Lektüre Dezember 2021

Vor der Lektüre aus dem Dezember 2021, allen, denen ich es bisher nicht gewünscht habe:

Ein wunderbares, glückliches, gesundes Neues Jahr!

Vieles zum vergangenen Buchjahr habe ich schon in meinem Rückblick erzählt. Die im Dezember gelesenen Bücher möchte ich noch ergänzen. Zumal das allerletzte Buch – Annie Ernaux – es in diesen Rückblick gar nicht hinein geschafft hat. Aber natürlich sehr erwähnenswert ist und auch noch einen eigenen Blogbeitrag erhalten wird. Noch hänge ich ein wenig in den Herbsttitel fest – mit großem Vergnügen, da warten noch einige Schätze auf mich -, aber die ersten Frühjahrsneuerscheinungen buhlen auch bereits um Aufmerksamkeit. Ich habe mich dieses Frühjahr auf relativ wenige Titel festgelegt und warte mal ab, was da noch an Überraschungen kommt. Die Auswahl ist ja sehr verlockend (nachzulesen in meinem Blick in die Vorschauen/ Neuerscheinungen). Weiterlesen „Lektüre Dezember 2021“

Colson Whitehead – Harlem Shuffle

Der Shuffle ist ein dreigeteilter, auf Triolen aufgebauter Rhythmus. Lässig klingt er, swingend, sehr rhythmisch. Bekannt ist der Harlem Shuffle vor allem durch die Coverversion der Rolling Stones aus dem Jahr 1986, der amerikanische Autor Colson Whitehead hat ihn nun für seinen neuen Roman verwendet. Dieser spielt – natürlich – im Schwarzen Harlem der späten Fünfziger und Sechziger Jahre. Whitehead fährt dafür zahlreiche Kolportageelemente auf – und unterwandert sie intelligent und unterhaltsam. Weiterlesen „Colson Whitehead – Harlem Shuffle“

Douglas Stuart – Shuggie Bain

Im vergangenen Jahr erhielt ein Debütroman den begehrten Booker Prize, die wohl bedeutendste Auszeichnung für englischsprachige Literatur. In seinem autofiktionalen Roman Shuggie Bain erzählt Douglas Stuart vom Aufwachsen in einem Glasgower Randgebiet mit alkoholkranker Mutter in den 1980er Jahren. Das ist erschütternd, warmherzig und trotz seines traurigen, entsetzlichen Inhalts oft sogar locker und heiter erzählt. Ob es literarisch tatsächlich diesem Preis gerecht wird, verglichen beispielsweise mit den Preisträger:innen der Jahre 2017 und 2018 (George Saunders/Lincoln im Bardo, Anna Burns/Milchmann) darf zumindest angezweifelt werden. Lesenswert ist das Buch aber unbedingt. Weiterlesen „Douglas Stuart – Shuggie Bain“

Naomi Fontaine – Die kleine Schule der großen Hoffnung

Indigene Autor:innen erlangen immer mehr Bedeutung für die Wahrnehmung kanadischer Literatur auch bei uns in Deutschland. Nicht nur das Desinteresse des (Weißen) Literaturbetriebs, sondern auch die überwiegend orale indigene Erzählkultur sorgten dafür, dass die Zahl der Veröffentlichungen bisher, gerade auch in Übersetzung, relativ überschaubar war. Es ist überfällig, dass sich daran etwas ändert und der Gastlandauftritt Kanadas bei der Frankfurter Buchmesse 2021 war dafür ein wichtiger Impuls. Waubgeshig Rice, Paul Seesequasis, Josephine Bacon, Tanya Tagaq, Richard Wagamese – alles Namen, die mir zuvor nicht bekannt waren, deren Werke ich mittlerweile aber sehr zu schätzen weiß. Naomi Fontaine gesellt sich mit ihrem autobiografisch inspirierten Roman Die kleine Schule der großen Hoffnung dazu. Weiterlesen „Naomi Fontaine – Die kleine Schule der großen Hoffnung“

Hervé Le Tellier – Die Anomalie

Der Franzose Hervé Le Tellier hat mit seinem 2020 mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten und seitdem enorm gut verkauften Roman Die Anomalie wahre Begeisterungsstürme in der Literaturkritik ausgelöst, stellt diese aber auch vor eine schwere Aufgabe: Wie einen Roman besprechen, der von seiner äußerst ungewöhnlichen Idee lebt, ohne zu spoilern, gleichzeitig aber auch die Leserschaft ausreichend neugierig zu machen, damit diese auch zum Buch greift? Ich persönlich fand es recht schade, dass ich schon im Voraus ziemlich genau wusste, um was es sich bei Die Anomalie handelt. Ich kann sagen, dass die Lektüre sich auch mit dem Vorwissen absolut lohnt. Wer aber das komplette Lesevergnügen möchte und sich auf dieses philosophisch-intellektuelle Experiment, das zudem sehr unterhaltsam und auch witzig ist, unvoreingenommen einlassen möchte, sollte möglichst weder Klappentext noch irgendwelche Rezensionen lesen. Leider auch nicht meine. Deshalb möchte ich mich hier zunächst von allen wagemutigen Leser:innen verabschieden. Weiterlesen „Hervé Le Tellier – Die Anomalie“

Ali Smith – Sommer

„Wie tief die Dunkelheit auch sei, wir müssen das Licht selbst mitbringen“ (Stanley Kubrick) – mit unter anderen diesem Motto beginnt Ali Smith ihren Roman Sommer und beendet mit ihm zugleich ihre großartige Jahreszeiten-Tetralogie. Herbst, Winter, Frühling waren für sich schon beeindruckende Bücher, die in die Dunkelheit unserer unruhigen Tage hinabstiegen und versuchten, sie zumindest streckenweise zu beleuchten. Mit Sommer rundet sich das ganze Werk auf überraschende und geniale Weise. Weiterlesen „Ali Smith – Sommer“

Natascha Wodin – Nastjas Tränen

Nastja ist um die Fünfzig, Tiefbauingenieurin aus Kiew, als sie sich auf die Anzeige der Erzählerin im neuen Buch von Natascha Wodin, Nastjas Tränen, meldet, die eine Putzhilfe sucht. Wie auch in ihren vorangegangenen Romanen Sie kam aus Mariupol und Irgendwo in diesem Dunkel,  in denen sie sich auf die Spuren ihrer Eltern begibt, steckt viel Autobiografisches in diesem Text. Weiterlesen „Natascha Wodin – Nastjas Tränen“

Andreas Moster – Kleine Paläste

„Es ist nicht das erste Mal, dass der Hund versucht, mich zu ermorden.“ Was für ein erster Satz, der sofort auf den neuen Roman von Andreas Moster, Kleine Paläste, neugierig macht. Und es ist nicht gespoilert, wenn ich verrate, dass es Lupus, sollte es wirklich seine Absicht gewesen sein, gelingt. Schon zu Beginn liegt Sylvia zerschmettert am Fuß der Treppe, die sie, über den dort liegenden Bullmastiff stolpernd, hinuntergestürzt ist, während ihr dementer Mann Carl im Wohnzimmer vor dem Fernseher im Rollstuhl sitzt. Weiterlesen „Andreas Moster – Kleine Paläste“

Roy Jacobsen – Die Kinder von Barrøy

Als 2019 Norwegen Gastland der Frankfurter Buchmesse war, erschienen, auch durch die tatkräftige Unterstützung der norwegischen Literaturförderung, zahlreiche großartige Romane neu in deutscher Übersetzung. Ich habe viele Autor:innen für mich entdeckt und eindrückliche Bücher gelesen. Eines davon war die Insel-Saga von Roy Jacobsen, deren ersten drei Teile unter dem Titel Die Unsichtbaren 2019 von C.H.Beck in einem Band zusammengefasst wurden. Die Geschichte der Bewohner von Barrøy, und hier vor allem von Ingrid, vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg war packend, informativ und sprachlich sehr gelungen. Sehr habe ich mich auf den vierten Teil des Epos von Roy Jacobsen gefreut, der nun als Die Kinder von Barrøy, ebenfalls bei Beck in der Übersetzung von Gabriele Haefs und Andreas Brunstermann erscheint. Weiterlesen „Roy Jacobsen – Die Kinder von Barrøy“

Kim Thúy – Großer Bruder kleine Schwester

Kim Thúy war zehn Jahre alt, als sie 1978 mit ihren Eltern als sogenannte „Boat People“ aus Vietnam nach Kanada floh. Dort studierte sie Recht und Sprachwissenschaften, arbeitete als Rechtsanwältin, Übersetzerin und als Gastronomin, wovon ihr wunderbar persönliches Kochbuch Das Geheimnis der vietnamesischen Küche zeugt. Und Kim Thúy begann 2009 schmale, zarte, autobiografisch inspirierte Romane zu schreiben, Der Klang der Fremde (2009), Der Geschmack der Sehnsucht (2013) und Die vielen Namen der Liebe (2016). Bereits 2019 konnte ich die Autorin in Leipzig treffen und bin seitdem ein großer Fan dieser herzlichen, klugen und engagierten Frau. Anlässlich des Gastlandauftritts Kanadas zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse war Kim Thúy mit ihrem neuen Buch Großer Bruder kleine Schwester Mitglied der Delegation vor Ort. Weiterlesen „Kim Thúy – Großer Bruder kleine Schwester“