Leïla Slimani – Dann schlaf auch du

2016 gewann der Roman „Chanson Douce“ (Wiegenlied) der französisch-marokkanischen Schriftstellerin Leïla Slimani den bedeutendsten Literaturpreis Frankreichs, den Prix Goncourt – nun liegt er als Dann schlaf auch du auf Deutsch vor. Bereits davor war das Buch ein großer Publikumserfolg. Er schien einen Nerv zu treffen.

Das kann nicht nur am leicht reißerischen Auftakt liegen, der den Ausgang des Geschehens vorwegnimmt.

„Das Baby ist tot. Wenige Sekunden haben genügt. Der Arzt hat versichert, dass es nicht leiden musste. Man hat es in eine graue Hülle gelegt und den Reißverschluss über dem verrenkten Körper zugezogen, der inmitten der Spielzeuge trieb. Die Kleine war dagegen am Leben, als die Sanitäter kamen. Sie hatte sich gewehrt wie eine Wilde.“ Weiterlesen „Leïla Slimani – Dann schlaf auch du“

Madeleine Thien – Sag nicht wir hätten gar nichts

„Die Internationale“, jenes „Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung“, das die Einheit der Arbeiter über alle Ländergrenzen hinweg beschwört, existiert selbst in unzähligen nationalen Textfassungen, die voneinander jeweils nicht unerheblich abweichen können. Ursprünglich stammt der Text von Eugène Pottier, der ihn 1871 nach dem Fall der Pariser Kommune verfasste. In der bekanntesten deutschen Version von 1910 heißt es, neben der allseits bekannten Zeile „Völker hört die Signale, Auf zum letzten Gefecht! Die Internationale erkämpft das Menschenrecht“, am Ende der ersten Strophe: „Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger/Alles zu werden, strömt zuhauf!“ (im Original: „Nous ne sommes rien, soyons tous“). In ihrer chinesischen Version wird daraus, in der englischen Übertragung, „Do not say we have nothing, we shall be the masters of the world“. Von hier stammt der Titel des große Romans von Madeleine Thien über mehr als sechzig Jahre chinesische Geschichte – Sag nicht wir hätten gar nichts – dankenswerter Weise in der deutschen Ausgabe beibehalten. Weiterlesen „Madeleine Thien – Sag nicht wir hätten gar nichts“

Lektüre September 2017

Der Kopf war so voll mit Buchmessenvor- und -nachbereitungen, Lesungen, Neuerscheinungsflut und nicht zuletzt Alltag, dass dieses Mal tatsächlich der Rückblick auf die Lektüre im September 2017 vergessen ging. So viele wunderbare Bücher waren dabei, dass ich das aber unbedingt nachholen möchte bevor schon wieder der Oktober dran ist. Weiterlesen „Lektüre September 2017“

Verena Boos – Kirchberg

Verena Boos erzählt in Kirchberg von einer Heimkehr.

Johanna kehrt nach Jahren, die sie in Berlin, New York und Italien gelebt hat, zurück in die kleine Gemeinde im Schwarzwald, in der sie bei ihren Großeltern aufgewachsen ist. Das alte Schulhaus steht nach dem Tod der Großeltern schon ein paar Jahre leer, aber es atmet noch Vertrautes. Auch die Nachbarn und der Jugendfreund Patrizio sind bald zur Stelle. Für Hanna ist es eine Reise in ihre Kindheit und Jugendzeit, in glückliche Jahre, aber auch zurück zu schmerzvollen Erinnerungen. Erinnerungen daran, dass ihre Mutter sie nicht hat haben wollen. Daran, dass die Großeltern sie nur knapp vor einer Adoption bewahrt haben. Daran, dass die Mutter sich auch später, auch heute, kaum um sie kümmert. Selbst heute nicht.

Es ist auch eine Flucht. Weiterlesen „Verena Boos – Kirchberg“

Madeleine Prahs – Die Letzten

Sie sind die Letzten in der Hebelstraße 13. Alle anderen haben sich locken lassen von den Angeboten des auf Mietsteigerung durch Kernsanierung spekulierenden Vermieters Thomas Grube. Oder sie haben resigniert, waren den Drohungen und Schikanen nicht länger gewachsen und sind dann doch ausgezogen. Nur drei der einst fünfzehn Parteien sind dem zunehmenden Druck noch nicht gewichen, den Bauarbeiten im Treppenhaus, der unterbrochenen Wasserversorgung, der drohenden Räumungsklage. Madeleine Prahs erzählt in Die Letzten von ihnen. Weiterlesen „Madeleine Prahs – Die Letzten“

Richard Ford – Zwischen ihnen

Richard Ford war ein spätes Kind. Nicht mal so sehr, weil seine Eltern, für damalige Verhältnisse, mit 34 bzw. 40 Jahren ungewöhnlich alt für ein erstes Kind waren, sondern vor allem deswegen, weil sie bereits 15 Jahre verheiratet waren, bevor sich unverhofft, aber durchaus erwünscht, Nachwuchs einstellte. Richard Ford fühlte sich stets Zwischen ihnen.

Edna und Parker Carrol Ford stammten beide aus eher problematischen Familien und für beide war die frühe Heirat auch ein wenig Flucht aus dem ungeliebten Elternhaus. Ednas Mutter hat die Tochter bereits in frühen Jahren in eine Klosterschule geschickt, nachdem sie sich vom Vater getrennt hatte. Bei der neuen Beziehung zum schillernden Bennie Shelley wäre ihr die Tochter nur im Weg gewesen, ja diese musste sich sogar zeitweise als ihre Schwester ausgeben. Keine idealen Startvoraussetzungen für eine gelingende Mutter-Tochter-Beziehung. Aber auch Parkers Familie war belastet. Scheiternde Geschäfte trieben seinen Vater früh in den Selbstmord. Die besitzergreifende Mutter intrigierte zeitlebens gegen die Schwiegertochter. Weiterlesen „Richard Ford – Zwischen ihnen“

Gaёl Faye – Kleines Land

Es ist ein kleines Land, aus dem dieser Roman berichtet und aus dem der 1982 geborene Autor Gaёl Faye stammt. Es ist kleiner als Belgien, aber genauso dicht besiedelt. Es liegt im Landesinneren des östlichen Afrika, am Tanganjikasee, 46% seiner Bevölkerung ist jünger als 15 Jahre. Neben Kirundi ist auch Französisch Amtssprache. Die Menschenrechtslage ist äußerst problematisch.

Burundi ist laut Welthunger-Index das ärmste Land der Erde.

Ich muss zugeben, dass ich bisher wenig über Burundi wusste. Weiterlesen „Gaёl Faye – Kleines Land“

Colson Whitehead – Underground Railroad

Nach Yaa Gyasis Roman „Heimkehren“ das zweite Buch der Saison, das sich mit der Thematik „Sklaverei“ beschäftigt, und ein unglaublich erfolgreiches Buch: sowohl der National Book Award 2016 als auch der Pulitzer Prize 2017 gingen an Colson Whitehead mit „Underground Railroad“. Die Jury des Man Booker Prizes gestattete ihm zumindest einen Platz auf der Longlist. Und (weniger spektakulär) auch auf meiner persönlichen Topliste des Jahres 2017 nimmt der Roman ganz sicher einen der obersten Plätze ein. Weiterlesen „Colson Whitehead – Underground Railroad“

Arundhati Roy – Das Ministerium des äußersten Glücks

„Romane sind Eintöpfe“, so betitelte die Süddeutsche Zeitung ein Interview mit Arundhati Roy vom Sommer dieses Jahres. Eine Aussage, der mancher Schriftstellerkollege und so mancher Kritiker und Leser sicher gerne vehement widersprechen möchte. Und so hat der lang erwartete Roman der Autorin, die 1997 mit ihrem Erstling „Der Gott der kleinen Dinge“ einen phänomenalen, weltweiten Erfolg hatte und den Booker Prize gewann, nicht nur positive Kritiken erhalten. „Gescheitert“, „ihrem Stoff nicht gewachsen“, am häufigsten „chaotisch“ waren einige der Urteile. Vielleicht keine Eintopfliebhaber, oder zumindest nicht in der Lage, die subtilen Geschmäcke der einzelnen Zutaten und ihren manchmal ungewohnten Zusammenklang zu genießen. Nicht nur in der Küche gibt es Freunde der Trennkost oder des Simple Food. Diese tun sich mit dem „Ministerium des äußersten Glücks“ wahrlich keinen Gefallen. Arundhati Roy packt allerhand Zutaten in ihren „Romaneintopf“ Das Ministerium des äußersten Glücks, würzt mit unzähligen Aromen und kreiert einen so poetischen wie politisch scharfen literarischen Hochgenuss. Weiterlesen „Arundhati Roy – Das Ministerium des äußersten Glücks“

Anna Kim – Fingerpflanzen

Es ist ein ganz eigenes Buch, das man mit dem neue Erzählungsband „Fingerpflanzen“ von Anna Kim in Händen hält. Zunächst fällt die besonders schöne Gestaltung auf. Englische Broschur mit einem sorgfältig, auch auf der Innenseite bedruckten Schutzumschlag. Farbiges, fein gemustertes Vorsatzpapier, hochwertiges Papier und eine durchgehende Bebilderung. Diese Bilder sind das nächste, das sofort ins Auge sticht. Sie stammen von dem norwegischen Künstler Kristian Evju, der in feinsten Graphitzeichnungen von fotographischer Präzision eine ganz eigene Stimmung zaubert. Die Illustrationen zeigen überwiegend Frauen bei ganz alltäglichen Verrichtungen und sind doch alles andere als realistisch. Durch kleine Beifügungen werden sie komplett verrückt, im wörtlichen Sinne. Durch eine leichte Verschiebung und/oder die Einarbeitung des stets gleichen grafischen Musters, rücken sie in eine höchst surreale, traumhafte Ebene. Weiterlesen „Anna Kim – Fingerpflanzen“