„Mein Vater, James Witherspoon, ist ein Bigamist.“ So lässt Tayari Jones ihren etwas ungewöhnlichen Familienroman Das zweitbeste Leben beginnen. Sie gibt Dana Yarboro die Stimme, einer der beiden Töchter, die James Witherspoon mit seinen beiden Ehefrauen hat. Denn Dana weiß seitdem sie klein ist, dass sie und ihre Mummy „ein Geheimnis“ sind. Jeden Mittwochabend isst der Vater mit seiner kleinen Zweitfamilie, oft begleitet von seinem Freund und Quasi-Bruder Raleigh. Er möchte zu seiner Tochter und deren Mutter stehen, Verantwortung übernehmen. Auch wenn dies in der Regel durch Geld geschieht, mit dem er den Lohn der Krankenschwester aufbessert, die Ausbildung Danas und kleine Extraausgaben bezahlt. Weiterlesen „Tayari Jones – Das zweitbeste Leben“
Kategorie: Rezensionen
Maggie O´Farrell – Judith und Hamnet
Hamlet ist sicher eines der bekanntesten Dramen William Shakespeares. Darin geht es zentral auch um eine Vater-Sohn-Beziehung. Über seinen Verfasser ist trotz vielfältiger Forschung erstaunlich wenig Gesichertes bekannt. Tatsache ist, dass er einen Sohn hatte, der Hamnet hieß und 1596 gerade elfjährig starb. Die britisch-irische Autorin Maggie O´Farrell macht ihn in ihrem mit dem Women´s Prize for Fiction 2020 prämierten Roman Judith und Hamnet zum Namensgeber des 1601 entstandenen Dramas und erzählt die berührende Geschichte seines Lebens und Sterbens. Weiterlesen „Maggie O´Farrell – Judith und Hamnet“
Brit Bennett – Die verschwindende Hälfte
Die 1990 in Kalifornien geborene Brit Bennett gilt nach ihrem vielbeachteten Essay „I don’t know what to do with good white people“ und ihrem erfolgreichen Debütroman „Die Mütter“ als eine der vielversprechendsten jungen Schriftstellerinnen der USA. Mit ihrem neu erschienenen Buch Die verschwindende Hälfte scheint Brit Bennett einen Roman zur Stunde, einen Beitrag zur Black Lives Matter-Bewegung geschaffen zu haben. In Amerika erschien „The vanishing half“ eine Woche nachdem George Floyd von einem Polizisten getötet wurde. Weiterlesen „Brit Bennett – Die verschwindende Hälfte“
Hilmar Klute – Oberkampf
Auch wenn sich die westliche Welt seit den verheerenden Anschlägen des 11. September in den USA der allgegenwärtigen Gefahr von Terrorattacken bewusst geworden ist, gibt es doch bestimmte Ereignisse, Daten, Orte, die diese Fragilität der Gesellschaft noch einmal mit besonderer Wucht ins Gedächtnis holen, die die Menschen auf ganz besondere Weise erschüttern und sich deshalb ins kollektive Gedächtnis hineinbohren. Dazu zählen sicher die Zuganschläge von Madrid 2004, die Selbstmordanschläge im öffentlichen Nahverkehr von London 2005 und der LKW-Anschlag in Nizza 2016. Für Deutschland kommt noch der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz 2016 hinzu. Orte des öffentlichen Lebens, in dem man sich doch gemeinhin recht sicher wähnte. 2015 erschütterten die Anschläge in Paris – im Januar auf die Redaktion des Satire-Magazins Charlie Hebdo, im November auf die Konzerthalle Bataclan und umliegende Restaurants – die Welt. Waren dies doch Anschläge, die gegen die gesamte westliche Lebensauffassung, ihre Ideen von Meinungsfreiheit und persönlicher Freiheit gerichtet waren. Hilmar Klute siedelt in ihrem Umfeld seinen Roman Oberkampf an. Weiterlesen „Hilmar Klute – Oberkampf“
Michael Crummey – Die Unschuldigen
Der kanadische Autor Michael Crummey entführt die Leser:innen seines neuen Romans Die Unschuldigen in ein Abenteuer an die raue Küste Nordkanadas. Weiterlesen „Michael Crummey – Die Unschuldigen“
Minka Pradelski – Es wird wieder Tag
Die Frankfurter Soziologin Minka Pradelski wurde 1947 im Lager für Displaced Persons in Zeilsheim geboren, in ihrem neuen Roman Es wird wieder Tag fügt sie der großen Geschichte der Shoah ein weiteres, persönliches Mosaiksteinchen hinzu. Sie erzählt von Überlebenden, deren Leidensweg weit über die Befreiung der Lager hinausgeht, die ihre Traumata in die Nachkriegszeit mitnehmen und an die Nachfolgegenerationen weitervererben. Gerade weil sie diese davor schützen wollen. Durch Schweigen. Weiterlesen „Minka Pradelski – Es wird wieder Tag“
Sarah Leipciger – Das Geschenk des Lebens
Das Geschenk des Lebens – um seine Fragilität drehen sich die drei Handlungsstränge im neuen Roman der Kanadierin Sarah Leipciger, der erste der mit ihrer Familie in London lebenden Autorin, der auf Deutsch vorliegt.
Drei Geschichten, drei Protagonist:innen, drei ganz unterschiedliche Handlungszeiten, Handlungsorte und Erzählperspektiven. Und viele Verknüpfungspunkte. So geht es in allen drei Geschichten um das, was das Geschenk des Lebens erst möglich macht, um das Atmen, das Luftholen, aber auch um das Gegenteil, das Ersticken, das Ertrinken und im Zusammenhang damit um das Element Wasser, in dem ein Atmen für uns nicht möglich ist. Coming up for air – so der englische Originaltitel. Weiterlesen „Sarah Leipciger – Das Geschenk des Lebens“
Sally Rooney – Normale Menschen
Die irische Autorin Sally Rooney ist ein Phänomen. Schon ihr Erstling Gespräche mit Freunden, der 2017 erschien, war ein sensationeller Erfolg für die 1991 geborene damalige Studentin am Trinity College in Dublin. Verlage überboten sich schon im Vorfeld, der renommierte Faber&Faber erhielt schließlich den Zuschlag, die britische Literaturkritik überschlug sich, diverse Zeitungen machten das Buch zum Book of the year und der Verkaufserfolg blieb nicht aus. Ich habe das Buch durchaus gern gelesen, der Hype erschloss sich mir aber nicht. Der 2018 erschienene zweite Roman von Sally Rooney, Normal people, jetzt als Normale Menschen auch auf Deutsch erschienen, versprach noch phänomenaler zu werden. Longlist des Man Booker Prize, Gewinn zweier British Book Awards und des Costa Awards – ein Wahnsinnserfolg für das zweite Buch einer so jungen Autorin. Weiterlesen „Sally Rooney – Normale Menschen“
Sorj Chalandon – Wilde Freude
Der französische Autor Sorj Chalandon hat (nicht nur) mich im vergangenen Jahr mit seinem Roman Am Tag davor sehr begeistert, ein Grund für mich, mir auch sein neues Buch Wilde Freude anzuschauen. Und das, obwohl das in den Vorschauen annoncierte Cover, das vier Frauen von hinten/oben in pastellfarbener Umgebung zeigt, mich so gar nicht ansprach. Ein Cover, das so sehr nach „Frauenroman“ schreit, dass ich es ohne den Autor zu kennen, sicher nicht angeschaut hätte. Dem Verlag scheinen auch Bedenken gekommen zu sein, denn nun liegt das Buch mit einem gänzlich anderen Titelbild – reine Schriftgestaltung in starken, feurigen Farben – vor.
Eine gute Entscheidung. Denn wenn die Hauptprotagonisten auch vier Frauen sind, die sich mit typisch weiblichen Krebserkrankungen herumschlagen müssen, die Männer hier meist ein äußerst armseliges Bild abgeben und es um weibliche Selbstermächtigung und Solidarität geht, handelt es sich um alles andere als einen sentimentalen oder gar trivialen Roman. Weiterlesen „Sorj Chalandon – Wilde Freude“
Alexa Hennig von Lange – Die Wahnsinnige
Johanna I. von Kastilien, 1479 in Toledo als drittes Kind der „Katholischen Könige“ Isabella und Ferdinand II. geboren, als 17jährige aus machtpolitischen Gründen mit dem einzigen Sohn des späteren römisch-deutschen Kaisers Maximilian, dem Erzherzog von Österreich und Herzog von Burgund Philipp dem Schönen verheiratet und mit 28 Jahren bereits Mutter von sechs Kindern, erhielt schon recht früh ihren Beinamen „die Wahnsinnige“. Bis zu ihrem Tod 1555 war sie nur sehr kurze Zeit gemäß ihrem Titel „Königin von Kastilien und Aragon und den angegliederten Gebieten“, der ihr nach dem Tod ihrer Mutter 1504 zustand, eine der mächtigsten Regentinnen der damaligen Zeit. Vielmehr wurde sie zunächst von ihrer Mutter, dann von Ehemann, Vater und später Sohn verdrängt, festgesetzt und der Regierungsunfähigkeit bezichtigt. Ihre berührende Geschichte erzählt Alexa Hennig von Lange in Die Wahnsinnige. Weiterlesen „Alexa Hennig von Lange – Die Wahnsinnige“









