2019 erhielt die britische Autorin Bernardine Evaristo für ihren polyphonen, feministischen Roman „Girl, Woman, Other“ (dt. Mädchen, Frau etc.) den Booker Prize. Ausgezeichnet wurde sie, und das war etwas ganz besonderes, zusammen mit der großen kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood. Ein großartiges Duo, das auch ganz wunderbar zusammenpasste. 2022 folgte dann ihr Memoir Manifesto und nun erscheint ein etwas älterer Roman von Bernardine Evaristo, Mr. Loverman (2013). Weiterlesen „Bernardine Evaristo – Mr. Loverman“
Kategorie: Rezensionen
Victoria Belim – Rote Sirenen
In Folge des furchtbaren Angriffskriegs auf die Ukraine erscheinen im Moment erfreulicherweise zahlreiche Bücher über das Land und/oder von ukrainischen Autor:innen. Eines davon ist das Memoir der 1978 dort geborenen Victoria Belim. Aufgewachsen in der Gegend von Poltawa, ca. 140 km südöstlich von Charkiw, ging Belim in Kiew zur Schule, besuchte ein Internat auf der Krim und verließ mit 14 Jahren zusammen mit ihrer Mutter die Ukraine Richtung USA. Bereits sechs Jahre zuvor hatten sich die Eltern getrennt, der Vater lebte auch in Amerika. Belim spricht 18 Sprachen und hat in Yale Politikwissenschaften studiert. Heute lebt sie in Belgien. Nachdem sie lange Zeit eher lose Bindungen zu ihrem Heimatland verspürt hat, waren die Ereignisse 2014 für sie der Impuls, sich wieder intensiver mit ihm auseinanderzusetzen. Wie sehr sich das Verhältnis von Victoria Belim zur Ukraine und zu ihrer dort lebenden Großmutter Valentina verändert hat, erzählt sie in Rote Sirenen. Weiterlesen „Victoria Belim – Rote Sirenen“
Marc Sinan – Gleißendes Licht
Marc Sinan – Gleißendes Licht
„Er hätte ein großer Dichter des zwanzigsten Jahrhunders werden sollen, doch der Krieg kommt über die Menschen und nimmt sie sich, als stünden sie ihm genauso hilflos gegenüber wie dem Lauf der Gestirne. Dabei sind sie selbst der Krieg, und die Gestirne sind die Gestirne.“
Mit dem Gedicht eines unbekannten deutschen Grenadiers aus dem Schützengraben des Ersten Weltkriegs – aus dem Jahr 1915, jenem Jahr, in dem das osmanische Reich den Völkermord an den Armeniern verübte – beginnt der 1976 geborene Musiker und nun auch Autor Marc Sinan seinen an autobiografischen Parallelen ausgerichteten Roman Das gleißende Licht. Weiterlesen „Marc Sinan – Gleißendes Licht“
Sabrina Janesch – Sibir
Sibir – dieses Wort schreibt der von Demenz bedrohte Vater der Ich-Erzählerin Leila im neuem Roman von Sabrina Janesch in den Staub der Gartentischplatte, bezeichnenderweise in drei Sprachen: Deutsch, Russisch und Kasachisch. Drei Sprachen und drei Länder, die das Leben von Josef Ambacher geprägt haben. Seine Familie stammte aus Galizien, wohin die Vorfahren im 18. Jahrhundert aus dem Egerland eingewandert waren und wo sie sich eine Heimat aufgebaut hatten. Seit 1920 gehörten sie zu Polen, wurden 1939 von den Nationalsozialisten „heim ins Reich“ geholt, eine Heimat, die aber plötzlich nicht mehr das Egerland, sondern der annektierte „Reichsgau Wartheland“ war. Hier verlebte der kleine Josef mit seinem Bruder und den Eltern eine schöne Kindheit. Bis die Wirren des blutigen 20. Jahrhundert die Familie erneut einholten. Weiterlesen „Sabrina Janesch – Sibir“
Lektüre Februar 2023
Wieder ein wunderbarer Lesemonat – die Lektüre im Februar 2023 war vielseitig, anregend, klug und und einige der gelesenen Bücher, wie Die Verwandelten oder Sibir haben tatsächlich Potential, Jahreshighlights zu werden. Fünf Bücher habe ich, teilweise schon in den Vormonaten, teilweise auch zum zweiten Mal für den Bloggerpreis Das Debüt gelesen. Auch das mit großem Gewinn.
Außerdem begann Ende des Monats für mich die Lesungs-Saison 2023 mit einer Veranstaltung im Hessischen Literaturforum in Frankfurt mit Dinçer Güçyeter und Ralph Tharayil. Weiterlesen „Lektüre Februar 2023“
Sergio del Molino – Leeres Spanien
Viermal bin ich bisher auf jeweils unterschiedlichen Routen mit dem Zug durch Spanien gefahren. Die sich über Hunderte von Kilometern hinziehenden Ebenen mit wahlweise Sonnenblumen, Olivenbäumen, Weinreben oder auch gar nichts werde ich genauso wenig vergessen wie die Öde der Wüste von Almeria, wo man ganze Wild-West-Dörfer besichtigen kann, in denen einst Italo-Western gedreht wurden. Leeres Spanien, ja das sagt mir etwas, und unterscheidet sich so dramatisch von den Großstädten wie Madrid, Barcelona, Bilbao und den dichtbesiedelten Küstenregionen. Mit seinem erzählenden Sachbuch Leeres Spanien hat Sergio del Molino 2016 dort einen Nerv getroffen und etwas losgetreten. Es wurde ein Riesenerfolg in Spanien und löste breite gesellschaftliche Diskussionen aus, schaffte es sogar in eine Parlamentsdebatte.
Die Landflucht nämlich und die damit einhergehende Verödung und Entvölkerung ganzer Landstriche hat Spanien natürlich nicht exklusiv, aber doch ganz vehement getroffen. Heute leben 75% der Bevölkerung in den Ballungsgebieten. 50% der Fläche Spaniens steht quasi leer, mit einer Bevölkerungsdichte wie in Lappland. Diese demografische Leere, diese überall anzutreffenden Geisterdörfer haben Del Molino als übers Land reisenden Reporter zu diesem Buch inspiriert. Er beleuchtet „das große Trauma“, das vor allem in den Jahren von 1950 bis 1970 unter Diktator Franco, der zwar seine Stimmen bevorzugt aus der verarmten Landbevölkerung bezog, diese aber durch seine rücksichtslose Industrialisierungspolitik und gnadenlose Vertreibungen zum Bau etwa gigantischer Staudammprojekte immer tiefer in Elend und Rückständigkeit trieb, tiefe Spuren in der spanischen Landschaft hinterließ.
Mehr assoziativ als streng wissenschaftlich, leider auch manchmal ein wenig redundant, analysiert Sergio Del Molino dieses Leeres Spanien, auch gern anhand von Bezügen zur Literatur und Film. Den verächtlichen Blick der Stadtbevölkerung auf die vom Land entdeckt er dabei schon bei Miguel de Cervantes. Während man dessen Don Quichote nun meistenteils kennt, sind seine anderen Verweise, wie etwas auf den Film „Furchen“ („Surcos“) von José Antonio Nievos Conde einem deutschen Lesepublikum wahrscheinlich ebenso unbekannt wie geschichtliche Spezialitäten wie die Karlistenkriege. Da zieht sich dieses Langessay ziemlich und man braucht einen langen Atem und zumindest ein starkes Interesse an Spanien.
Ich habe das Buch mit Gewinn gelesen. Aber mir zogen bei der Lektüre eben auch die endlosen Sonnenblumenfelder und die menschenleeren, mit Windmühlen gesprenkelten Ebenen durch den Sinn. Und ich liebe Spanien.
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Sergio del Molino – Leeres Spanien. Reise in ein Land, das es nie gab
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
Wagenbach September 2022, 304 Seiten, Gebunden, 30,– €
Bloggerpreis für Literatur Das Debüt 2022
Zum siebenten Mal seit 2016 wird der Bloggerpreis für Literatur Das Debüt auch für 2022 verliehen. Nach Shida Bazyar, Klaus Cäsar Zehrer, Bettina Wilpert, Nadine Schneider, Deniz Ohde und Jessica Lind wird in diesem Jahr auf jeden Fall eine Autorin den Preis erhalten, denn dieses Jahr sind tatsächlich nur Autorinnen für die Shortlist nominiert. Weiterlesen „Bloggerpreis für Literatur Das Debüt 2022“
Ulrike Draesner – Die Verwandelten
Die Schriftstellerin Ulrike Draesner beschäftigt sich schon seit langem – autobiografisch oder biografisch inspiriert – mit den Themen Flucht, Vertreibung und transgenerationelle Weitergabe von Traumata, 2014 erschien Sieben Sprünge vom Rand der Welt, 2020 Schwitters, die zusammen mit dem jüngst veröffentlichten Die Verwandelten eine lockere, inhaltlich nicht voneinander abhängende Trilogie ergeben. Weiterlesen „Ulrike Draesner – Die Verwandelten“
Tatjana Gromača – Die göttlichen Kindchen
„Eine allgemeine Einführung in die Welt meiner Mutter, ihre persönlichen und gesamtgesellschaftlichen Krankheiten“ – so umschreibt Tatjana Gromača das erste Kapitel ihres Buchs Die göttlichen Kindchen. Und beginnt es gleich sehr drastisch:
„Es gibt verschiedene Arten von Messern, aber für das Abschlachten von Menschen im Krieg sind am besten etwas längere Exemplare geeignet, so wie Jagdmesser zum Schlachten von Wildschweinen.“
Jakob Guanzon – Überfluss
Ein Vater und sein achtjähriger Sohn am unteren Rand der US-amerikanischen Gesellschaft: Henry und Junior leben seit einiger Zeit in ihrem alten Truck im mittleren Westen, nachdem sie aus ihrem Trailer rausgeworfen wurden. Sie waschen sich in öffentlichen Toiletten, essen, was sie sich gerade leisten können, und das ist nicht viel. Trotzdem versucht Henry, das Leben irgendwie wieder in den Griff zu bekommen, fährt den Kleinen täglich zur Schule, versucht eine gewisse Regelmäßigkeit. Wie die Beiden sich durchschlagen und wie es überhaupt so weit hat kommen können, davon erzählt Jakob Guanzon in seinem bewegenden Debütroman Überfluss. Weiterlesen „Jakob Guanzon – Überfluss“










