War es bereits dieser verfluchte Stich der Biene, die sich ausgerechnet auf der Fahrt zum Traualtar unter Imeldas Schleier verfangen hat und unglücklich das Auge traf, so dass sich die Braut nur noch verschleiert zeigen konnte? Oder war es überhaupt diese weithin verurteilte Heirat von Imelda mit dem Bruder ihrer erst kürzlich tödlich verunglückten großen Liebe Frank, den sie eigentlich ehelichen wollte? Oder begann das ganze Unglück von Imelda und Dickie und ihrer beiden Töchtern schon viel früher, in Kindheit und Jugend? Paul Murray untersucht in seinem für die Shortlist des Booker Prize 2023 nominierten Roman Der Stich der Biene die Tragik und Komik, die im Leben der Familie Barnes stecken. Weiterlesen „Paul Murray – Der Stich der Biene“
Dana von Suffrin – Nochmal von vorne
Vor fünf Jahren wirbelte ein Debütroman durch die deutschen Feuilletons und in die Herzen der Lesenden, der voll Witz und Tragik war, turbulent und feinfühlig von einer deutsch-jüdischen Familie und besonders vom tyrannischen Vater Otto erzählte. Für Nochmal von vorn wählt die Autorin Dana von Suffrin ein sehr ähnliches Personal und Setting. Und arrangiert alles neu und erzählt eine Familiengeschichte, die deutlich autobiografische Züge trägt, auch wenn sie Fiktion ist, quasi „nochmal von vorn“. Weiterlesen „Dana von Suffrin – Nochmal von vorne“
Lektüre Mai 2024
Wetter technisch alles andere als ein Wonnemonat hat der Mai 2024 für mich doch eine ganze Reihe toller Bücher für die Lektüre geboten. Nur zufällig waren eine palästinensiche und eine jüdische Familiengeschichte darunter. Beide auf ihre Art tolle Bücher von tollen Autorinnen. Sowohlt Franziska Gänsler als auch Paul Murray wussten mich mit ihren Geschichten zu begeistern und der neue Liewe Cupido-Roman von Mathijs Deen bot wieder ruhige, spannende Unterhaltung. Ebenso an die Nordsee führte der Sylt-Roman von Silke von Bremen. Und Nora Krug erlaubte einen illustrierten Blick in die Kriegswirklichkeit in der Ukraine. Lediglich der neue Roman von Deniz Ohde hat mich doch arg enttäuscht. Gehörte ihr Debüt Streulicht doch zu einem meiner Favoriten 2020. Schließlich habe ich noch die klugen Aufzeichnungen von Gabriele von Arnim genossen. Wunderbar, dass ich sie auch auf einer Lesung zu ihrem neuen Buch Der Trost der Schönheit erleben durfte. Weiterlesen „Lektüre Mai 2024“
Franziska Gänsler – Wie Inseln im Licht
Wie Inseln im Licht ist der zweite, auf zarte und leichte Art tief berührende Roman der 1987 geborenen Autorin Franziska Gänsler. Sie variiert darin auf überraschende Art ein bekanntes Erzählszenario.
Die Mutter der 27jährigen Ich-Erzählerin Zoey ist nach langer, quälender Erkrankung, während der sie aufopferungsvoll von ihrer Tochter gepflegt wurde, gestorben. Die junge Frau flieht regelrecht an den einzigen Ort, den sie sich für die Bestattung vorstellen kann: die französische Atlantikküste. Dort hat sie mit der Mutter und ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Oda eine Weile gelebt, in der Erinnerung wunderschöne Kindheitssommer verbracht. Weiterlesen „Franziska Gänsler – Wie Inseln im Licht“
Nora Krug – Im Krieg
K. Nora Krug – Im Krieg
Seit dem 24. Februar kursiert der Begriff „Zeitenwende“. Und ja, nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine ist vieles nicht mehr so, wie es war. Ein Angriffskrieg in Europa schien trotz sich mehrender Anzeichen, trotz der immer autoritäreren Züge des russischen Regimes unter Putin, trotz erstarkendem Nationalismus vor allem in Osteuropa einfach nicht denkbar. Gab es nach den Grauen des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs doch ein entschiedenes Nie wieder! Nie wieder Judenhass, nie wieder Faschismus und nie wieder Krieg! Die Europäische Union, die Vereinten Nationen und der Weltsicherheitsrat – die Welt schien ihre Lehren aus dem Tod von geschätzt 60 Millionen Menschen gezogen zu haben. Sie wuchs zusammen. So dachte man zumindest im Westen oder wollte daran glauben, ungeachtet der unzähligen Konflikte weltweit. Weiterlesen „Nora Krug – Im Krieg“
Joana Osman – Wo die Geister tanzen
Bereits im Sommer 2023 erschien Wo die Geister tanzen von Joana Osman. Die 1982 in München geborene Tochter eines palästinensischen Vaters und einer deutschen Mutter verarbeitet darin die Geschichte ihrer Großeltern zu einem dichten, packenden Text. Die furchtbaren Entwicklungen, die den Nahen Osten seit den Massakern am 7. Oktober überrollt haben, waren da noch nicht absehbar. Das Buch war eine der relativ wenigen Stimmen, die uns Geschichten aus Palästina erzählen, von den Menschen, die dort lebten und die von dort flohen und nun verstreut in aller Welt leben – zum Beispiel von Joana Osmans Familie. Es ist eine der heute so wichtigen Stimmen, die nicht polarisieren, die Verständnis und Empathie sowohl für das palästinensische als auch das israelische Volk vermitteln. Osman ist Mitgründerin der Peace Factory, die sich dafür engagiert, dass sich Menschen im Nahen und Mittleren Osten auf Augenhöhe und freundschaftlich begegnen. Allen Widrigkeiten zum Trotz. Weiterlesen „Joana Osman – Wo die Geister tanzen“
Barbara Kingsolver – Demon Copperhead
Demon Copperhead? Da klingelt natürlich bei jedem Literaturliebhaber etwas. Und Barbara Kingsolver, die für ihren 860 Seiten starken Roman 2023 sowohl den Pulitzer Belletristik als auch den Women`s Prize for Fiction zugesprochen bekam, macht auch gar kein Geheimnis daraus, dass sie den berühmten David Copperfield von Charles Dickens als Folie für Demon Copperhead verwendet hat. Die sozial engagierte, realistisch erzählte Geschichte des Waisenjungen David aus dem Jahr 1850 und dem viktorianischen England in die 1990er und 2000er Jahre und in die abgehängte, als „Hillbilly-Provinz“ verachtete US-amerikanische Gebirgsregion der Appalachen zu transferieren, ist der 1955 geborenen und trotz zahlreicher Veröffentlichungen in Deutschland bisher nahezu unbekannten Kingsolver hervorragend gelungen.
Verlagsvorschauen Herbst 2024 – Neuerscheinungen
Alles neu macht der Mai – und schon sind die allermeisten Verlagsvorschauen für den kommenden Herbst 2024 bereits online und wie immer habe ich mich durch die Ankündigungen der Neuerscheinungen gearbeitet, wieder viel zu viele interessante Titel entdeckt und mich sehr schwer dabei getan, nur die für mich interessantesten hier für euch zusammenzustellen. Wie immer völlig subjektiv. Wie immer beschränkt auf literarische Titel.
Natürlich will auch ich bei dem gerade erst angekommenen Frühlingswetter nicht weiter an den kommenden Herbst denken. Und es stehen noch genügend Titel aus dem Frühjahrprogramm bereit, um mich über den Sommer zu tragen. Von der Backlist gar nicht zu reden. Aber dennoch locken die neuen Programme, schüren Vorfreude und geben der Neugier Nahrung. Weiterlesen „Verlagsvorschauen Herbst 2024 – Neuerscheinungen“
Lektüre April 2024
Ostern, eine wunderbare Woche in Venedig und das Lesefestival „Frankfurt liest ein Buch“ liegen nun auch schon wieder hinter mir. Letzteres brachte mir einen wunderbaren Einblick in das „Neue Frankfurt“, eine Architektur- und Designinitiative die seit den späten 1920er Jahren ein neues, demokratisches und gesundes Bauen für große Bevölkerungsgruppen umsetzte und damit aber auch Städteplanung, Grünflächenplanung und Design umfasste. Unter Bürgermeister Ludwig Landmann und den Architekten Ernst May und Martin Elsässer entstanden so erstaunliche Bereiche, die auch heute noch das frankfurter Stadtbild prägen, hinter dem „Mainhattan“-Bild der Stadt aber doch ziemlich untergehen. Für mich war das eine Entdeckungstour im wahrsten sinn und ich war auf vier Veranstaltungen und einer privaten Streiftour durch die Stadt. Wenn es die Zeit erlaubt, mache ich dazu gern einen Beitrag. Das Buch, das gelesen wurde, war übrigens „Zebras im Schnee“ von Florian Wacker.
Auch sonst standen interessante und teils recht umfangreiche Bücher auf der Liste meiner Lektüre im April 2024. Weiterlesen „Lektüre April 2024“
Elizabeth Strout – Am Meer
Es gibt Autor:innen, die mich mit ihren Büchern schon lange Zeit begleiten und die dadurch nicht nur zu Lieblingschriftsteller:innen, sondern auch zu einer Art literarischem Zuhause geworden sind. Richard Ford zählt gewiss dazu mit seinen Frank Bascombe-Romanen und auch Stewart O´Nan mit seiner Familie Maxwell. Und natürlich Elizabeth Strout, die nach meinem Dafürhalten immer noch ein wenig unterschätzt wird, zumindest hier in Deutschland. Sie ist weiblich, und dazu noch eine Weiße von der Ostküste fortgeschrittenen Alters (Jahrgang 1956). Außerdem pflegt sie einen lockeren, leicht zu lesenden Plauderton und erzählt überwiegend von Alltagsdingen. Aber Elizabeth Strout nimmt sich in all ihren Werken, und das ist in ihrem neuesten, Am Meer, nicht anders, die ganz großen Dinge zum Thema. Denn sie schreibt, um mal bei einem ihrer deutschen Titel zu bleiben, vom Leben natürlich. Weiterlesen „Elizabeth Strout – Am Meer“









