Eva Reisinger – Männer töten

Unter dem herrlich zweideutigen Titel Männer töten veröffentlicht die österreichische Journalistin und Sachbuchautorin Eva Reisinger ihren ersten Roman und wurde dafür gerade für den Österreichischen Debütpreis 2023 nominiert. Interessant ist, welche Bedeutung des Titels sich beim ersten Augenschein bei der Leserin oder dem Leser nach vorne drängt. Tatsache ist, das macht die „Triggerwarnung“ gleich zu Beginn deutlich: Hier werden Männer getötet. Dabei geht es aber eigentlich um die unerträgliche Tatsache, dass Männer Frauen töten. Immer noch, immer wieder. Und immer noch schaut die Gesellschaft viel zu oft weg, bagatellisiert und ist auch die Rechtsprechung noch nicht so sensibilisiert, diese Femizide als solche gesondert zu behandeln. Bislang haben nur zwei Länder in Europa, nämlich Zypern und Malta, beschlossen, diese Femizide als eigenständige Verbrechen anzuerkennen. Weiterlesen „Eva Reisinger – Männer töten“

Johanna Sebauer – Nincshof

„Nincs“ – ungar.: „Es gibt kein“. Nincshof – es gibt keinen Hof, kein Dorf, kein gar nichts. Zumindest nach der Legende gab es hier im äußersten östlichen Zipfel Österreichs, in der entlegensten Ecke des Burgenlandes, ganz nahe am Einser-Kanal, der an der Grenze von Österreich und Ungarn verläuft, offiziell jahrhundertelang nichts. Offiziell. Denn bevor der Einser-Kanal seit der Wende zum 20. Jahrhundert den ansonsten abflusslosen Neusiedlersee entwässerte und danach die südöstlich davon gelegenen Hanságsümpfe mehr und mehr trockengelegt wurden, lag dort der Legende nach (zumindest im vorliegenden Roman) eine von der Außenwelt unentdeckte Gemeinde, völlig autark, mit matriarchal verlaufenden Familienlinien, mit durch Holzstege über dem Moor verbundenen Pfahlbauten, versteckt im hohen Schilf. Augenzwinkernd, märchenhaft, verspielt erzählt Johanna Sebauer in ihrem Debütroman, wie einige Bewohner des (fiktiven) burgenländischen Dörfchens Nincshof diesen vermeintlich glücklichen, vergessenen Zustand wiederherstellen möchten. Weiterlesen „Johanna Sebauer – Nincshof“

Julie Otsuka – Solange wir schwimmen

Als Julie Otsuka 2011 ihren zweiten Roman „Buddha in the attic“ (dt. Wovon wir träumten) veröffentlichte, war die Literaturwelt einhellig begeistert. Diese kollektive Wir-Perspektive, die das Schicksal sogenannter „Picture brides“ in den USA so zart, deutlich und ungeschönt schilderte, war etwas ganz Ungewohntes. Das Buch war für den National Book Award nominiert und erhielt den PEN/Faulkner-Award. Und war auch in Deutschland in der Übersetzung von Katja Scholtz ein großer Erfolg. Auch ich war hingerissen von diesem mir bisher nicht gekannten Erzählton. Über zehn Jahre musste das Lesepublikum warten, nun hat Julie Otsuka mit Solange wir schwimmen einen neuen, ihren dritten Roman vorgelegt. Und auch dieser startet wieder mit einer kollektiven „Wir“-Perspektive. Weiterlesen „Julie Otsuka – Solange wir schwimmen“

Tess Gunty – Der Kaninchenstall

Der Kaninchenstall heißt in der Umgangssprache ein etwas heruntergekommener Wohnblock in Vacca Vale, Indiana, einer ihrerseits auch recht heruntergekommenen (fiktiven) Stadt mitten im US-amerikanischen Rustbelt. Dort wo schon lange die Lichter ausgegangen sind. Seit der Deindustrialisierungswelle der 1980er und 90er Jahren, als die einstigen Industriehochburgen mit ihrer Stahlproduktion sowie der Automobil- und Waffenindustrie begannen, ihre Bedeutung für die amerikanische Wirtschaft zu verlieren, steht dieser Teil der USA für Niedergang und Hoffnungslosigkeit. „Lapinière Affordable Housing Complex“ ist der hochtrabende offizielle Name des Gebäudes, benannt nach den vielen Kaninchen, die die Gegend bevölkern. Aber die Protagonisten von Tess Gunty wissen sehr wohl, dass es eigentlich nur Der Kaninchenstall ist. Weiterlesen „Tess Gunty – Der Kaninchenstall“

Penelope Mortimer – Bevor der letzte Zug fährt

In der Literaturgeschichte lohnt das Graben nach Vergessenem und Übersehenem. Gerade im letzten Jahr habe ich viele großartige deutsche Erst- und Neuübersetzungen von Autor:innen (tatsächlich überwiegend weibliche) gelesen. Sehr verdient macht sich dabei u.a. der Schweizer Dörlemann Verlag, der seine Ausgaben zudem noch besonders schön gestaltet. Meine neueste Entdeckung ist Bevor der letzte Zug fährt von Penelope Mortimer, übersetzt von Kristine Kress. (Auch großes Lob an den Verlag dafür, dass die Übersetzerin prominent auf dem Titel erwähnt wird).

Dieser 1958 erschienene Roman liegt zum ersten Mal auf Deutsch vor. Und das erstaunt angesichts der literarischen Qualität sehr. Andererseits berührt der Text Themen, von denen man zur damaligen Zeit sicher nicht unbedingt lesen wollte. Die 1918 geborene Journalistin, zeitweise Kummerkastentante für die Daily Mail und sechsfache Mutter von Kindern unterschiedlicher Väter Penelope Mortimer spricht in Bevor der letzte Zug fährt ein in der damaligen Zeit stark mit Tabus behaftetes Thema an: die ungewollte Schwangerschaft und deren Beendigung. Erst 1967 wurden Abtreibungen in England legal. Weiterlesen „Penelope Mortimer – Bevor der letzte Zug fährt“

Ayòbámi Adébáyò – Das Glück hat seine Zeit

Die 1988 in Lagos geborene Ayòbámi Adébáyò zählt zu den wichtigsten jungen Stimmen aus Afrika. Ihr Debütroman „Bleib bei mir“ war für den Women’s Prize for Fiction 2017 nominiert und wurde in zwanzig Sprachen übersetzt. Ich war von diesem Buch auch nachhaltig beeindruckt. Dennoch ist die nigerianische Autorin bei uns noch relativ unbekannt. Jetzt erscheint der zweite Roman von Ayòbámi Adébáyò in einer Übersetzung von Simone Jakob unter dem etwas unnötig kitschigen Titel Das Glück hat seine Zeit bei Piper. Weiterlesen „Ayòbámi Adébáyò – Das Glück hat seine Zeit“

Anne Berest – Die Postkarte

Seit über zwei Jahren steht der Roman Die Postkarte der 1979 geborenen französischen Schauspielerin und Regisseurin Anne Berest auf den Bestsellerlisten in Frankreich. 2021 war er für mehrere große Literaturpreise des Landes nominiert, u.a. auch für den Prix Goncourt. Der Skandal darum, dass ein Mitglied der Jury den Roman im Vorfeld in der Zeitung Le Monde verrissen hat und gleichzeitig mit einem der Mitbewerber liiert ist, hat dem Buch zumindest bei den Leser:innen nicht geschadet. Glücklicherweise, denn die Geschichte der eigenen Recherche der Autorin zu ihrer Familie, die weit in die dunklen Jahre der deutschen Besetzung und der Shoa führen, verdient es von vielen gelesen zu werden. Weiterlesen „Anne Berest – Die Postkarte“

Deborah Levy – Augustblau

Augustblau – August Blue, im englischen Original weitet sich der Titel des neuen Romans von Deborah Levy zu noch mehr Deutungsmöglichkeiten. Und für das literarische Werk der 1959 in Südafrika geborenen und in Großbritannien aufgewachsenen Autorin sind diese vielfältigen Deutungsebenen so wichtig wie die Musikalität ihrer Texte und ihr Anspielungsreichtum. Traurigkeit liegt im Titel, aber auch Melancholie und Sehnsucht. Weiterlesen „Deborah Levy – Augustblau“

Javier Cercas – Blaubarts Burg

Als der Spanier Javier Cercas 2019 mit Terra Alta den ersten Teil einer geplanten Krimireihe veröffentlichte, hat das manchen überrascht. Vielleicht war es für den Autor meist zeithistorischer und politischer Texte nach einem wahren Shitstorm, der den erklärten Gegner des katalanischen Separatismus 2017 in seiner Heimat traf, an der Zeit, sich literarisch neu zu verorten. Mit Blaubarts Burg ist nun bereits der dritte Teil der nach der abgelegenen Terra Alta-Region benannten Reihe, in der Javier Cercas seine Protagonisten beheimatet, erschienen. Weiterlesen „Javier Cercas – Blaubarts Burg“