Bereits im Sommer 2023 erschien Wo die Geister tanzen von Joana Osman. Die 1982 in München geborene Tochter eines palästinensischen Vaters und einer deutschen Mutter verarbeitet darin die Geschichte ihrer Großeltern zu einem dichten, packenden Text. Die furchtbaren Entwicklungen, die den Nahen Osten seit den Massakern am 7. Oktober überrollt haben, waren da noch nicht absehbar. Das Buch war eine der relativ wenigen Stimmen, die uns Geschichten aus Palästina erzählen, von den Menschen, die dort lebten und die von dort flohen und nun verstreut in aller Welt leben – zum Beispiel von Joana Osmans Familie. Es ist eine der heute so wichtigen Stimmen, die nicht polarisieren, die Verständnis und Empathie sowohl für das palästinensische als auch das israelische Volk vermitteln. Osman ist Mitgründerin der Peace Factory, die sich dafür engagiert, dass sich Menschen im Nahen und Mittleren Osten auf Augenhöhe und freundschaftlich begegnen. Allen Widrigkeiten zum Trotz. Weiterlesen „Joana Osman – Wo die Geister tanzen“
Kategorie: Rezensionen
Barbara Kingsolver – Demon Copperhead
Demon Copperhead? Da klingelt natürlich bei jedem Literaturliebhaber etwas. Und Barbara Kingsolver, die für ihren 860 Seiten starken Roman 2023 sowohl den Pulitzer Belletristik als auch den Women`s Prize for Fiction zugesprochen bekam, macht auch gar kein Geheimnis daraus, dass sie den berühmten David Copperfield von Charles Dickens als Folie für Demon Copperhead verwendet hat. Die sozial engagierte, realistisch erzählte Geschichte des Waisenjungen David aus dem Jahr 1850 und dem viktorianischen England in die 1990er und 2000er Jahre und in die abgehängte, als „Hillbilly-Provinz“ verachtete US-amerikanische Gebirgsregion der Appalachen zu transferieren, ist der 1955 geborenen und trotz zahlreicher Veröffentlichungen in Deutschland bisher nahezu unbekannten Kingsolver hervorragend gelungen.
Lektüre April 2024
Ostern, eine wunderbare Woche in Venedig und das Lesefestival „Frankfurt liest ein Buch“ liegen nun auch schon wieder hinter mir. Letzteres brachte mir einen wunderbaren Einblick in das „Neue Frankfurt“, eine Architektur- und Designinitiative die seit den späten 1920er Jahren ein neues, demokratisches und gesundes Bauen für große Bevölkerungsgruppen umsetzte und damit aber auch Städteplanung, Grünflächenplanung und Design umfasste. Unter Bürgermeister Ludwig Landmann und den Architekten Ernst May und Martin Elsässer entstanden so erstaunliche Bereiche, die auch heute noch das frankfurter Stadtbild prägen, hinter dem „Mainhattan“-Bild der Stadt aber doch ziemlich untergehen. Für mich war das eine Entdeckungstour im wahrsten sinn und ich war auf vier Veranstaltungen und einer privaten Streiftour durch die Stadt. Wenn es die Zeit erlaubt, mache ich dazu gern einen Beitrag. Das Buch, das gelesen wurde, war übrigens „Zebras im Schnee“ von Florian Wacker.
Auch sonst standen interessante und teils recht umfangreiche Bücher auf der Liste meiner Lektüre im April 2024. Weiterlesen „Lektüre April 2024“
Elizabeth Strout – Am Meer
Es gibt Autor:innen, die mich mit ihren Büchern schon lange Zeit begleiten und die dadurch nicht nur zu Lieblingschriftsteller:innen, sondern auch zu einer Art literarischem Zuhause geworden sind. Richard Ford zählt gewiss dazu mit seinen Frank Bascombe-Romanen und auch Stewart O´Nan mit seiner Familie Maxwell. Und natürlich Elizabeth Strout, die nach meinem Dafürhalten immer noch ein wenig unterschätzt wird, zumindest hier in Deutschland. Sie ist weiblich, und dazu noch eine Weiße von der Ostküste fortgeschrittenen Alters (Jahrgang 1956). Außerdem pflegt sie einen lockeren, leicht zu lesenden Plauderton und erzählt überwiegend von Alltagsdingen. Aber Elizabeth Strout nimmt sich in all ihren Werken, und das ist in ihrem neuesten, Am Meer, nicht anders, die ganz großen Dinge zum Thema. Denn sie schreibt, um mal bei einem ihrer deutschen Titel zu bleiben, vom Leben natürlich. Weiterlesen „Elizabeth Strout – Am Meer“
Volha Hapeyeva – Samota
Die belarussische Autorin Volha Hapeyeva war 2019/2020 Stadtschreiberin in Graz und kehrte von dort nicht in ihre Heimat zurück. In ihrem poetischen Roman Samota. Die Einsamkeit wohnte im Zimmer gegenüber – Samota bedeutet auf deutsch „Einsamkeit“ – nähert sie sich diesem Gefühl ebenso wie der menschlichen Fähigkeit Empathie zu empfinden, dem Begriff der Zeit und der Erinnerung. Sie bewegt sich dabei auf verschiedenen Zeitebenen und folgt drei Hauptfiguren. Weiterlesen „Volha Hapeyeva – Samota“
Meri Valkama – Deine Margot
Eine 1980 geborene Finnin schreibt einen Roman über den Untergang der DDR – das mag zunächst verwundern. Meri Valkama lebte allerdings, wie die Protagonistin in ihrem Debütroman Deine Margot, als Kind einige Jahre in Ost-Berlin, wo ihr Vater – auch das eine Übereinstimmung – als Korrespondent einer linken finnischen Zeitung tätig war. Weiterlesen „Meri Valkama – Deine Margot“
Isabelle Autissier – Aqua alta
Isabelle Autissier – Aqua alta – das jährliche Winterhochwasser begleitet Venedig schon seit seiner Gründung in der Lagune. Es kommt durch bestimmte Winde, durch die Gezeiten, niedrigen Luftdruck und weniger als man denkt durch Regen zustande. Seit 1872 wurden über 300 davon erfasst, in jüngster Zeit hat sich ihre Frequenz bedeutend erhöht. Gab es zwischen 1900 und 1910 lediglich zehn solcher Ereignisse, waren es zwischen 2001 und 2010 bereits fünfundsechzig, Tendenz steigend. Weiterlesen „Isabelle Autissier – Aqua alta“
Mirrianne Mahn – Issa
Mirrianne Mahn ist Theaterfrau, Aktivistin und Stadtverordnete in Frankfurt am Main, nun hat sie mit Issa ihren Debütroman vorgelegt. Die in Kamerun geborene, im Hunsrück aufgewachsene und nun in Frankfurt lebende Mahn engagiert sich für Diversität und gegen Rassismus, ist meinungsstark und laut. Ihr Roman über fünf Frauen einer Familie, die ihre Wurzeln in Westafrika haben, deren jüngere Vertreterinnen aber Deutsche sind, auch wenn sie immer wieder das Gefühl vermittelt bekommen, nicht so richtig dazuzugehören, ist eher leise, zutiefst berührend, lustig, erkenntnisreich.
Alem Grabovac – Die Gemeinheit der Diebe
Mit Die Gemeinheit der Diebe erzählt der Berliner Autor Alem Grabovac die Geschichte seines Debütromans Das achte Kind erneut, verlagert den Fokus ein wenig und schreitet zeitlich weiter voran, bis an die Entstehungszeit eben dieses Vorläuferromans. Es ist seine eigene Geschichte und die seiner Familie, die uns hier nur leicht fiktionalisiert begegnet. Und wieder vermag der Autor mit seiner sachlich-nüchternen Erzählweise tief zu berühren. Weiterlesen „Alem Grabovac – Die Gemeinheit der Diebe“
Elizabeth Graver – Kantika
Der Titel Kantika – in Ladino, der Sprache der sephardischen Juden, das Lied bezeichnend – verrät schon einiges über den neuen Roman der US-amerikanischen Schriftstellerin Elizabeth Graver, deren Roman Der Sommer der Porters (mare, 2016) mich bereits sehr begeistern konnte. Die 1964 in Los Angeles geborene Autorin erzählt darin die nur leicht fiktionalisierte Geschichte ihrer eigenen Familie mütterlicherseits, und davon besonders ihrer 1902 geborenen Großmutter Rebecca Cohen Baruch Levy, die ihre Wurzeln im osmanischen Reich hat. Dorthin flohen Ende des 15. Jahrhundert in Folge der Reconquista viele von der iberischen Halbinsel vertriebene Juden und wurden sesshaft. Weiterlesen „Elizabeth Graver – Kantika“









