Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran

„Nachts ist es leise in Teheran“ von Shida Bazyar auf einem Buchblog zu bewerben, heißt natürlich, Eulen nach Athen tragen.

Das Buch wurde auf vielen Blogs sehr positiv aufgenommen, besprochen und vorgestellt und schließlich erhielt die junge, 1988 in Hermeskeil geborene Autorin mit iranischen Wurzeln den 2016 zum ersten Mal vergebenen Bloggerpreis „Das Debüt“. Aber auch in den Printmedien wurde der Roman sehr gut besprochen und erhielt einiges an Aufmerksamkeit, im November erhielt sie den Ulla-Hahn-Autorenpreis.

Um es kurz zu machen: Das Lob ist meiner Ansicht nach sehr begründet. Shida Bazyar legt ein Werk mit spannendem, aktuellem Thema, einer sehr gut konstruierten Geschichte und großem sprachlichen Können vor. Weiterlesen „Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran“

Mala Laaser – Karl und Manci

Mala Laaser – Karl und Manci

„…dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“

Heinrich Heine

Nach der großen Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 und der im Juni desselben Jahres erfolgten Gründung des „Reichsverbandes deutscher Schriftsteller“, spätestens aber nach der ersten Veröffentlichung der Liste 1 des schädlichen und unerwünschten Schrifttums im Jahr 1935 war für Schriftsteller und Journalisten, die aus rassischen oder politischen Gründen nicht in die nationalsozialistische Ideologie passten, eine Veröffentlichung ihrer Werke und damit auch ihr Lebensunterhalt im Deutschen Reich nahezu unmöglich gemacht worden.

Für die allermeisten blieb nur das Exil. Wenige, bei denen zumindest die rassischen Verfolgungsgründe fehlten, darunter Hans Fallada und Wolfgang Koeppen, zogen sich in ein „Inneres Exil“ zurück. Letzterer kehrte nach Jahren im Ausland 1938 nicht zuletzt deshalb nach Deutschland zurück, weil seine Existenzgrundlagen in den Niederlanden nicht gesichert waren. Weiterlesen „Mala Laaser – Karl und Manci“

Patrick McGinley – Bogmail

Sollte man tatsächlich, gerade angesichts des riesigen, kaum zu überschauenden Angebots an neu erscheinenden Kriminalromanen jeglicher Sparte und Qualität, einen fast vierzig Jahre alten „Roman mit Mörder“ lesen, in dem dieser, nämlich der Mörder, bereits auf der allerersten Seite offenbart wird? Zwar geht der erste Mordanschlag durch ein Omelette surprise, gewürzt mit Pilzen fragwürdiger Abstammung, schief, aber der nächste Versuch, ein gezielter Schlag auf den Kopf mit dem 25. Band der Encyclopedia Britannica (Ausgabe 1911!) gelingt. Sollte man tatsächlich wertvolle Lesezeit zusammen mit einer Ansammlung ziemlicher Loser (die aber natürlich ganz anders über sich denken, und denen ehrlich gesagt ein gewisser Charme nicht abzusprechen ist) in unterschiedlichen Stadien des Alkoholrauschs in einer tristen, heruntergekommenen Kneipe in einem tristen, heruntergekommenen Kaff irgendwo in Irlands Nordwesten verbringen? Seitenlang ihren Selbst- und Thekengesprächen folgen, die sich um so wichtige Fragen wie den Fischfang, die Unverständlichkeit von Frauen, Regenwürmer, Poesie, Glauben und moderne Kirchenarchitektur, kurz um Gott und die Welt drehen und oft ins Philosophieren abdriften? Die klare und deutliche Antwort darauf heißt natürlich: Ja, unbedingt, wenn es sich um Bogmail von Patrick McGinley handelt! Weiterlesen „Patrick McGinley – Bogmail“

Walt Whitman – Jack Engles Leben und Abenteuer

Solche Funde sind natürlich eine Sensation. 165 Jahre nach seiner Veröffentlichung als Fortsetzungsgeschichte in einer kurzlebigen Wochenzeitung, dem Sunday Dispatch, entdeckt ein Doktorand der Houston University, der Walt Whitman Experte Zachary Turpin, einen bisher unentdeckten Roman des großen amerikanischen Lyrikers. Mithilfe von digitalen Suchmethoden gelingt es ihm zuerst einen von Walt Whitman veröffentlichten Fitnessratgeber, „Manly health and training“, in den Weiten der journalistischen Veröffentlichungen zu entdecken – ein eher bizarrer Fund -, darauf förderte er auf recht abenteuerliche Weise den kleinen Roman „Jack Engles Leben und Abenteuer“ zutage. Weiterlesen „Walt Whitman – Jack Engles Leben und Abenteuer“

Britta Bolt – Der Tote im fremden Mantel

PP, Pieter Posthumus ermittelt wieder! In Britta Bolt – Der Tote im fremden Mantel.

Welch freudige Neuigkeit für alle Freunde des sympathischen Holländers, der im Auftrag der Stadt Amsterdam in einer Art Behörde Herkunft und Angehörige von verstorbenen Unbekannten ermitteln und möglichst auch die Bestattungskosten auftreiben soll, bevor er diesen eine würdevolle Beerdigung organisiert. Eine Tätigkeit, die ihn schon in den ersten beiden Büchern in Kriminalfälle verstrickt hat. Weiterlesen „Britta Bolt – Der Tote im fremden Mantel“

Dominique Manotti – Abpfiff

Dominique Manotti – Abpfiff – im Zentrum der Fußball

Hin und wieder kommt bei mir schon leises Erstaunen auf, mit welch stoischer Haltung Skandale in allen Bereichen der Fußballwelt hingenommen werden. Ob es sich um Korruptionsverdacht, gerne zu „Einflussnahme“ bagatellisiert, oder Geldwäschegerüchte handelt, ob Weltmeisterschaften an fragwürdige Orte vergeben werden oder Funktionäre Geldgeschäfte tätigen, für die Manager oder Banker schon längst von der Gesellschaft zumindest moralisch geächet werden, mehr als ein kurzes aufgeregtes Geraschel, gefolgt von meist lässigem bis resigniertem Schulterzucken ist da in der Regel nicht zu vernehmen. Milliardengeschäfte, Geschacher um Übertragungsrechte, Vermarktungszirkus, modernes Legionärstum, unangemessenes bis kriminelles Verhalten sowohl von den Sportlern als auch von Fans – handelt es sich um Fußball ist das Urteil darüber meist vergleichsweise milde. Nun, Liebe und Leidenschaft tragen nun mal nie zu einem klaren Urteil bei. Und Fußball ist tatsächlich in der Lage beides breitflächig zu entfachen.

„Und weil das so ist, kann vielleicht nur eine Frau auf die komplett idiotische Idee kommen, einen Krimi zu schreiben, in dessen Zentrum ein Fußballklub steht.“ Weiterlesen „Dominique Manotti – Abpfiff“

Colum McCann – Wie spät ist es jetzt dort, wo du bist?

Drei Erzählungen und eine Novelle des aus Irland stammenden, schon lange in New York lebenden Autors Colum McCann sind in dem nach einer der kürzeren Geschichten benannten Band „Wie spät ist es jetzt dort, wo du bist?“ veröffentlicht.

Bei einer solchen Sammlung kann es sich immer entweder um eine recht beliebige Zusammenstellung von Texten handeln, die in einer bestimmten  Zeitspanne entstanden sind, oder aber auch um inhaltlich auf die eine oder andere Weise miteinander verknüpfte Stories. Diese Verflechtung kann so weit reichen, dass eine Art Roman daraus entsteht. Das ist bei den Geschichten in diesem Band nicht der Fall, sie stehen inhaltlich für sich selbst. Und doch ergeben sie, ähnlich wie bei Konzeptalben in der Musik, eine Art Einheit. Auch wenn die Erzählungen sich in ihrer Länge, in Inhalt und Erzählperspektive kaum gleichen, sie weder Personen noch Ort oder Zeit gemeinsam haben, so ist es doch eine Unterströmung, eine Stimmung, ein Gefühl, das sie alle verbindet. Weiterlesen „Colum McCann – Wie spät ist es jetzt dort, wo du bist?“

Backlist: David Grossman – Kommt ein Pferd in die Bar

 

David Grossman auf dem Blauen Sofa by Blaues Sofa (CC BY 2.0)

Für seinen Roman Kommt ein Pferd in die Bar wurde David Grossman am Mittwoch in London  mit dem Man Booker International Prize ausgezeichnet. Das Preisgeld in Höhe von 50.000 Pfund gehen je zur Hälfte an Grossman und seine Übersetzerin Jessica Cohen.

„David Grossman hat sich an einem ambitionierten Drahtseilakt von einem Roman versucht – und er hat ihn spektakulär gemeistert. Jeder Satz zählt, jedes Wort ist wichtig in diesem herausragenden Beispiel der Fertigkeiten des Autors.“ so die Begründung der Jury.

Ich kann dem nur voll zustimmen und war auch sehr angetan von diesem Roman. Hier meine Rezension aus dem letzten Jahr. Weiterlesen „Backlist: David Grossman – Kommt ein Pferd in die Bar“

Alice Adams – Als wir unbesiegbar waren

Vier junge Menschen am Ende ihrer Schulzeit in Bristol, zwei Männer, zwei Frauen, deren Lebenswege sich fortan trennen werden, nachdem sie einen Großteil ihrer Jugendzeit eine unzertrennliche Clique bildeten. Bruder und Schwester sind vertreten, unterschiedliche Gesellschaftsklassen und Vermögensverhältnisse, romantische Unterströmungen sind spürbar. Das klingt vertraut, das hat man gefühlt schon hundertmal gelesen. Auch Alice Adams vermag da in Als wir unbesiegbar waren leider nicht zu überraschen. Sie wagt zu wenig, bleibt zu sehr in vorhersehbaren Bahnen, tappt immer wieder in die Klischeefalle. Ihre Geschichte ist zwar durchaus gut erzählt, auch sprachlich solide, bietet aber nichts Neues und zeigt auch in der Konstruktion einige Schwächen. Weiterlesen „Alice Adams – Als wir unbesiegbar waren“