Für die 67-jährige Anne ist es keine leichte Entscheidung, ihren stark pflegebedürftigen, dementen Ehemann Gustav in ein Pflegeheim zu geben. Zu sehr ist sie ihm noch emotional verbunden. Aber es liegen lange Jahre der Pflege bereits hinter ihr. Gustav war erst vierzig, als er den ersten Schlaganfall erlitt. Es folgten noch etliche weitere. Zunächst büßte er sein Sprachvermögen, dann motorische Fähigkeiten und schließlich auch noch Gedächtnis und Persönlichkeit ein. Zunehmend reagierte er auch aggressiv. Was für Anne nun trotz ihrer regelmäßigen Besuche im Pflegeheim eine Art Befreiung und Unabhängigkeit hätte werden können, durchkreuzt das Schicksal erneut aufs härteste. Bei ihr wird ein Darmtumor entdeckt, der bereits Metastasen gebildet hat. Anne wird sterben. Dass ihre Geschichte in Zuunterst immer Wolle dennoch keine deprimierende oder dunkle geworden ist, verdankt sich der pragmatischen, manchmal etwas ruppigen Art, mit der Helga Flatland ihre Protagonistin ausgestattet hat. Weiterlesen „Helga Flatland – Zuunterst immer Wolle“
Schlagwort: Familie
Fabrice Humbert – Der Ursprung der Gewalt
Als Fabrice Humbert seinen dritten Roman L´origine de la violence (dt Der Ursprung der Gewalt) 2009 veröffentlichte, wurde er nahezu sofort ein großer Erfolg. Das Buch wurde 2009 mit dem Orange Book Prize, 2010 mit dem Renaudot Pocket Book Prize und dem Grandes Écoles Literaturpreis ausgezeichnet, 2016 wurde es von Élie Chouraqui verfilmt. Es folgten Übersetzungen in zahlreiche Sprachen. Nur eine fehlte bisher: Deutsch. Dabei ist die autobiografisch inspirierte Spurensuche des an einem Deutsch-Französischen Gymnasium nahe Paris unterrichtenden Französischlehrers Humbert ein dezidiert der gemeinsamen Geschichte gewidmetes Buch. Das mangelnde Interesse ist vermutlich weniger durch das Thema des Romans begründet; vielleicht liegt es daran, dass es ein gefühlt sehr französisches Buch ist und man hierzulande dem unterkühlt-intellektuellen Herangehen an die eigene Familiengeschichte und ihre tragische Verstrickung mit Judenverfolgung und Nationalsozialismus eher skeptisch gegenübersteht. Weiterlesen „Fabrice Humbert – Der Ursprung der Gewalt“
Anne Tyler – Eine gemeinsame Sache
In mittlerweile 24 Romanen hat die 1941 geborene Amerikanerin Ann Tyler immer wieder leise, heitere Kammerspiele des Alltäglichen geschaffen. Vielleicht ist ihr deshalb trotz zahlreicher Nominierungen für die bedeutenden Buchpreise und dem Gewinn des Pulitzer für Atemübungen der ganz große Ruhm, zumindest hier bei uns in Deutschland, versagt geblieben. Vielleicht liegt es auch daran, dass sich die Autorin recht konsequent dem literarischen Betrieb entzieht, kaum Interviews gibt, keine Lesereisen macht. Es wäre aber auf jeden Fall ein Fehler, Ann Tyler vorschnell ins Unterhaltungsfach abzuschieben, auch wenn sie sich ihre Themen im Alltag sucht, in der Familie, in Paarbeziehungen, im Durchschnittsleben, und sie immer den heiteren, den liebevollen Blick beibehält. Denn auch wenn die großen Tragödien, die Abgründe und die Politik meist, wenn überhaupt, nur am Rande aufscheinen, beinhalten ihre Bücher doch so viel Klugheit, Lebensweisheit und vor allem einen unbeirrbar scharfen Blick auf die Welt und ihre Menschen, dass man jedes davon ein wenig klüger verlässt. Außerdem ist ihr Stil so schnörkellos wie gekonnt, dass das Lesen einfach Freude macht. Von dieser Tradition weicht Anne Tyler auch in ihrem neuesten Roman Eine Gemeinsame Sache nicht ab. Weiterlesen „Anne Tyler – Eine gemeinsame Sache“
Lea Ypi – Frei
Als der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama 1989 in einem Artikel über den Zusammenbruch der UdSSR und der von ihr abhängigen sozialistischen Staaten das „Ende der Geschichte“ und den Sieg des Liberalismus in Form von Demokratie und Marktwirtschaft weltweit prognostizierte, blieb seine These natürlich nicht unwidersprochen. Dennoch, ein klein wenig fühlte es sich so an, als würden nun alle Diktaturen und weltpolitischen Konfrontationen nach und nach durch den Wunsch der Völker nach Freiheit verschwinden. Heute wissen wir, wie naiv auch nur dieser Gedanke war. Wie es sich aber angefühlt hat, an dieser Bruchstelle der Geschichte quasi auf der „Verliererseite“ zu stehen, erzählt uns jetzt die aus Albanien stammende und an der London School of Economy politische Theorie lehrende Philosophin Lea Ypi in ihrem Memoir Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte. Weiterlesen „Lea Ypi – Frei“
Sasha Marianna Salzmann – Im Menschen muss alles herrlich sein
2021 stand Sasha Marianna Salzmann mit ihrem grandiosen Generationenroman Im Menschen muss alles herrlich sein auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis. Heute ist er aktueller denn je, denn der erste Teil davon ist bei in der Ostukraine beheimateten Russen angesiedelt. Vor allem die Frauen stehen hier im Mittelpunkt. Weiterlesen „Sasha Marianna Salzmann – Im Menschen muss alles herrlich sein“
Damon Galgut – Das Versprechen
Auf den ersten Blick ist mit Das Versprechen von Damon Galgut im vergangenen Jahr ein klassischer Familienroman mit dem hochdotierten Booker Prize ausgezeichnet worden. Im Klappentext ist vom „Zerfall einer weißen südafrikanischen Familie“ die Rede, von „Dreißig Jahre politischen Umbruchs“. Wer nun aber eine epische, sich breit entrollende Geschichte erwartet, wird vom Text (äußerst positiv) überrascht. Weiterlesen „Damon Galgut – Das Versprechen“
Lea Draeger – Wenn ich euch verraten könnte
Zitat Lea Draeger – Wenn ich euch verraten könnte
„Als mein Großvater zwölf Jahre alt war, erhängte sich mein Urgroßvater am Deckenbalken seiner Backstube mit einer Hundeleine.“
Wenn ein Buch mit einem solchen Satz beginnt, ist eigentlich schon klar, dass hier keine Wohlfühllektüre wartet. Der Verlag liefert zudem noch eine Triggerwarnung zu „expliziten Schilderungen psychischer und physischer Gewalt“, etwas dem ich eher unentschlossen-skeptisch gegenüberstehe, was ich hier aber angesichts des wirklich heftigen Inhalts und des jugendlichen Alters der Protagonistin, die gerade für jüngere Leser:innen hohes Identifikationspotential bieten könnte, absolut begrüße. Lea Draeger hat mit Wenn ich euch verraten könnte kein Jugendbuch geschrieben, aber hanserblau ist ja ein Programm, das auch eine etwas jüngere Leserschaft anspricht. Weiterlesen „Lea Draeger – Wenn ich euch verraten könnte“
Monika Helfer – Löwenherz
Monika Helfer schreibt seit den 1970er Jahren Prosa. In den letzten Jahren gelang der 1947 geborenen Österreicherin der ganz große Durchbruch mit ihren schmalen Romanen über die eigene Familiengeschichte. Die Bagage wurde gleich ein riesengroßer Erfolg bei Kritik und Publikum, der zweite Band, Vati, stand dann auch verdientermaßen endlich auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis. Nun beschäftigt sich Monika Helfer in Löwenherz mit ihrem sechs Jahre jüngeren Bruder Richard. Weiterlesen „Monika Helfer – Löwenherz“
Bryan Washington – Dinge an die wir nicht glauben
Zwei junge Männer leben seit vier Jahren in Houston zusammen und beginnen, an ihrer Beziehung und Liebe zu zweifeln. Beide tun sich nicht leicht mit Nähe. Beide kommen aus zerbrochenen Familien. Der junge Amerikaner Bryan Washington macht aus dieser Konstellation einen sehr berührenden, lässigen Roman mit neuen, überraschenden Facetten: Dinge, an die wir nicht glauben. Weiterlesen „Bryan Washington – Dinge an die wir nicht glauben“
Stephan Thome – Pflaumenregen
Taiwan ist weithin bekannt als technologisch hochentwickelter Industriestaat, als demokratischer Inselstaat vor der Küste Chinas, irgendwie dazugehörend, irgendwie aber auch nicht. Amtlich nennt sich das Land „Republik China“, in Abgrenzung zur Volksrepublik China, die das Land im Rahmen ihrer „Ein-China-Politik“ niemals anerkannte. Tatsächlich tun das mittlerweile (Stand 2021) weltweit nur noch dreizehn Staaten sowie der Vatikan. Die wirtschaftlichen Beziehungen zu China sind zu wichtig, um sie dadurch zu gefährden. Dennoch unterstützt der Westen, vor allem die USA die Unabhängigkeit Taiwans als Gegengewicht zur Supermacht China. Der seit der Spaltung 1949 schwelende Konflikt ist aktuell wieder aufgeflammt. Welche historischen Entwicklungen dahinterstecken, dürfte nur wenigen genauer bekannt sein. Stephan Thome, Sinologe, erfolgreicher Autor und seit über zwölf Jahren in Taiwan beheimatet, trägt mit seinem neuen Roman Pflaumenregen sehr zum Verständnis der Lage bei. Weiterlesen „Stephan Thome – Pflaumenregen“









