Patrick Modiano – Unterwegs nach Chevreuse

Nachdem 2014 der Franzose Patrick Modiano den Literaturnobelpreis erhalten hatte, wurden der eher medienscheue Autor und seine stets schmalen, leisen, immer ein wenig flirrenden Romane endlich auf breiterer Ebene wahrgenommen. Fast dreißig sind es mittlerweile, Reden, Theaterstücke, Illustriertes mal beiseitegelassen. Die Literaturkritik interessiert sich immer noch (meist sehr angetan) für jedes neue Werk, das seit den späten 1960er Jahren fast immer pünktlich jedes zweite Jahr erscheint. Das Lesepublikum hingegen scheint sehr gespalten. Ein (etwas kleinerer) Teil, und dazu zähle ich seit langem mich, fiebert auf jede neue Veröffentlichung hin und verfolgt diese mit anhaltender Faszination. Der andere Teil spricht von Langeweile, Oberflächlichkeit, Redundanzen. Weiterlesen „Patrick Modiano – Unterwegs nach Chevreuse“

Sarah Jäger – Schnabeltier deluxe

Auf der Suche nach anspruchsvollen Texten für junge Leser:innen, die man auch als Erwachsener noch mit großem Vergnügen und Gewinn lesen kann, kommt man nicht um Sarah Jäger herum. Für ihren Debütroman, Nach vorn, nach Süden, der eine turbulente Roadnovel mit einer tiefgründigen Geschichte über Identitätsfindung verbindet und für den sie Preisträgerin des Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendiums 2021 wurde und den Luchs-Preis von DIE ZEIT und Radio Bremen erhielt, gilt das ebenso wie für den zweiten Roman Die Nacht so groß wie wir. Für diese Geschichte einer Abitursfeier-Nacht, die zugleich eine einfühlsame Freundschaftsgeschichte ist, wurde Sarah Jäger für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2022 in der Kategorie Jugendbuch nominiert. Es gilt die Daumen zu drücken. Und nun ein drittes Buch von Sarah Jäger, das den etwas merkwürdigen Titel Schnabeltier deluxe trägt. Was es damit auf sich hat, klärt sich erst ganz am Ende dieses wunderbaren Romans und soll hier nicht verraten werden. Weiterlesen „Sarah Jäger – Schnabeltier deluxe“

Ralf Rothmann – Die Nacht unterm Schnee

Als 2015 Im Frühling sterben erschien, war wahrscheinlich noch gar nicht an eine Fortsetzung gedacht worden, sondern einfach nur dem Bedürfnis genüge getan, die schon mehrfach fiktionalisierte Geschichte des Vaters um dessen traumatische Erlebnisse in den letzten Kriegstagen zu erweitern. Noch im Februar 1945 wurden der 17jährige Melker Walter Urban und der gleichaltrige Fiete von der Waffen-SS zwangsrekrutiert und an die ungarische Front geschickt. Dass Walter dort an der Hinrichtung seines der versuchten Desertion beschuldigten Freundes mitwirken musste, hat ihn nachhaltig zerbrochen. 2018 ergänzte Rothmann seine Erzählung des Kriegsendes um die Geschichte der in der norddeutschen Heimat Zurückgebliebenen. Die Frauen auf dem Hofgut bei Schleswig, die aus dem Osten Geflüchteten, die es dorthin verschlagen hat, stehen in Der Gott jenes Sommers im Mittelpunkt. Nun folgt mit Die Nacht unterm Schnee ein Buch, das die Vorgänger zur Trilogie weitet und seinem Autor Ralf Rothmann vermutlich am schwersten gefallen ist. Weiterlesen „Ralf Rothmann – Die Nacht unterm Schnee“

Irene Solá – Singe ich, tanzen die Berge

Was für ein außergewöhnliches, wundersames Buch, das 2020 den Europäischen Literaturpreis erhielt und ein erfolgreicher Bestseller wurde. Die junge katalanische Autorin Irene Solá springt in ihrem Roman Singe ich, tanzen die Berge durch Jahrhunderte spanischer Geschichte und lässt nicht nur der Hexenverfolgung zum Opfer gefallene heilkundige Frauen erzählen, sondern auch einen Hund, einen Rehbock, einen Bär und die Totentrompeten, die zur Familie der Stoppelpilzverwandten gehören. Ja sogar den Gewitterwolken und – ziemlich in der Mitte des Buchs – den Bergen der Pyrenäen, die über ihre Entstehung sinnieren, verleiht die Autorin eine Stimme. Weiterlesen „Irene Solá – Singe ich, tanzen die Berge“

Najat El Hachmi – Am Montag werden sie uns lieben

Ein weiterer mit dem Nadal-Preis (2021) ausgezeichneter Roman stammt von der marrokanisch-spanischen Autorin Najat El Hachmi. Eindringlich und bewegend erzählt sie darin vom Aufwachsen junger Mädchen aus Migrantenfamilien weit vor den Toren Barcelonas. Zerrissen zwischen den autoritären Ansprüchen ihrer im unangetasteten Patriarchat sozialisierten Eltern und den modernen westlichen Lebensformen, die sie umgeben, suchen Naíma und ihre Freundinnen ihren Weg. Najat El Hachmi lässt sie hoffen, dass nach all den Anstrengungen, es richtig zu machen, sich selbst und sein Verhalten zu perfektionieren, dass dann endlich gilt Am Montag werden sie uns lieben. Weiterlesen „Najat El Hachmi – Am Montag werden sie uns lieben“

Eduardo Lago – Brooklyn soll mein Name sein

Bereits 2006 erhielt der in New York als Leiter des dortigen Instituto Cervantes tätige Spanier Eduardo Lago für seinen Debütroman Brooklyn soll mein Name sein zwei hochrangige Literaturpreise, den Premio Nadal und den Premio de la Crítica de narrativa castellana. Nun ist das so herausfordernde wie verspielte Werk, wohl auch Dank des angekündigten Gastlandauftritts Spaniens bei der Frankfurter Buchmesse, endlich auch auf Deutsch in der Übersetzung von Guillermo Aparicio im Kröner Verlag erschienen. Ich hoffe sehr, dass es nicht das letzte übersetzte Buch des James-Joyce- Kenners Lago, der seit 2011 wieder am Sarah Lawrence College unterrichtet, bleiben wird. Weiterlesen „Eduardo Lago – Brooklyn soll mein Name sein“

Literatur aus Portugal Teil 2

Im Rahmen der dann doch noch ausgefallenen Leipziger Buchmesse 2022, waren einige der geplanten Autor:innen zum Glück trotzdem angereist. In Veranstaltungen auf dem Blauen Sofa, im Literaturhaus Leipzig und der Schaubühne Lindenfels konnte man zumindest zehn portugiesischsprachige Schriftsteller:innen erleben, was ich gerne nutzte und so Dulce Maria Cardoso, Yara Nakahanda Monteiro und José Louis Peixoto (deren Bücher stelle ich in Literatur aus Portugal Teil 1 vor), Tatiana Salem Levy, Carla Bessa und Djaimilia Pereira de Almeida kennenlernte. Mein bisher sehr spärlich bestücktes Regal mit Literatur aus Portugal kann sich seitdem sehen lassen, hier folgt Teil 2. Weiterlesen „Literatur aus Portugal Teil 2“

Literatur aus Portugal Teil 1

Fernando Pessoa (1888–1935), der Literaturnobelpreisträger von 1998 José Saramago (1922–2010) und António Lobo Antunes (*1942) sind die Autoren, die dem Lesepublikum beim Stichwort Literatur aus Portugal vielleicht als Erstes einfallen. Wenn man zeitlich etwas zurück geht, dann kommen vielleicht noch die Namen José Maria Eça de Queiroz (1845–1900), der „portugiesische Zola“, oder der Nationaldichter Luís de Camões (1524/25–1579/80), der 1572 das Epos „Die Lusíaden“ schrieb und dem portugiesischen Kulturzentrum seinen Namen schenkte, entsprechend unseren Goethe-Instituten, in den Sinn. Weiterlesen „Literatur aus Portugal Teil 1“

James Baldwin – Von einem Sohn dieses Landes

Der afroamerikanische Schriftsteller James Baldwin erlebt seit ein paar Jahren eine völlig verdiente und längst überfällige (Wieder)Entdeckung, was nicht nur der verblüffenden Aktualität seiner Texte, gerade auch vor dem Hintergrund der Black Lives Matter-Bewegung, sondern auch den hervorragenden Übersetzungen durch Miriam Mandelkow zu verdanken ist. Ich habe bereits einen längeren Blogbeitrag über die bisher bei dtv neu veröffentlichten Bücher von James Baldwin geschrieben, nun erscheint endlich mit Von einem Sohn dieses Landes der zweite Band mit Essays.

„Endlich“, weil meine erste Begegnung mit dem Autor tatsächlich über einen Text hieraus verlief. In Fremder im Dorf schrieb Baldwin über seine Aufenthalte im kleinen schweizerischen Dorf Leukerbad, wo er zwischen 1951 und 1953 dreimal verweilte, u.a. um seinen ersten Roman, Von dieser Welt, zu vollenden. Wie ein Schaf in der Wüste war das Radiofeature des SRF betitelt, das mir den Autor Baldwin, von dem ich lediglich den Namen kannte, näherbrachte und mein Interesse an ihm weckte. Das Feature ist auch heute noch unter diesem Link zu erreichen. Weiterlesen „James Baldwin – Von einem Sohn dieses Landes“

Lektüre Juli 2022

Der Lesemonat Juli 2022 war nicht nur von meiner überwiegend sehr starken Lektüre geprägt, sondern natürlich auch durch meinen Aufenthalt beim Literaricum 2022 in Lech am Arlberg. Ich war dort auf Einladung der Lech-Zürs-Tourismus GmbH, meine Berichte und Begeisterung sind allerdings unbezahlt, eigenverantwortlich und aus vollstem Herzen. Die Zeit dort in der herrlichen Bergwelt von Oberlech, bestens umsorgt im dortigen Burg Hotel und mit einem spannenden, von Nicola Steiner kuratierten Literaturprogramm versorgt, werde ich so schnell nicht vergessen. Jedem, der damit liebäugelt oder im nächsten Jahr in der Nähe ist, sei dieses Literaturfestival wärmstens empfohlen. Weiterlesen „Lektüre Juli 2022“