Anne Tyler – Der Sinn des Ganzen

Anne Tyler – Der Sinn des Ganzen – Rezension

In mittlerweile 23 Romanen hat die 1941 geborene Anne Tyler immer wieder leise, heitere Kammerspiele des Alltäglichen geschaffen. Vielleicht ist ihr deshalb trotz zahlreicher Nominierungen für die ganz großen Buchpreise und dem Gewinn des Pulitzer für „Atemübungen“ der ganz große Ruhm, zumindest hier bei uns in Deutschland, versagt geblieben. Vielleicht liegt es auch daran, dass sich die Autorin recht konsequent dem literarischen Betrieb entzieht, kaum Interviews gibt, keine Lesereisen macht. Für ihren neu erschienenen Roman „Der Sinn des Ganzen“ wollte Anne Tyler eine Ausnahme machen und im März zur LitCologne nach Köln reisen, dann kam Corona. Weiterlesen “Anne Tyler – Der Sinn des Ganzen”

Liz Moore – Long Bright River

Ein spannender Krimi, der auch für Nicht-Krimileser einiges zu bieten hat: „Long Bright River“ von Liz Moore.

„Als ich meine Schwester das erste Mal tot auffand, war sie sechzehn“.

Und seitdem fürchtet Michaela Fitzpatrick, genannt Mickey, die als Polizistin in Philadelphia Streife fährt, bei jedem hereinkommenden weiblichen Leichenfund, dass es diesmal tatsächlich die jüngere Schwester Kacey getroffen haben könnte. Diese ist seit ihrer Jugend drogenabhängig und zuletzt als Straßenprostituierte in Mickeys Revier Kensington unterwegs gewesen. Seit einiger Zeit wurde sie aber nicht mehr gesehen, weshalb sich Mickey nun große Sorgen macht, als sie an einen Tatort gerufen wird: weibliche Leiche an den Bahngleisen, vermutlich Überdosis. Weiterlesen “Liz Moore – Long Bright River”

James Baldwin – Giovannis Zimmer

Zum ersten Mal begegnete ich James Baldwin im Radio. Auf SWR2 lief ein Feature über einen afro-amerikanischen Schriftsteller, der Anfang der 1950er Jahre in einem kleinen Dorf im Schweizer Kanton Wallis auftauchte und die dort lebenden Menschen in einiges Staunen versetzte. “Wie ein Schaf in der Wüste: Als Baldwin die Schweiz besuchte” nannten die Autoren Rolf Hermann und Michael Stauffer ihren Beitrag von 2011. Damals begann die Wiederentdeckung eines der wichtigsten US-amerikanischen Autoren, der in seinem Heimatland zwar ein Klassiker, aber doch ein wenig vergessen war. Nicht zuletzt die Wahl von Barack Obama, der James Baldwin als eine seiner Leitfiguren nannte, aber auch das Wiedererstarken der Bürgerrechtsbewegung in Zuge von „Black lives matter“ verschaffte seinem Werk erneut Aufmerksamkeit. Auch in Deutschland war die auf dem unvollendeten Manuskript „Remember This House“ beruhende filmische Collage von Raoul Peck (2017), in der er dem weißen Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft nachspürt, ein großer Erfolg. „I´m not your negro wurde vielfach ausgezeichnet und Oscar nominiert. Seit 2018 erscheinen bei DTV hervorragende Neuübersetzungen der Werke von James Baldwin, zuletzt „Giovannis Zimmer“. Weiterlesen “James Baldwin – Giovannis Zimmer”

James Wood – Upstate

Amerikanische Autoren sind Meister im Genre des Familienromans. In immer wieder neuen Ausprägungen wird die kleinste gesellschaftliche Institution beleuchtet, analysiert und beschrieben. Mehr oder (meistens) weniger glücklich, als klassische Vater-Mutter-Kinder-Konstellationen, generationenübergreifend oder mittlerweile auch zunehmend als Patchwork oder queere Familien, aus allen sozialen und gesellschaftlichen Schichten, mit oder ohne biografischen Hintergrund begegnen der Leser*in unzählige Familiengeschichten von US-amerikanischen Schriftstellern. Der bekannte Literaturkritiker James Wood hat diesen mit „Upstate“ eine weitere hinzugefügt. Weiterlesen “James Wood – Upstate”

Stewart O’Nan – Henry persönlich

Die Familie Maxwell, eine ziemlich typische Mittelstandsfamilie. Sie stand bereits zweimal im Mittelpunkt von großartigen Romanen: 2002 erschien „Abschied von Chautauqua“, 2011 folgte „Emily allein“. Warf ersterer multiperspektivisch einen Blick auf alle Familienangehörigen, die sich anlässlich von Verkauf und Ausräumung des Ferienhauses am Lake Chautauqua/New York noch einmal dort versammelt hatten, konzentrierte sich „Emily allein“ eben auf jene, die im ersten Teil gerade ihren Ehemann Henry verloren hatte und jetzt, zehn Jahre später, als nunmehr 80jährige ihren Alltag bestritt. Im nun dritten Teil der Familiengeschichte geht Stewart O’Nan noch einmal in der Zeit zurück und lässt in „Henry persönlich“ den Verstorbenen wieder lebendig werden. Weiterlesen “Stewart O’Nan – Henry persönlich”

Tom Rachman – Die Gesichter

Pinch, der eigentlich so liebevoll klingende Kosename, den Bear Bavinsky seinem kleinen Sohn Charles verleiht, liegt auf diesem wie eine Last. Pinch, nach den leckeren kleinen Häppchen, Pinxtos, die der berühmte, genialische Maler-Vater einst im Baskenland so gern genascht hat. Ein Kosename, der unweigerlich verniedlicht, verkleinert, ein Gefühl, dem Charles so gerne entwachsen würde, und das er doch zumindest zu Lebzeiten des Vaters, nie los wird. Tom Rachman zeichnet in Die Gesichter die schwierige Vater-Sohn-Beziehung zwischen Pinch und Bear Bavinsky nach. Weiterlesen “Tom Rachman – Die Gesichter”

Kamila Shamsie – Hausbrand

Kamila Shamsie – Hausbrand:

 

„Die wir lieben…sind Feinde des Staates.“

    Sophokles – Antigone

 

Schon im Motto ihres Romans „Hausbrand“ erzählt die britisch-pakistanische Autorin Kamila Shamsie eigentlich die ganze Geschichte.

„Homefire“ im Original trifft es, wie so oft genauer, denn es ist nicht das Haus, das hier brennt, sondern das Heim, die Familie, die Heimat, der Westen, Großbritannien. Und die große, klassische Geschichte, die hier neu gefasst wird, ist die der Antigone. Weiterlesen “Kamila Shamsie – Hausbrand”

Jennifer Egan – Manhattan Beach

Kaum eine Besprechung von Jennifer Egan lang ersehnten, neuen Roman „Manhattan Beach“ kommt ohne den Vergleich mit ihrem 2011 mit dem Pulitzer Prize ausgezeichneten „Der größere Teil der Welt“ aus. Dieser hatte eine tolle Geschichte, war formal sehr experimentell gestaltet und dennoch ungemein lesbar und unterhaltend – ein Geniestreich, der sogleich zu einem der bedeutendsten Romane des beginnenden 21. Jahrhunderts ernannt wurde.

Nachfolgende Werke werden wohl immer an diesem Buch gemessen werden. Dennoch gelang es Jennifer Egan 2013 mit „Black Box“ erneut zu überraschen und auch zu überzeugen. Dies war ein „Twitter-Roman“, bestehend aus Abschnitten mit maximal 140 Zeichen, der einen spannenden Thriller-Plot lieferte. Innovativ und trotzdem gut konsumierbar. Weiterlesen “Jennifer Egan – Manhattan Beach”

Mark Thompson – El Greco und ich

Mark Thompson – El Greco und ich

„Wenn man sich eines im Leben klar machen muss, dann wohl die Tatsache, dass wir alle auf die Probe gestellt werden. Irgendwann. Vielleicht früher oder vielleicht später. Oder vielleicht dazwischen. Wer weiß schon, wann oder wo?“

JJ, der Ich-Erzähler und sein bester Freund Toni Papadakis sind zehn, als sie aus Unachtsamkeit mit ihren heimlich gerauchten Zigaretten ein ganzes Sportfeld in Brand setzen. Aber der sehr kluge Toni, El Greco genannt, weiß, dass das noch nicht die Probe sein kann. Das da noch härteres im Leben folgen wird. Weiterlesen “Mark Thompson – El Greco und ich”