Literaricum Lech 2023 – Auf dem Berg mit Jane Austen (Teil 1)

In der vergangenen Woche (13. bis 16. Juli 2023) fand in Lech am Arlberg die dritte Ausgabe des Literaricum Lech statt. In der herrlichen Landschaft der Vorarlberger Hochalpen treffen sich auf über 1750 Metern Höhe Literat:innen, Kritiker:innen und interessiertes Lesepublikum um sich wie jedes Jahr einem Klassiker der Weltliteratur an drei Festivaltagen aus verschiedenen Perspektiven zu nähern. Nach eigenem Motto wird Bildung und Unterhaltung auf hohem Niveau geboten. Das kann ich uneingeschränkt bestätigen. Eingeladen von Lech Zürs Torismus und bestens umsorgt von den Mitarbeitern des Burg Hotel in Oberlech, konnte ich drei Tage lang interessante und hochkarätige Veranstaltungen rund um Janes Austens Klassiker Stolz und Vorurteil besuchen, mit den Autor:innen und Pressekolleg:innen sprechen und tolle Leute kennenlernen. Das Wetter spielte auch mit, nach anfänglichem Regen strahlte die Sonne und verbreitete richtiges Feriengefühl. Lediglich meine Anreise war durch die Unwetter in Süddeutschland am Vorabend eine wirkliche Herausforderung, klappte aber Dank Sammeltaxi von Ulm nach Bregenz dann doch erstaunlich gut. Weiterlesen „Literaricum Lech 2023 – Auf dem Berg mit Jane Austen (Teil 1)“

Katrin Seddig – Nadine

Wut – ist das erste Wort, das mir zum neuen Roman von Katrin Seddig, Nadine, einfällt. Seine Protagonistin, 50 plus, verheiratet, Anwaltsgehilfin, ist seit Kindertagen voll mit einer unbändigen, meist erfolgreich unterdrückten Wut. Aber manchmal, besonders wenn Nadine nicht weiter weiß, entlädt sich diese Wut, oft auch in Gewalt. Da wird geschubst, gekratzt, geschlagen. „Mangelnde Impulskontrolle“ wird dem Vater schon während der Schulzeit mitgeteilt, sei Nadines großes Problem. Und der Vater, der seit ihrem zehnten Lebensjahr die Tochter allein erzieht, nachdem ihre Mutter die Familie Hals über Kopf verlassen hat, und selbst vaterlos aufwuchs, ist überfordert, reagiert seinerseits mit drastischen Maßnahmen, beispielsweise der „Kammer“, in die er Nadine immer wieder einschließt. Weiterlesen „Katrin Seddig – Nadine“

Gwendolyn Brooks – Maud Martha

Ein sehr begrüßenswerter Trend geht weiter: in Deutschland ungehörte, übergangene, vorwiegend weibliche, oft Schwarze Stimmen werden endlich – oft nach Jahrzehnten – übersetzt. In der Verlagsbranche und bei den Leser:innen ist in den letzten Jahren das Interesse an solchen Texten enorm gewachsen, weshalb es viele spannende Neu- und Wiederveröffentlichungen zu entdecken gibt. Ein Beispiel dafür ist der bei Manesse erschienene Roman Maud Martha von Gwendolyn Brooks in der sehr gelungenen Übersetzung von Andrea Ott. Weiterlesen „Gwendolyn Brooks – Maud Martha“

Donna Leon – Wie die Saat so die Ernte

Nach einigen recht melancholischen Bänden ihrer Commissario Brunetti-Reihe überrascht es beinehe, dass der neue Roman von Donna Leon fast ein wenig heiter daherkommt, obwohl sich die mittlerweile achtzigjährige Autorin in ihrem 32. Fall einem dunklen Kapitel der jüngeren italienischen Geschichte widmet, Wie die Saat, so die Ernte. Weiterlesen „Donna Leon – Wie die Saat so die Ernte“

Lektüre Juni 2023

Meine Lektüre im Juni 2023: nur außergewöhnlich gute Bücher, die ich alle – in ihrer Unterschiedlichkeit – von Herzen empfehlen kann. Von der episch breiten historischen Erzählung zum verdichteten poetisch-experimentellen Roman: alle waren wirklich herausragend, weswegen ich diesen Monat keinen Favoriten vorstellen kann. Es ist die bunte Vielfalt, die meine Lektüre Juni 2023 so erfolgreich gemacht hat. Weiterlesen „Lektüre Juni 2023“

Asta Nielsen – Im Paradies

Die Dänin Asta Nielsen war der weibliche Star des deutschen Stummfilms. Weniger bekannt ist, dass sie nach Beendigung ihrer Schauspielkarriere zahlreiche Erzählungen geschrieben hat. In der wunderbaren Reihe Lieblingsbücher von Kat Menschik illustriert erscheinen nun fünf kurze Texte in der gewohnt liebevoll-aufwendig gestalteten Aufmachung des Galiani Verlags: dreiseitiger silbriger Buchschnitt, Glanz-Prägung und in frischen Blau-Tönen gehaltene Illustrationen mit roten Akzenten. Weiterlesen „Asta Nielsen – Im Paradies“

Abdulrazak Gurnah – Die Abtrünnigen

Es geht weiter mit der Neuveröffentlichung von älteren Werken des Literaturnobelpreisträgers von 2021 bei Penguin. Nachdem im letzten Jahr das aktuellste Buch von Abdulrazak Gurnah, Nachleben, im Original 2020 erschienen, veröffentlicht wurde, folgt nun ein Roman von 2006, Die Abtrünnigen. Wieder taucht der Autor tief in die Kolonialgeschichte Tansanias, Kenias und Sansibars ein und verwebt sie mit einer Liebesgeschichte und autobiografischen Elementen zu einem Roman über Familientradition, Kolonisation und Migration. Weiterlesen „Abdulrazak Gurnah – Die Abtrünnigen“

Susanne Gregor – Wir werden fliegen

Ein Geschwisterroman, eine Flucht- und Migrationsgeschichte, ein Text über das Fortgehen und (Nicht)Ankommen, über die Suche nach Identität, Zugehörigkeit und den eigenen Weg im Leben – all das vereint Susanne Gregor in ihrem neuen Roman Wir werden fliegen, der an ihr voriges Buch Das letzte rote Jahr anknüpft, sich aber auch ganz wunderbar ohne Vorwissen lesen lässt (ich habe vom Vorgänger auch erst nach dem Lesen erfahren). Weiterlesen „Susanne Gregor – Wir werden fliegen“

Arno Frank – Seemann vom Siebener

Ein Spätsommertag im Freibad des kleinen fiktiven Ortes Ottersweiler in der Pfalz. Ein Tag, der nochmal alle Schönheit des Sommers auffährt, von dem man aber nicht weiß, ob es nicht vielleicht der letzte des Jahres sein wird. Neben zahlreichen mehr oder weniger liebenswerten Figuren steht das Provinzbad im neuen Roman von Arno Frank, Seemann vom Siebener, im Mittelpunkt. Hier warten keine Attraktionen auf die Besucher, keine Riesenrutsche, keine Erlebnisgastronomie. Liegewiese, 50 Meter-Becken, schon etwas marode Holz-Umkleidekabinen mit den üblichen Spannerlöchern, Kassenhäuschen und Kiosk mit Pommes und Langnese-Eiskarte – das war`s. Und dann ist da noch der 7er, der Sprungturm, dessen oberste Plattform seit einem tragischen Vorfall dauerhaft geschlossen ist. Weiterlesen „Arno Frank – Seemann vom Siebener“

Andrej Blatnik – Platz der Befreiung

Boy meets girl: Andrej Blatnik lässt seinen Protagonisten auf einer Demo im Sommer 1988 auf dem Platz der Befreiung auf eine ihn faszinierende junge Frau treffen. Es ist die erste große Massendemonstration in Slowenien. Drei Jahre später, im Juni 1991 verkündet das Land seine Unabhängigkeit, die es auch nach dem 10-Tage-Krieg behaupten kann, während andere jugoslawische Teilrepubliken in jahrelange, blutige kriegerische Auseinandersetzungen verfallen. Vor dem Hintergrund dieser Zeit der Unabhängigkeitserklärung bis in die Gegenwart hinein erzählt Blatnik vom Erwachsen- und Älterwerden von Protagonist und Land. Weiterlesen „Andrej Blatnik – Platz der Befreiung“