Es ist wirklich erstaunlich, welche Meisterwerke der Exilliteratur heute, achtzig Jahre später, noch neu entdeckt werden, bei denen man sich fragt, wie sie vergessen oder sogar ganz übergangen werden konnten. So wie Planet ohne Visum von Jean Malaquais, das nun, 75 Jahre nach seinem Erscheinen, endlich auf Deutsch veröffentlicht wird. Der Edition Nautilus und vor allem seiner Übersetzerin Nadine Püschel sei Dank! Weiterlesen „Jean Malaquais – Planet ohne Visum“
Kategorie: Rezensionen
Kenneth Fearing – Die große Uhr
Kenneth Fearing. Nie gehört? Selbst eingefleischte Krimileser:innen wissen zu dem 1902 in Illinois geborenen und 1961 mit nur 59 Jahren verstorbenen Autor hierzulande wenig oder nichts zu sagen. Denn obwohl er in den USA und in anderen europäischen Ländern mit seiner Lyrik, seinen sieben Romanen und – was nicht unbeträchtlich zu seinem Lebensunterhalt beigetragen hat – seinen Geschichten für Pulp-Magazine durchaus erfolgreich war, wurde keiner seiner Texte bisher auf Deutsch veröffentlicht. Dabei ist zumindest sein vierter Thriller, Die große Uhr, ein Noir-Klassiker, taucht in vielen Bestenlisten auf, wurde zweimal verfilmt und brachte Kenneth Fearing sogar die Bewunderung von Raymond Chandler ein, der ansonsten mit Lob eher geizte. Im Elsinor Verlag ist nun endlich eine deutsche Ausgabe in der Übersetzung von Jakob Vendenberg, herausgegeben von Martin Compart, der auch ein informatives Nachwort beisteuerte, erschienen. Weiterlesen „Kenneth Fearing – Die große Uhr“
Aroa Moreno Durán – Die Tochter des Kommunisten
Die junge spanische Autorin Aroa Moreno Durán, Jahrgang 1981, greift mit ihrem schmalen Debütroman Die Tochter des Kommunisten ein eher ungewöhnliches Thema auf und – das will ich gleich verraten – hat mich damit vollkommen überzeugt. Dabei schreibt sie nicht, wie viele Debütant:innen eine autobiografisch gefärbte Erzählung, sondern nimmt sich ein weniger bekanntes Kapitel der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts vor. 2017 gewann sie damit den Premio Ojo Critico. Weiterlesen „Aroa Moreno Durán – Die Tochter des Kommunisten“
Helene Bukowski – Die Kriegerin
Lisbeth leidet seit ihrer Kindheit an einer schweren Neurodermitis. Zu dünnhäutig, zu durchlässig für innere und äußere Einflüsse scheint sie zu sein. Als Mädchen hat sie sich bereits abgesondert, niemanden wirklich nah an sich herangelassen, die Verheerungen auf ihrer Haut, die sie sich durch Kratzen zum Teil selbst zufügt, sorgsam verbergend. Nun ist ihr alles zu viel, die Ehe mit Malik, die Ansprüche ihres kleinen Sohns, der Job als Floristin, das eigentlich schöne Zuhause – zu eng. Helene Bukowski hat über Lisbeth einen erstaunlichen Roman geschrieben – Die Kriegerin. Weiterlesen „Helene Bukowski – Die Kriegerin“
Mohamed Mbougar Sarr – Die geheimste Erinnerung der Menschen
Diese Besprechung von Die geheimste Erinnerung der Menschen von Mohamed Mbougar Sarr ist vielleicht die subjektivste Rezension, die ich je geschrieben habe. Ich meide sonst zu viele „für mich“, „ich finde/denke“, „meiner Meinung nach“. Aber was schreiben über einen von seinen Leser:innen fast durchweg geliebten und bewunderten Roman, in dessen Besprechungen am häufigsten die Worte „groß“, „überwältigend“ und „funkelnd“ zu finden sind und der von Anlage und Themen (Kolonialismus, Migration, Literatur(betrieb), eine Kontinente umspannende Suche) her eigentlich genau passen müsste – und der mich dennoch als Ganzes kaum erreicht hat. Weiterlesen „Mohamed Mbougar Sarr – Die geheimste Erinnerung der Menschen“
Tara June Winch – Wie rote Erde
So fern sich die Länder und Kontinente auch sind, so erschreckend ähnlich waren doch die Mechanismen und Praktiken, mit denen die Weißen Kolonisatoren indigene Völker missachteten, diskriminierten, unterdrückten und teilweise vernichteten. Habe ich die entsetzlichen Vorgänge in den kanadischen Residential Schools zum überwiegenden Teil erst in den letzten beiden Jahren durch die Beschäftigung mit Literatur mit First Nations Autor:innen erfahren, hat mir nun die 1983 geborene und in Paris lebende Wiradjuri-Autorin Tara June Winch mit ihrem Roman Wie rote Erde gezeigt, dass mit den Aboriginal Australiens (auch das habe ich gelernt: „Aborigines“ gilt als eher abwertender Begriff) ähnlich, aber noch viel grausamer – falls man ein solches „Ranking“ aufmachen darf oder will – umgegangen wurde. Weiterlesen „Tara June Winch – Wie rote Erde“
Nathan Harris – Die Süße von Wasser
1865. Die Konföderierten Südstaaten sind den in der Union verbliebenen Nordstaaten von Amerika endgültig unterlegen. Die Sklaverei wird auch auf den großen Plantagen des Südens abgeschafft, Unionstruppen kontrollieren die Freilassung der Sklav:innen. Dass sich der große Konflikt, der 1861 zu einer Spaltung der Vereinigten Staaten geführt hat und die Bevölkerung ideologisch tief trennt, nach vier Jahren brutaler Kriegsführung mit geschätzt 600.000 Toten so einfach auflöst, ist unmöglich. Zu fest sind rassistische Ansichten und wirtschaftliche Abhängigkeiten von der Sklavenhaltung in der Südstaatenbevölkerung zementiert. Und was soll eigentlich mit den Millionen Freigelassenen passieren? Nathan Harris hat diesen speziellen historischen Moment für seinen 2021 auf der Longlist des Booker Prize platzierten Roman Die Süße von Wasser gewählt. Weiterlesen „Nathan Harris – Die Süße von Wasser“
Tillie Olsen – Ich steh hier und bügle
Seit einiger Zeit werden erfreulicherweise immer wieder Texte von Autorinnen veröffentlicht, die bereits vor Jahrzehnten geschrieben und meist im Original auch als Buch veröffentlicht wurden, es aber nicht zur Übersetzung ins Deutsche kam oder aber diese Übersetzung es im deutschen Buchmarkt nicht zu (bleibender) Aufmerksamkeit geschafft hat und deshalb seit langem vergriffen ist. Warum dieses Schicksal vor allem Texten aus weiblichen Händen beschieden ist, kann man nachlesen, nicht zuletzt in einem parallel zu Ich steh hier und bügle erschienenen Essayband von Tillie Olsen: Was fehlt. Unterdrückte Stimmen in der Literatur. Hier wird auch und vor allem auf das Fehlen wichtiger weiblicher Stimmen im Literaturkanon hingewiesen. Es vermag nicht zu verwundern, dass auch dieser Band erstmals nach seiner Veröffentlichung 1978 auf Deutsch erscheint. Weiterlesen „Tillie Olsen – Ich steh hier und bügle“
Lektüre Dezember 2022
Ein intensives Lesejahr 2022 endet mit einer schönen Lektüre im Dezember: Weiterlesen „Lektüre Dezember 2022“
Leïla Slimani – Schaut wie wir tanzen
Schaut wie wir tanzen ist der zweite Teil einer autobiografischen Trilogie, in der die französische Bestsellerautorin Leïla Slimani angelehnt an ihre eigene marokkanisch-französische Familie einen großen Bogen von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart schlägt. Anders als in ihren frühen, eher knappen, lakonischen Romanen, erzählt sie hier eher konventionell, auktorial und episch. Das ist aber auf seine Weise ebenso mitreißend und spannend. Weiterlesen „Leïla Slimani – Schaut wie wir tanzen“









