Sebastian Barry – Annie Dunne

Annie Dunne ist keine wirklich sympathische Person. Schroff, abweisend und in allerlei Vorurteilen verfangen erscheint sie ihrer Umwelt. Sebastian Barry wäre aber nicht der großartige Menschenporträtist (wie auch in Tausend Monde) , der er ist, wenn es hinter der rauen Schale von Annie Dunne nicht ganz anders aussähe. Der Steidl-Verlag veröffentlicht den zweiten Roman des irischen Schriftstellers von 2002 in einer gewohnt schönen, nein, in einer ganz besonders schönen Leinenausgabe. Weiterlesen „Sebastian Barry – Annie Dunne“

Friedrich Ani – Letzte Ehre

Tabor Süden, Polonius Fischer, Jakob Franck und, im aktuellen Roman Letzte Ehre von Friedrich Ani, Fariza Nasri – sie alle sind irgendwie verlorene Seelen. Am deutlichsten ist das vielleicht bei Tabor Süden, der die ersten vierzehn Kriminalromane Anis prägte. Süden arbeitete nicht nur in einer Vermisstenstelle, sondern ging oft dem Leben und manchmal auch ganz konkret verloren. Alle Protagonisten sind Einzelgänger, Einsame, am Leben Leidende. Mit ihnen schuf Friedrich Ani mehrere Serien, die auf eine ganz bestimmte Art düster, melancholisch und zutiefst gesellschaftskritisch sind. Im letzten Buch, All die unbewohnten Zimmer, trafen sie zum ersten Mal aufeinander. Weiterlesen „Friedrich Ani – Letzte Ehre“

Ibrahima Balde Amets Arzallus – Kleiner Bruder

Spätestens nach den massiven Migrationsbewegungen der Jahre 2015 und 2016 sind die weltweiten Fluchtrouten, auf denen sich heute mehr Menschen als je bewegen – man schätzt die Zahl der sich Ende 2019 auf der Flucht befundenen Menschen laut UNO Flüchtlingshilfe weltweit auf ca. 79,5 Millionen, davon ein Drittel, die ihr Land verlassen haben -, auch dem Laien bekannt. Von der Balkanroute, die bald durch zahlreiche Grenzschließungen erschwert und verlagert wurde, drangen unzählige Fernsehbilder in die heimischen Wohnzimmer. Und immer wieder erreichen uns auch dramatische Bilder von havarierten Booten auf dem Mittelmeer. Nachdem 2015/16 die östliche Mittelmeer-Route die meist frequentierte war, rückt die zentrale und westliche Mittelmeer-Route von Nordafrika nach Lampedusa und Sizilien oder nach Spanien wieder in den Vordergrund. Auch Ibrahima Balde hat diesen Weg genommen und dem baskischen Journalisten Amets Arzallus von seiner Flucht erzählt, der daraus das berührende Buch Kleiner Bruder machte. Weiterlesen „Ibrahima Balde Amets Arzallus – Kleiner Bruder“

Nadia Bozak – Der Junge

Die kanadische Autorin Nadia Bozak arbeitet an einer Trilogie namens Border Trilogy. Manch einer mag da aufhorchen. Ja, es gibt eine gleichnamige Romanserie des amerikanischen Autors Cormac McCarthy: Alle hübschen Pferde, Der Grenzgänger und Land der Freien. Ähnlichkeiten und Bezüge sind offensichtlich. Mit Der Junge wird nun der zweite Teil dieser (geplanten) Trilogie von Nadia Bozak auch auf Deutsch veröffentlicht. Weiterlesen „Nadia Bozak – Der Junge“

Laila Lalami – Die Anderen

„Mein Vater wurde in einer Frühlingsnacht vor vier Jahren getötet, während ich in der Ecknische eines kurz zuvor eröffneten Bistros in Oakland saß“. So lässt Laila Lalami ihren Roman Die Anderen beginnen. Lange Zeit weiß man nicht ob das Buch nun ein Familienroman, ein Krimi, eine Gesellschaftsstudie oder eine Liebesgeschichte sein wird. Am Ende ist es eine gelungene Mischung aus allem. Weiterlesen „Laila Lalami – Die Anderen“

Jurica Pavičić – Blut und Wasser

Wirklich gute Kriminalromane weisen weit über das geschilderte Verbrechen hinaus. Sie zeigen menschliche Abgründe, gesellschaftliche Verwerfungen, politische Verstrickungen. Im besten Fall ist man am Ende bestens unterhalten, um einige Schlafstunden ärmer und hat etwas erfahren, von dem man vorher noch nicht wusste. Die Kriminalromane des Kroaten Jurica Pavičić, der neueste Blut und Wasser ist 2020 erschienen, sind zweifellos wirklich gut. Weiterlesen „Jurica Pavičić – Blut und Wasser“

Jacqueline Woodson – Alles glänzt

Die 1963 geborene US-amerikanische Autorin Jacqueline Woodson ist vor allem für ihre Kinder- und Jugendbücher bekannt und vielfach preisgekrönt. 2016 (dt. 2018) veröffentlichte sie mit Ein anderes Brooklyn erstmals einen Roman, der sich an ein älteres Publikum wendet. Dabei blieb sie vielen ihrer Themen wie Coming of age, Rassismus, Klassismus, Gender und Homosexualität treu. Auch in ihrem neuesten Roman, der auf Deutsch unter dem Titel Alles glänzt erscheint, konzentriert Jacqueline Woodson diese Themen in Familiengeschichten. Weiterlesen „Jacqueline Woodson – Alles glänzt“

Lektüre Mai 2021

Ein wenig erfreulicher Mai ist zu Ende gegangen. Viel Regen, wenig Sonne, kühl bis kalt. Der Juni hat bereits viel freundlicher begonnen. Neben ein paar Sommertagen bringen auch positive Entwicklungen bei der Corona-Lage hoffnungsvolle Gefühle. Nur meine Lektüre war im Mai 2021 wirklich sehr zufriedenstellend. Weiterlesen „Lektüre Mai 2021“

Richard Wagamese – Der gefrorene Himmel

Auch in diesem Jahr ist ein Gastlandauftritt von Kanada auf der Frankfurter Buchmesse zumindest geplant. Inwieweit die Messe dann tatsächlich stattfinden kann und auch ein Besuch kanadischer Verlage und Autoren möglich sein wird, wagt man im Moment kaum vorherzusagen. Literatur aus Kanada sollte aber unabhängig von den durch die Pandemie diktierten Bedingungen auf jeden Fall in den Fokus rücken. Bereits im letzten Jahr gab es eine ganze Reihe spannender Neuerscheinungen und 2021 steht dem in nichts nach. Eine davon ist Der gefrorene Himmel von Richard Wagamese. Weiterlesen „Richard Wagamese – Der gefrorene Himmel“

Roberto Camurri – Der Name seiner Mutter

Bücher über verlassene Kinder gibt es viele. Sind die Geschichten von abwesenden Vätern vielleicht etwas zahlreicher, so sind diejenigen, in denen die Mutter fehlt, oft verzweifelter. Besonders tragisch ist es meist, wenn nicht geklärt ist, warum die Eltern, der Vater oder eben die Mutter fort sind, was mit ihnen geschah, was vielleicht die Beweggründe für ihr Weggehen waren. Wenn in den Familien Schweigen herrscht. Ein solches Schweigen begleitet auch die Kindheit und Jugend des Protagonisten im neuen Roman von Roberto Camurri, Der Name seiner Mutter. Weiterlesen „Roberto Camurri – Der Name seiner Mutter“