Jessie Greengrass – Was wir voneinander wissen

Eine junge Frau ist zum zweiten Mal schwanger. Und während sie die zunehmende Entfernung von ihrer kleinen Erstgeborenen durch deren Größerwerden zugleich bestaunt und betrauert, erinnert sie sich an Zeiten der Erschütterung. Damals, als sie sich die Frage stellen musste: Will ich überhaupt ein Kind? Kann ich die Verantwortung für es übernehmen, kann ich es so lieben, wie eine Mutter ihr Kind lieben muss? Oder damals, als ihre Mutter starb, sie gerade mal Anfang Zwanzig war. Zeiten, in denen die Ich-Erzählerin in Was wir voneinander wissen von Jessie Greengrass nach Antworten suchte, nach Erkenntnis, nach Zusammenhängen. Weiterlesen “Jessie Greengrass – Was wir voneinander wissen”

Ali Smith – Herbst

Überall wird der gerade auf Deutsch erschienene Roman „Herbst“ von Ali Smith als der „erste Brexit-Roman“ gefeiert. Und tatsächlich begann die schottische Autorin 2016 kurz vor dem Referendum mit der Niederschrift und in der Absicht, einen ganz zeitnahen Text zu verfassen. „Autumn“ erschien dann auch bereits im selben Jahr und platzierte sich 2017 auf der Shortlist zum Man Booker Prize. Weiterlesen “Ali Smith – Herbst”

Ford Maddox Ford – Die allertraurigste Geschichte

Es ist eine in vieler Hinsicht merkwürdige Geschichte, die da erzählt wird. Ob sie auch die „allertraurigste“ ist, wie der Titel ankündigt und der Erzähler beteuert, muss am Ende der Leser entscheiden. Ein zu Unrecht ein wenig vergessener moderner Klassiker ist Die allertraurigste Geschichte von Ford Maddox Ford auf jeden Fall.

„Dies ist die traurigste Geschichte, die ich je gehört habe. Neun Jahre hindurch hatten wir während der Kursaison in Bad Nauheim mit den Ashburnhams in der größten Vertrautheit verkehrt – oder vielmehr in einem Verhältnis zu ihnen gestanden, das so lose und unbeschwert und doch so eng war wie das eines guten Handschuhs mit Ihrer Hand. Meine Frau und ich kannten Hauptmann und Mrs. Ashburnham so gut, wie man jemanden nur kennen kann, und doch wussten wir auch wieder gar nichts von ihnen.“

Viele namhafte Schriftsteller, wie Graham Greene, William Carlos Williams, Ian McEwan und Julian Barnes, von dem ein kurzer Essay der vorliegenden Ausgabe als Nachwort beigefügt wurde, nennen den 1915 veröffentlichten Roman „Die allertraurigste Geschichte“ (Original „The Good Soldier“) einen der bedeutendsten und gleichzeitig fast vergessenen, zumindest zu gering geachteten englischen Romane des 20. Jahrhunderts. Genauso wie seinen Autoren Ford Maddox Ford (1873-1939). Weiterlesen “Ford Maddox Ford – Die allertraurigste Geschichte”

Bernard MacLaverty – Schnee in Amsterdam

Bernard MacLaverty, geboren 1942 in Belfast, seit langem in Schottland lebend, mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Irish Book Award für den vorliegenden Roman, „Midwinter Break“ (Schnee in Amsterdam) – ich muss zugeben – war mir völlig unbekannt. Ein bisschen googeln ergab, dass er Vorlage und Drehbuch für „Cal“ geschrieben hat, einen Film aus den 80er Jahren über den Nordirland-Konflikt, den zumindest kannte ich.

Und nun liegt „Schnee in Amsterdam“ vor, wiederum laut Google der erste Roman des Autors seit sechzehn Jahren. Was mich zu diesem Roman hinzog, war weder der Klappentext, noch das Buchcover, sondern etwas, worauf ich ansonsten gar nicht achte: eine Lobhudelei auf der Buchrückseite. Diese hier stammt von Richard Ford, und der ist einer meiner Säulenheiligen der Literatur.

Wie gut, dass ich ihm auch hier vertraut habe, denn „Schnee in Amsterdam“ ist ein ganz wunderbares Buch, dem noch viel mehr Aufmerksamkeit gebührt. Weiterlesen “Bernard MacLaverty – Schnee in Amsterdam”

Rachel Cusk – Kudos

Mit „Kudos“ wählt Rachel Cusk einen im englischsprachigen Raum und wohl auch im Internet durchaus gebräuchlichen, aus dem Griechischen stammenden Begriff für Anerkennung,  vergleichbar dem deutschen (ungleich bräsigerem) „Hut ab!“, zum Titel. Kudos ist der dritte Teil der von der Autorin so genannten „weiblichen Odyssee des 21. Jahrhunderts“ von Rachel Cusk betitelt.

„Outline“ und „Transit“ gehen ihm voraus. Und wieder haben wir es mit Faye zu tun, jener Schriftstellerin im mittleren Alter, geschieden, zwei Teenagersöhne, wiederverheiratet, die wir als schweigende, fast unsichtbare Erzählerin kennenlernten. Auch hier wird sie vor allem zur Zuhörerin, die bei den unterschiedlichsten Begegnungen bei ihrem Gegenüber eine verwunderliche Offenheit und Redeflut auslöst, vielleicht gerade durch ihre zurückgenommene, fast passive Rolle. Oft wird geschrieben, dass Cusks Romane keinerlei Plot besitzen. Aber alle diese Gespräche enthalten eine komprimierte Geschichte, manchmal tragisch, manchmal lächerlich, manchmal alltäglich. Weiterlesen “Rachel Cusk – Kudos”

Andrew O´Hagan – Leuchten über Blackpool

Der nordwestlich von Manchester gelegene Küstenort Blackpool gilt in England als eine Geburtsstätte des Massentourismus und zeigt zugleich dessen Risiken. Schon im 18. Jahrhundert ein Seebad für die nordenglische Bevölkerung, erlebte es im Zeitalter der Industrialisierung einen enormen Aufschwung durch die Arbeiterklasse, die Blackpool zu ihrem bevorzugten Urlaubs- und Ausflugsort machte. Wer schon einmal durch englische Badeorte geschlendert ist, weiß um die Tristesse, die viele von ihnen ergriffen hat, nachdem die Urlaubsziele rund ums Mittelmeer immer billiger zu erreichen sind. Auch Blackpool ist dem Niedergang nicht entkommen. Einmal im Jahr allerdings, wenn der Sommer endet und bevor der Winter die britischen Inseln im Griff hat, erlebt die Stadt ihre berühmten „Illuminations“. Die Stadt, ihre Häuser, der Blackpool Tower und vor allem ihre Promenaden und Piers erstrahlen in einem farbigen (ungeheuer kitschigen) Glanz, der durch sein Leuchten die Trostlosigkeit überdecken und an vergangene Tage als großes Seebad erinnern soll. In seinem bezaubernden Roman “Das Leuchten über Blackpool”erzählt Andrew O´Hagan davon.

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Tracy Chevalier – Der Neue

Sechs Titel sind mittlerweile im Rahmen des Hogarth Shakespeare Projekts auf Deutsch erschienen. Lediglich Jo Nesbøs Fassung des Macbeth und Gillian Flynns Hamlet stehen noch aus, auf letzteres müssen wir wohl auch noch bis 2021 warten. Zeit, um mit der Fassung des „Othello“ von Tracy Chevalier, „Der Neue“, schon einmal ein kurzes, ganz subjektives Resümee zu schreiben. Weiterlesen “Tracy Chevalier – Der Neue”

Deborah Levy – Heiße Milch

Deborah Levy schafft von Beginn an eine sehr eindrückliche, sehr sinnliche Atmosphäre für ihren neuen Roman „Heiße Milch“, der 2016 auf der Shortlist des Man Booker Prize stand.„2015. Almería. Südspanien. August.“Sogleich entstehen Kinobilder im Kopf des Lesers, die man sich sehr gut auf großer Leinwand vorstellen kann: die flirrende Hitze, die ausgedörrte Landschaft am Fuße der Sierra Nevada, die sich kilometerlang hinziehenden Gewächshausfolien, unter denen Tomaten und anderes Gemüse heranreifen.

In diese Landschaft stellt die Autorin ein kleines Ferienhaus, in dem zwei Britinnen untergebracht sind, Mutter und erwachsene Tochter. Die Atmosphäre ist aufgeladen und ein wenig surreal. Nebenan ist eine Tauchschule, an der jeden Morgen zwei Mexikaner herumweißeln, während der cholerische Inhaber am Computer spielt und sein auf dem Dach angeketteter Hund sich die Seele aus dem Leib bellt. Weiterlesen “Deborah Levy – Heiße Milch”

Edward St. Aubyn – Dunbar und seine Töchter

Das Hogarth Shakespeare Projekt, jener Versuch, die Stücke des berühmten William Shakespeare durch renommierte zeitgenössische Autoren in die Gegenwart zu versetzen und damit ihre Zeitlosigkeit zu demonstrieren und gleichzeitig eine Würdigung dessen Werkes darzustellen, geht in Deutschland in eine neue Runde. Nach Jeannette Wintersons, Howard Jacobsons, Ann Tylers und Margaret Atwoods Beiträgen erscheint die Version von „King Lear“: Edward St Aubyn – „Dunbar und seine Töchter“. Weiterlesen “Edward St. Aubyn – Dunbar und seine Töchter”

David Constantine – Wie es ist und war

David Constantine ist ein britischer Autor Jahrgang 1944, der dreißig Jahre in Oxford und Durham gelehrt, deutsche Klassiker ins Englische übersetzt und anschließend fast zehn Jahre eine Literaturzeitschrift herausgegeben hat. Daneben entstanden ein Roman und zahlreiche Gedichte und Kurzgeschichten, von denen eine sogar recht prominent mit Tom Courtenay and Charlotte Rampling verfilmt wurde („45 years“) Weiterlesen “David Constantine – Wie es ist und war”