Betrug von Zadie Smith erheitert jeden Buchliebhaber, jede Buchliebhaberin – hat man einen solchen Spruch doch selbst in der einen oder anderen Variante schon x-mal gehört. Hier hat die stattliche Anzahl von Büchern der Bibliothek des Schriftstellers William Harrison Ainsworth den Boden ebendieser durchbrechen lassen und ein beträchtliches Loch in der Decke des darunterliegenden Salons hinterlassen. Der spöttisch-ironische Ton des ersten historischen Romans der englischen Erfolgsschriftstellerin ist damit vorgegeben. Weiterlesen „Zadie Smith – Betrug“

Valerie Bäuerlein – Die Unvollständige

Eine junge Frau – sie bleibt im gesamten Roman namenlos – streift durch Berlin, zu Fuß, im Bus, mit der S-Bahn. Grund für die Verunsicherung, die Ziellosigkeit ihrer Bewegung ist der Verlust einer Freundin, man erfährt es gleich im ersten Absatz. Tala, mit der die Absolventin der Filmakademie einen Film drehen wollte, Tochter eines griechischen Vaters und einer iranischen Mutter, faszinierende Zeitgenossin, rastlos Reisende. Valerie Bäuerlein lässt ihre Ich-Erzählerin in Die Unvollständige durch die Berliner Straßen wandern, nachdem sie vom schrecklichen Ende von Tala erfahren hat. Weiterlesen „Valerie Bäuerlein – Die Unvollständige“

Elisabeth Bronfen – Händler der Geheimnisse

Die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen hat mit Händler der Geheimnisse ihren ersten Roman veröffentlicht. Darin geht es mit einigen autobiografischen Anklängen um die Theaterwissenschaftlerin Eva Bromfield, die nach dem überraschenden Tod ihres Vaters tief in die Familiengeschichte und besonders die Nachkriegszeit hineingezogen wird. Trotz einiger sprachlicher Schwächen liest sich das Buch bis zum Ende ungeheuer spannend. Weiterlesen „Elisabeth Bronfen – Händler der Geheimnisse“

Inger-Maria Mahlke – Unsereins

Das Jahr 1890, gediegene Bürgerhäuser, Tee- und Abendgesellschaften und „der kleinste Staat des Kaiserreichs“ – auch wenn Letzteres, die Autorin von Unsereins Inger-Maria Mahlke gibt es gerne zu, ein wenig gefuddelt ist. Jedem, der literarisch unterwegs ist, fällt da natürlich sofort Thomas Manns Nobelpreisroman Die Buddenbrooks ein. Und es kommt keine Buchbesprechung (natürlich auch diese nicht) ohne damit aus, das zu erwähnen. Der Roman bezieht sich auch expliziert auf den berühmten Gesellschaftsroman über das Lübecker Bürgertums am Ende des 19. Jahrhunderts, zitiert ihn, ironisiert ihn, spielt damit. Aber auch wenn die Autorin den Ton des frühen Thomas Mann wunderbar adaptiert, ist Unsereins ein moderner Roman und so viel mehr als nur eine Referenz auf die Geschichte der berühmten Kaufmannsfamilie. Weiterlesen „Inger-Maria Mahlke – Unsereins“

Daniel Kehlmann – Lichtspiel

Ernst Lubitsch, Fritz Lang, Friedrich Wilhelm Murnau – der deutsch-österreichische Stummfilm und seine Regisseure haben Weltruhm erlangt. Aber wer war der 1885 in Böhmen geborene Österreicher Georg Wilhelm Pabst, den Daniel Kehlmann in seinem neuen Roman Lichtspiel im den Mittelpunkt stellt? Sein Name ist ein wenig in Vergessenheit geraten, dabei gelten seine Arbeiten Die freudlose Gasse (mit Greta Garbo und Asta Nielsen) und Die Büchse der Pandora (mit Louise Brooks) als Meisterwerke und auch sein Antikriegs-Tonfilm Westfront 1918 erhielt einiges an Anerkennung, bevor er 1933 verboten wurde. Besonders sein Wirken im nationalsozialistischen Deutschland schadete später dem Ansehen Pabsts. Weiterlesen „Daniel Kehlmann – Lichtspiel“

Alice Zeniter – Machtspiele

In ihrem Roman Die Kunst zu verlieren, der 2017 in die Endauswahl für den Prix Goncourt gelangte und den Prix Goncourt des lycéens gewann, schrieb Alice Zeniter autofiktiv über ihre Familie mit französischen und algerischen Wurzeln. Es ist ein sehr bewegendes Buch über das Schicksal der sogenannten Harkis, den Algeriern, die der Kolonialmacht Frankreich nahe standen und für sie auch in den Krieg zogen. Nach der Unabhängigkeit wurden sie verfolgt und mussten zum Teil nach Frankreich fliehen. Der neue Roman Machtspiele hat nun ein völlig anderes Thema und Alice Zeniter enthüllt die ebenfalls arabischen Wurzeln ihrer Protagonistin L. nur spät und en passant. Sie haben fast keine Bedeutung mehr. Weiterlesen „Alice Zeniter – Machtspiele“

Tomer Dotan-Dreyfus – Birobidschan

Birobidschan ist ein realer und ein utopischer Platz. Die weit in Fernost, fast an der Grenze zu China gelegene autonome russische Oblast ist tatsächlich weltweit der einzige Ort, der Jiddisch als (zweite) Amtssprache hat. In den 1930er Jahren wurden dort Juden aus der ganzen Sowjetunion angesiedelt. Was aber als ein großzügiger Akt Stalins verkauft wurde, diente vor allem zur Urbanmachung dieses höchst unwirtlichen, hauptsächlich aus Taiga und Sumpf bestehenden Gebietes. Und der Vertreibung von Juden aus den urbanen Zentren. Und nach 1948 zeigte sich das deutlich antisemitische Gesicht der damaligen Sowjetunion in den stalinistischen Judenverfolgungen. Da hatten bereits viele Juden Birobidschan bereits wieder verlassen. Und auch heute leben – trotz der Amtssprache – kaum noch welche dort. Der 1987 in Tel Aviv geborene und schon mehr als 10 Jahre in Berlin lebende Tomer Dotan-Dreyfus präsentiert in seinem für den Deutschen Buchpreis 2023 nominierten Roman aber noch ein anderes, ein utopisches, ein jüdisch-sozialistisches Birobidschan, weit entfernt von der Realität. Weiterlesen „Tomer Dotan-Dreyfus – Birobidschan“

Sepp Mall – Ein Hund kam in die Küche

„Die große Option“ – so wurde vollmundig die 1939, nach dem „Anschluss“ Österreichs, von Adolf Hitler und Benito Mussolini getroffene Vereinbarung zu Südtirol genannt. Die Bevölkerung des nach Ende des Ersten Weltkriegs Italien zugeschlagenen ehemaligen österreichisch-ungarischen Gebiets südlich des Brennerpasses sollte „frei“ wählen können, ob sie sich der schon seit 1922 von den regierenden Faschisten betriebenen Italianisierung unterordnen wollen oder aber die „Heim ins Reich“-Option wählen und umgesiedelt werden. Von den etwa 250.000 „volksdeutschen“ Südtirolern, was 80 % der Bevölkerung ausmachte, wählte 85% die letztere Möglichkeit. Bis zur Besetzung Norditaliens durch die Deutschen im September 1943 wanderten 75.000 Südtiroler ins Deutsche Reich aus. So auch die Familie von der Sepp Mall in seinem für den deutschen Buchpreis 2023 nominierten Roman Ein Hund kam in die Küche erzählt. Weiterlesen „Sepp Mall – Ein Hund kam in die Küche“

Vigdis Hjorth – Die Wahrheiten meiner Mutter

Die Autorin Vigdis Hjorth zählt in ihrem Heimatland Norwegen zu den bekanntesten und mit fast 30 Veröffentlichungen auch zu den produktivsten literarischen Stimmen. In Deutschland gilt es die 1959 in Oslo geborene Schriftstellerin erst noch zu entdecken. Zwar sind einige ihrer Romane bereits ins Deutsche übersetzt in verschiedenen Verlagen erschienen, aber keiner davon wurde so richtig beachtet. Was vielleicht an den mit Verlaub ziemlich dämlichen deutschen Titeln gelegen haben könnte. Im Osburg Verlag fand sie dann ein Zuhause, das ihre Werke ernst nahm. Und nun sorgt hoffentlich der Wechsel in den renommierten S. Fischer Verlag dafür, dass sie auch einem breiteren Publikum bekannt wird. Hier erschien unlängst der neueste Roman von Vigdis Hjorth, Die Wahrheiten meiner Mutter. Er mor død (Ist Mutter tot?) heißt er im Original. Und um eine komplexe, schwierige Mutter-Tochter-Beziehung geht es. Weiterlesen „Vigdis Hjorth – Die Wahrheiten meiner Mutter“

Helga Flatland – Die Resonanzen

Als 2009 Alexander Rybak mit seiner Hardangerfiedel den ESC für Norwegen gewann, war dieses nordische Streichinstrument, das der Violine ähnelt, neben den vier Spielsaiten aber noch unter dem Griffbrett verlaufende Resonanzsaiten besitzt, hierzulande wenig bekannt. Für Norwegen ist es so etwas wie ein Nationalinstrument. Neben der Volksmusik, gibt es auch klassische Musik, die dafür komponiert wurde, so etwa auch Edward Grieg, dessen Peer Gynth-Suite ich im Sommer von der Geigerin Ragnhild Hemsing auf der Hardangerfiedel gespielt habe genießen können. Resonanzsaiten werden nicht direkt gespielt, sondern schwingen bei bestimmten Tonhöhen mit und variieren dadurch den Klang. „Etterklang“, der Nachhall, so ist der Roman von Helga Flatland im Original betitelt, Die Resonanzen trifft es in der deutschen Übersetzung von Ina Kronenberger und Elke Ranzinger aber auch ganz wunderbar. Resonanzen, die auch im menschlichen Miteinander entstehen, auch wenn sie nicht beabsichtigt waren. Weiterlesen „Helga Flatland – Die Resonanzen“