Olga Tokarczuk – Empusion

Es ist September 1913, am Vorabend des Ersten Weltkrieges, als ein junger, polnischer Student der Kanalisationsbautechnik aus Lemberg im Lungensanatorium Gröbersdorf (das heutige Sokolowsko) in Niederschlesien ankommt. Natürlich denkt die Leserin/der Leser sofort an Thomas Manns Zauberberg und seinen Helden Hans Castorp. Dass die Nobelpreisträgerin von 2019 Olga Tokarczuk mit ihrem neuen (und ersten Post-Nobel)Roman Empusion nicht nur einen Wiederaufguss oder eine Reminiszenz an den berühmten Sanatoriumsroman schreiben wollte, zeigen bereits der ungewöhnliche Titel und die beigefügte Gattungsbezeichnung „Eine natur(un)heilkundliche Schauergeschichte. Weiterlesen „Olga Tokarczuk – Empusion“

John Hersey – Hiroshima

Am 31. August 1946 erschien eine Sonderausgabe der Zeitschrift New Yorker. Sie war einer einzigen Reportage gewidmet und in Windeseile ausverkauft. Bis heute hat sich der Text Hiroshima von John Hersey weltweit über 30 Millionen Mal verkauft. Die Reportage über sechs Überlebende des Atombombenabwurfs auf Hiroshima am 6. August 1945 war ein Schock für die amerikanische Öffentlichkeit. Auch mit Hilfe von Zensur und Propaganda wurden die entsetzlichen Wirkungen und Spätfolgen der Bombe heruntergespielt, verharmlost, als unabdingbar für das Kriegsende und den Frieden dargestellt. Wenige Amerikaner wussten um die Wahrheit. Weiterlesen „John Hersey – Hiroshima“

Éric Vuillard – Ein ehrenhafter Abgang

Ein Reiseführer für Französisch-Indochina aus den 1920er Jahren mit einem passenden Sprachführer, der fast ausschließlich Redewendungen im Imperativ enthielt, war es nach eigenem Bekunden, der den französischen Autor Éric Vuillard zu seinem neuesten Buch, Ein ehrenhafter Abgang, inspirierte. Und wieder hat er aus Fakten und Fiktion ein für ihn so typisches Genre geschaffen, das irgendwo zwischen historischem Sachbuch und dokumentarischem Roman angesiedelt ist. Schon in seinem mit dem Prix Goncourt gekürten Buch Die Tagesordnung, in Der 14. Juli  und Der Krieg der Armen hat er diese Art der Komposition angewendet, die man vielleicht am besten als literarische Inszenierung historischer Ereignisse beschreiben kann. Dafür montiert er Fakten, die er präzise aus Dokumenten wie Briefen, Reden, Memoiren recherchiert hat, mit einer erfundenen Innen- und Gefühlswelt der beteiligten Personen. Bei aller Faktentreue entsteht daraus dann ein weniger sachliches als engagiertes Stück Literatur. Weiterlesen „Éric Vuillard – Ein ehrenhafter Abgang“

Anthony McCarten – Going Zero

Dass der gebürtige Neuseeländer Anthony McCarten auch ein sehr erfolgreicher, mehrfach oscarprämierter Drehbuchautor ist, merkt man seinem neuen, atemlosen Thriller Going Zero an. Intelligent, spannend und überraschend jagt der 61-Jährige seine Leser:innen durch die Seiten. Und das ganz ohne die sonst üblichen eindeutigen Schurken und (fast) ohne Gewalt. Weiterlesen „Anthony McCarten – Going Zero“

Teresa Präauer – Kochen im falschen Jahrhundert

Wie in einem Bühnenstück lässt die Österreicherin Teresa Präauer fünf bzw. sieben Protagonisten in ihrem fabelhaften Roman Kochen im falschen Jahrhundert zu einem Abendessen in der frisch renovierten und frisch bezogenen Altbauwohnung der Gastgeberin zusammentreffen. Eine Quiche soll es geben, dazu einen frischen Salat und reichlich perlenden Crémant d’Alsace. Für diese recht einfach gestrickte Menüfolge macht sie sich verblüffend viel Gedanken. Ja, man darf sogar von einer gewissen Angst vor diesem Abend, respektive vor seinem Scheitern, sprechen. Denn es sitzen ja nicht nur die Eingeladenen am Tisch, sondern all die Erwartungen, die gesellschaftlichen Normen, der zeitgeistige Kult ums Essen und der vielleicht unbewusste Wunsch, sich und die eigene Einstellung zur Welt und zum Leben durch dieses Abendessen quasi zu materialisieren. Weiterlesen „Teresa Präauer – Kochen im falschen Jahrhundert“

Helga Schubert – Der heutige Tag

Derden – der, den ich liebe – nennt die Ich-Erzählerin, die unzweifelhaft Helga Schubert selbst ist, ihren pflegebedürftigen Mann. Mehr als 50 Jahre sind sie zusammen, der 96-jährige Psychologe und Maler Johannes Helm wird seit 15 Jahren von seiner nun 83-jährigen Frau zuhause auf dem Mecklenburger Land gepflegt. Der heutige Tag  ist, so der Untertitel, „ein Stundenbuch der Liebe“, ein literarisches Tagebuch, in dem Helga Schubert im abendlichen Schreiben, wenn der Pflegealltag zu Ende ist, nach eigenem Bekunden ihre Rettung findet, ihre Zuflucht. Weiterlesen „Helga Schubert – Der heutige Tag“

Mathijs Deen – Der Taucher

Kommissar Liewe Cupido ist kein normaler Krimi-Ermittler, eben weil er so normal ist. Keine dunkle Vergangenheit, kein Alkohol, keine Drogen oder psychischen Probleme, wie sie so oft für Fahnder in diesem Genre bemüht werden. Ein einsamer Wolf zwar, verschlossen, wortkarg und irgendwie ziemlich melancholisch, aber auch bodenständig, pragmatisch und freundlich. Mathijs Deen lässt seinen Holländer (Cupido ist Beamter der Bundespolizei See in Cuxhaven, stammt aber ursprünglich von der Insel Texel) nun in Der Taucher ein zweites Mal einen ungewöhnlichen Mordfall untersuchen. Weiterlesen „Mathijs Deen – Der Taucher“

Lektüre April 2023

Der April war ein reicher Monat. Eine lang ersehnte Rom-Reise, die Fahr nach Leipzig und fünf Tage Buchmesse mit vielen schönen Begegnungen, Verlagsveranstaltungen, Lesungen. Dennoch wurde natürlich gelesen und zwar nicht zu knapp, auch Dank langer Zugfahrten. Neben dem kleinen, zauberhaften Essayband übers Schwimmen von Kristine Bilkau hat mir vor allem Helga Schubert mit ihrem Der heutige Tag Freude gemacht. Mit großartigste Entdeckung war aber Teresa Präauer mit ihrem so witzigen wie klugen Kochen im falschen Jahrhundert. Das ohne die Aktion von Carmen Böhm (@carmancia) mit dem Wallstein Verlag, bei der ich die Autorin treffen konnte, sicher an mir vorbeigegangen wäre. Hier kommt meine Lektüre im April 2023.

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Leipziger Buchmesse 2023 – Mein Messebesuch

Vor einer guten Woche endete die Leipziger Buchmesse 2023 und ich möchte gern – wenn auch verspätet und vielleicht schon nicht mehr so ganz relevant – von meinem Messebesuch erzählen. Nach drei ausgefallenen Messen fieberte die Buchwelt auf Leipzig hin. 2020 wurde die Messe eiskalt erwischt, 2021 befanden wir uns mitten in einer Corona-Hochphase und 2022 wurde sie ohne große Not und unter dem Druck zahlreicher Absagen vorwiegend großer Konzernverlage abgesagt. Insgesamt zeigte die Leipziger Messe im Gegensatz zu ihrer Schwester in Frankfurt weniger Mut und Innovation, um den Herausforderungen der Pandemie zu begegnen. Zugegeben hatte letztere auch mehr Glück, den besseren Zeitpunkt im Jahr und mehr jeweiligen Vorlauf. Dennoch muss man feststellen, dass sie auch einfach mehr wagte, die Messe 2020 zumindest digital mit Presseanwesenheit vor Ort und dezentralen Veranstaltungen in der Stadt, 2021 mit Zugangsbeschränkungen auf dem Messegelände und 2022 bereits in alter Frische wie in Vor-Pandemie-Jahren durchführte. Weiterlesen „Leipziger Buchmesse 2023 – Mein Messebesuch“