Christoph Peters – Dorfroman

Dorfroman – im neuen Buch von Christoph Peters ist drin, was draufsteht. Und noch so viel mehr. Es ist nicht nur die hinreißende Geschichte einer Kindheit auf dem Land in den Siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, sondern auch eine melancholische Liebesgeschichte im Schatten der Anti-AKW-Bewegung der Achtziger und ein nachdenklicher Versuch über das Vergehen der Zeit, die Veränderung der Welt und über Verantwortung.

„Roman“ ist das Buch überschrieben, und tatsächlich gibt es leichte Verfremdungseffekte, so etwa bei den Ortsnamen, wo etwa das niederrheinische Kalkar mit altertümlichem C geschrieben wird. Auch den Heimatort des Protagonisten, Hülkendonck, findet man auf keiner Karte. Und doch ist es sehr einfach ihn als den Heimatort des Autors, Hönnepel, zu identifizieren. Die Kirche im Roman nennt sich Verafredis, in Hönnepel heißt sie Regenfledis. Es ist also ganz eindeutig, dass Christoph Peters im Dorfroman seine eigene Kindheit und Jugend erzählt, sich dabei aber erzählerische Freiheiten erlaubt. Weiterlesen „Christoph Peters – Dorfroman“

Stephan Lohse – Johanns Bruder

Johanns Bruder ist der zweite Roman des Autors und Schauspielers Stephan Lohse. Gemeinhin gilt der zweite Roman immer als der schwierigste, besonders wenn das Debüt so viel Aufmerksamkeit erhielt und so gelungen war wie Ein fauler Gott von 2017. Stephan Lohse stellt sich der Herausforderung und wagt einiges. Zwar ist auch Johanns Bruder – der Name verrät es – eine Brüdergeschichte, diesmal packt der Autor aber noch eine schwere zeitgeschichtliche Last in seinen Text. Weiterlesen „Stephan Lohse – Johanns Bruder“

„Das Debüt“ – Bloggerpreis für Literatur 2020 – Meine Entscheidung

2020Bereits zum vierten Mal war ich dieses Jahr Mitglied der Bloggerjury für „Das Debüt“ – Bloggerpreis für Literatur 2020, der, der Name verrät es, ein besonders gelungenes Debütwerk deutscher Sprache auszeichnen möchte.

Ich sage bewusst „ein besonders gelungenes“ Debüt, weil es meiner Meinung nach weder den besten Debütroman noch den besten Roman welcher Kategorie auch immer geben kann. Die Leseerwartungen und -vorlieben sind doch bei allen Leser*innen sehr unterschiedlich und selbst die herangezogenen „objektiven“ Kriterien unterscheiden sich stark. Selbst der Zeitpunkt und die Umstände des Lesens haben meist einen Einfluss darauf, wie sehr uns der eine oder andere Titel anspricht. Weiterlesen „„Das Debüt“ – Bloggerpreis für Literatur 2020 – Meine Entscheidung“

Cihan Acar – Hawaii

Hawaii – das klingt nach Südseeparadies, nach Blumenketten, nach gutem Leben. (Wenn auch nur in der Fantasie). Das Hawaii, in das der Protagonist und Ich-Erzähler im Debütroman von Cihan Acar zurückkehrt, hat von dieser Fantasie so gar nichts. Hier, im einstigen Problemviertel Heilbronns, wohnen die sozial schwächsten Einwohner der schwäbischen Stadt. Und auch wenn die Zeiten, als Hawaii angesichts der dort herrschenden Drogenproblematik und der Kriminalität gerne „die Bronx“ von Heilbronn genannt wurde, vorbei zu sein scheint, gilt das Viertel immer noch als unterprivilegiert. Weiterlesen „Cihan Acar – Hawaii“

Deniz Ohde – Streulicht

Streulicht entsteht, wenn das Licht an sehr kleinen, in der Luft schwebenden Teilchen, fest oder flüssig, gebrochen wird, diffus wird. Die Luft nahe des Industrieparks, wo die Ich-Erzählerin von Deniz Ohde in ihrem Debütroman Streulicht zuhause ist, ist oft voll mit diesen kleinen Partikeln, Rauch, angereichert mit Säure. Bei Kälte sinkt der ausgestoßene Wasserdampf als Industrieschnee zu Boden. Im Arbeitervorort, der zwar nie direkt benannt wird, leicht aber als Sindlingen bei Frankfurt am Main identifiziert werden kann, wird aber nicht nur das Licht gebrochen. Auch so manche Kindheit und Bildungsgeschichte kommt hier nicht ohne Brüche aus. Weiterlesen „Deniz Ohde – Streulicht“

Justin Steinfeld – Ein Mann liest Zeitung

Immer wieder einmal erscheinen Romane und andere Schriften in Neuauflage, die Zeugnis ablegen über die dunkelste Zeit der deutschen und europäischen Geschichte. Bücher, die kaum jemand kennt, die, wenn überhaupt, vor vielen Jahren in Deutschland erschienen sind und denen wenig Beachtung geschenkt wurde. Bücher, deren Autoren schon längst verstorben sind. Und bei denen man sich verblüfft fragt: Warum erst jetzt? Wie konnte dieser Text in Vergessenheit geraten? Oder gar nicht erst Beachtung finden? Um solch ein Buch handelt es sich bei „Ein Mann liest Zeitung“ von Justin Steinfeld. Weiterlesen „Justin Steinfeld – Ein Mann liest Zeitung“

Daniel Mellem – Die Erfindung des Countdown

Wer kennt Hermann Oberth? Ich muss zugeben, dass mir der 1894 in Hermannstadt/Siebenbürgen geborene und 1989 in Nürnberg gestorbene Physiker und „Raketenpionier“ bislang völlig unbekannt war. Daniel Mellem, seines Zeichens ebenfalls promovierter Physiker und Absolvent des Leipziger Literaturinstituts, widmet ihm seinen Debüt-Roman Die Erfindung des Countdown. Weiterlesen „Daniel Mellem – Die Erfindung des Countdown“

Joachim Meyerhoff – Hamster im hinteren Stromgebiet

Joachim Meyerhoff ist ein Superstar. Sowohl auf der Bühne, als auch auf dem Buchmarkt. Selbst Talkshows im Fernsehen reißen sich um den Ausnahmekünstler, der stets ein wenig (bis ziemlich stark) unter Strom zu stehen scheint. Wer ihn einmal mit einem seiner Bücher auf der Bühne erleben durfte – bei mir war es der ausverkaufte Musical Dome in Köln mit knapp 1800 Sitzplätzen –, kann sich sehr gut vorstellen, wie aus einem kleinen Bühnenprogramm, bei dem der Schauspieler aus seinem Leben erzählte, eine extrem erfolgreiche Buchreihe werden konnte. Derart lebendig, spontan und pointenreich präsentiert er seine Vita, beginnend mit dem Austauschjahr in Amerika, über seine Kindheit und Jugend in der psychiatrischen Klinik in Schleswig – der Vater war dort Direktor, man wohnte auf dem Gelände – in Wann wird es wieder so, wie es nie war zum absoluten Höhepunkt, den Jahren bei seinen Großeltern in München, wo er die Schauspielschule besuchte. Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke – eines der Bücher, die man für sein Leben ins Herz schließt. Nach den Zeiten als Liebhaber mehrerer Frauen in Die Zweisamkeit der Einzelgänger, erzählt Joachim Meyerhoff im mittlerweile fünften Band Hamster im hinteren Stromgebiet von einem kürzlich erlittenen Schlaganfall. Weiterlesen „Joachim Meyerhoff – Hamster im hinteren Stromgebiet“

Joachim B. Schmidt – Kalmann

Raufarhöfn ganz im Nordosten von Island, 17 km bis zum Polarkreis, Durchschnittstemperatur im Juli knapp 11° C bei rund 4 Sonnenstunden, 173 Einwohner, seit den 1960er Jahren im Niedergang begriffen, als der Hering, die Haupteinnahmequelle, ausblieb und strikte Fangquoten der Überfischung Herr werden sollten. Dieses Raufarhöfn gibt es tatsächlich. Eine Einöde. Inwieweit sich die Bewohner mit den Menschen im dort spielenden Roman Kalmann von Joachim B Schmidt identifizieren können, wäre interessant zu wissen. Irgendwie sympathisch, aber auch sehr eigen und teilweise extrem schrullig werden sie beschrieben. Weiterlesen „Joachim B. Schmidt – Kalmann“

Hilmar Klute – Oberkampf

Auch wenn sich die westliche Welt seit den verheerenden Anschlägen des 11. September in den USA der allgegenwärtigen Gefahr von Terrorattacken bewusst geworden ist, gibt es doch bestimmte Ereignisse, Daten, Orte, die diese Fragilität der Gesellschaft noch einmal mit besonderer Wucht ins Gedächtnis holen, die die Menschen auf ganz besondere Weise erschüttern und sich deshalb ins kollektive Gedächtnis hineinbohren. Dazu zählen sicher die Zuganschläge von Madrid 2004, die Selbstmordanschläge im öffentlichen Nahverkehr von London 2005 und der LKW-Anschlag in Nizza 2016. Für Deutschland kommt noch der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz 2016 hinzu. Orte des öffentlichen Lebens, in dem man sich doch gemeinhin recht sicher wähnte. 2015 erschütterten die Anschläge in Paris – im Januar auf die Redaktion des Satire-Magazins Charlie Hebdo, im November auf die Konzerthalle Bataclan und umliegende Restaurants – die Welt. Waren dies doch Anschläge, die gegen die gesamte westliche Lebensauffassung, ihre Ideen von Meinungsfreiheit und persönlicher Freiheit gerichtet waren. Hilmar Klute siedelt in ihrem Umfeld seinen Roman Oberkampf an. Weiterlesen „Hilmar Klute – Oberkampf“