Ulla Lenze – Das Wohlbefinden

Gut 50 Kilometer südwestlich von Berlin wurden in dem kleinen brandenburgischen Städtchen Beelitz ab 1898 von der Landesversicherungsanstalt auf über 140 ha Gelände großzügig dimensionierte Heilstätten erbaut. Ulla Lenze lässt ihren aktuellen Roman Das Wohlbefinden, der für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2024 nominiert war, genau hier spielen. Weiterlesen „Ulla Lenze – Das Wohlbefinden“

Lektüre September 2024

Der Monat September 2024 war ein Monat der Ambiguitäten, nicht nur bei der Lektüre so unterschiedlicher Stimmen wie die des Amerikaners Nathan Thrall und des Israeli Dror Mishani, sondern auch abseits vom reinen Lesen. Ich habe sehr viele Lesungen besucht, u.a. eine mit eben jenem Nathan Thrall, der äußerst sympathisch ein sehr einseitiges Buch und Statement gegen Israel – und zwar nicht nur gegen die grauenvollen Angriffe auf Gaza (und nun auch auf den Libanon) – präsentierte, moderiert von Deborah Feldman, die eine regelrechte Fanbase im Frankfurter Literaturhaus hatte, die sie nahezu vergötterte. Aber wenige Tage später auch eine sehr differenzierte mit Meron Mendel und Saba-Nur Cheema und ihren gesammelten Kolumnen Muslimisch-jüdisches Abendbrot. Viele wunderbare Lesungen also – die mit Paul Lynch und Margarete Schwarzkopf möchte ich besonders herausheben – und dazu noch zwei Verlagsbesuche (bei Schöffling/Frankfurt und Verlagshaus am Römerweg/Wiesbaden), die sehr viel Spaß gemacht haben. Darüber hinaus aber auch einiges an Stress und Ärger. Gelesen habe ich dennoch sehr viel – häufige Zugfahrten, Hörbücher, aus dem August mitgenommene Lektüren.

Monatsliebling war Radio Sarajevo von Tijan Sila. Die Kurzrezension dazu werde ich in den nächsten Tagen ergänzen.

 

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Nora Bossong – Reichskanzlerplatz

Wer war Magda Goebbels? Wer war diese Frau, die ihre Namen so oft wechselte wir ihre Identitäten, mal Magda Behrend, Friedländer, Ritschel, Quandt hieß und schließlich als Magda Goebbels so etwas wie die First Lady des Dritten Reichs darstellte. Die als uneheliche Tochter des Dienstmädchens Auguste Behrend mit gerade einmal neunzehn Jahren die Frau des reichen Industriellen Günther Quandt und Mutter seiner beiden Söhne wurde, der ältere von ihnen war gerade einmal sieben Jahre älter als seine Stiefmutter. Wie entwickelte sich aus der lebenslustigen, kulturell interessierten, ehrgeizigen, um Aufstieg bemühten jungen Frau, die ernsthaft darüber nachdachte, mit ihrer Jugendliebe Viktor Chaim Arlosoroff nach Palästina auszuwandern, einen jüdischen Stiefvater hatte und sich selbst als unpolitisch bezeichnete, die fanatische Hitleranhängerin, die kurz vor Kriegsende ihre sechs Kinder und dann sich selbst umbrachte? Nora Bossong geht dieser Frage in ihrem Roman Reichskanzlerplatz nach. Weiterlesen „Nora Bossong – Reichskanzlerplatz“

Elif Shafak – Am Himmel die Flüsse

Elif Shafak, die in der Türkei zu den am meisten gelesenen Schriftsteller:innen gehört, wegen ihrer regierungskritischen Haltung aber schon lange nicht mehr wagt in ihr Heimatland zu reisen und bereits sehr lange in London lebt, ist eine absolute Bestsellerautorin, übersetzt in über 50 Sprachen, die in ihren Romanen stets die Stimme für Minderheiten erhebt, und Tabus anspricht, wie Femizide oder den Völkermord an den Armeniern. Wer sie einmal im Gespräch erlebt hat, muss sie wegen ihrer Klugheit, Warmherzigkeit und ihres Engagement einfach bewundern. Ich tue das schon lange. Und einige ihrer älteren Romane, z.B. Der Geruch des Paradieses, Unerhörte Stimmen oder Ehre, sind ziemlich großartig. Es gibt aber immer wieder auch Bücher, die bei mir einen eher durchwachsenen Eindruck hinterlassen. So auch der jüngste Roman von Elif Shafak, Am Himmel die Flüsse. Weiterlesen „Elif Shafak – Am Himmel die Flüsse“

Mia Raben – Unter Dojczen

„Unter Dojczen“ – mit polnischer Lautschrift betitelt die 1977 geborene Journalistin Mia Raben ihren Debütroman. Unter Deutschen befindet sich die 50jährige Polin Jola schon seit vielen Jahren. Sie ist eine der vielen Pflegekräfte, ohne die die Betreuung und Pflege alter Menschen hierzulande gar nicht mehr denkbar ist. Oft ihre eigenen Familien zurücklassend, auf langen Busfahrten Richtung Osten und Westen pendelnd, häufig – wenn auch zum Glück nicht mehr ganz so oft wie in der Anfangszeit der Neunziger Jahre – unversichert, gnadenlos unterbezahlt, windigen Vermittlungsagenturen ausgeliefert und mit ausbeuterischen Verträgen in deutschen Haushalten beschäftigt, leben geschätzt bis zu 300.000 vorwiegend Frauen aus Ost- und Südosteuropa hierzulande, nicht wenige in der rechtlichen Grauzone der 24 Stunden-Pflege. Menschen, ohne die die Gesellschaft kaum mehr denkbar wäre, die aber viel zu oft übersehen werden. Und denen folgerichtig auch in der Literatur wenig Raum gegeben wird. Weiterlesen „Mia Raben – Unter Dojczen“

Terézia Mora – Muna oder Die Hälfte des Lebens

Die Büchnerpreisträgerin Terézia Mora war im Sommer mit ihrem aktuellen Roman Muna oder Die Hälfte des Lebens zu Gast beim diesjährigen Literaricum Lech, das sich dem Klassiker Lolita von Vladimir Nabokov widmete. Nach Parallelen zwischen beiden Romanen zu suchen, liegt deshalb auf der Hand. Auch darüber konnte ich mit Terézia Mora vor Ort sprechen. Weiterlesen „Terézia Mora – Muna oder Die Hälfte des Lebens“

James Baldwin – Die Romane und Essays

Zum ersten Mal begegnete ich James Baldwin im Radio. Auf SWR2 lief ein Feature über einen afro-amerikanischen Schriftsteller, der Anfang der 1950er Jahre in einem kleinen Dorf im Schweizer Kanton Wallis auftauchte und die dort lebenden Menschen in einiges Staunen versetzte. „Wie ein Schaf in der Wüste: Als Baldwin die Schweiz besuchte“nannten die Autoren Rolf Hermann und Michael Stauffer ihren Beitrag von 2011. Damals begann die Wiederentdeckung eines der wichtigsten US-amerikanischen Autoren, der in seinem Heimatland zwar ein Klassiker, aber doch ein wenig vergessen war. Nicht zuletzt die Wahl von Barack Obama, der James Baldwin als eine seiner Leitfiguren nannte, aber auch das Wiedererstarken der Bürgerrechtsbewegung in Zuge von „Black lives matter“ verschaffte seinem Werk erneut Aufmerksamkeit. Auch in Deutschland war die auf dem unvollendeten Manuskript „Remember This House“ beruhende filmische Collage von Raoul Peck (2017), in der er dem weißen Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft nachspürt, ein großer Erfolg. „I´m not your negro wurde vielfach ausgezeichnet und Oscar nominiert. Seit 2018 erscheinen bei DTV hervorragende Neuübersetzungen der Werke von James Baldwin, die Romane und Essays, zuletzt „Giovannis Zimmer“.

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Verena Boos – Die Taucherin

Bereits in ihrem Debütroman Blutorangen (2015) waren Spanien, Valencia und die dunklen Jahre der franquistischen Diktatur ihre Themen. Nach einem Ausflug in den Schwarzwald mit dem Roman Kirchberg, kehrt Verena Boos in ihrem neuen Buch Die Taucherin wieder zu diesen zurück. Die geborene Rottweilerin lässt aber auch hier ihre Baden-Württembergische Heimat nicht ganz außen vor. So stammt die Hauptprotagonistin Amalia, durch deren Sicht wir die Geschichte erleben, von dort und befindet sich zu Beginn beim Klettern im Schwarzwald. Eine Rezension.
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Lektüre August 2024

Der August hat sich alle Mühe gegeben, das Fehlen eines richtigen Sommers in seinen beiden Vormonaten auszugleichen. Schöne Tage zuhauf und Temperaturen wie sie zu dieser Jahreszeit sein sollten. Ich weiß, da gibt es Uneinigkeit, für viele von euch war es vielleicht schon wieder zu heiß und zu trocken (für meinen Garten unbedingt), aber mich hat dieser Monat ein wenig mit dem Sommer 2024 versöhnt. Thema war dann auch: draußen lesen. Und die Lektüre im August war tatsächlich auch so gut wie schon länger nicht mehr in 2024. Monatshighlight war gewiss der wirklich sehr beklemmende, düstere Roman des Iren Paul Lynch, mit dem er 2023 dem Booker Prize gewann, Das Lied des Propheten. Selten hat mich ein Buch so durchgerüttelt. Trotzdem: große Klasse! Aber auch sonst waren noch sehr viele sehr gute Romane dabei. Seht selbst: Weiterlesen „Lektüre August 2024“

Jessica Lind – Kleine Monster

Das Thema Mutterschaft stand schon im Debütroman im Mittelpunkt – eine einsame Waldhütte war damals Schauplatz, um die Träume und Ängste, Überforderungen und die Selbstentfremdung einer Mutter in ein leicht surreales, märchenhaftes Setting zu verlegen und viele unterschiedliche Herangehensweisen und Interpretationen des Textes zuzulassen. Nach Mama hat Jessica Lind nun erneut eine Mutter (und am Rande, wie im Debüt, auch einen Vater) zur Hauptfigur ihres neuen Romans Kleine Monster gemacht. Weiterlesen „Jessica Lind – Kleine Monster“