Die britische Autorin Ali Smith schreibt wundersame, schwebende und ungemein poetische Romane. Mit ihrem Jahreszeiten-Quartett Herbst, Winter, Frühjahr und Sommer hat sie dies mit der Schilderung ganz aktueller Vorgänge in ihrem Heimatland verbunden. „Companion-Piece“ ist nun ihr aktuellster Roman im Original betitelt. Mehrdeutig kann er damit ein „Begleitstück“ zu diesen vier Büchern sein. Im Deutschen musste sich die Übersetzerin Silvia Morawetz auf eine Bedeutung festlegen und wählte für den Text von Ali Smith den Titel Gefährten. Weiterlesen „Ali Smith – Gefährten“
Ingke Brodersen – Lebewohl Martha
Anfang der 1990er Jahre zog Ingke Brodersen mit ihrer Familie in eine Altbauwohnung in Berlin Schöneberg. Eine helle, geräumige Wohnung im vierten Stock in der Berchtesgadener Straße 37. Vor dem Haus im Pflaster eingelassen befindet sich einer jener Stolpersteine, die an ehemalige jüdische Bewohner:innen erinnert, die Opfer der Verfolgung durch die Nationalsozialisten wurden. 1993 wurden hier im Bayerischen Viertel in einem Projekt Tafeln aufgehängt, die Inhalte von nationalsozialistischen Gesetzen und Verordnungen zeigen, mit denen die Entrechtung der Juden in Deutschland vorangetrieben wurde. Dies war für die Historikerin und ehemalige Leiterin des Rowohlt Berlin-Verlags Ingke Brodersen der Impuls, der Geschichte der einst in ihrem Wohnhaus lebenden Menschen nachzuforschen – und daraus entstand ihr berührendes Buch Lebewohl, Martha.
Maud Martha von Gwendolyn Brooks – Ein Interview
Ein Gespräch mit Manesse Verleger Dr. Horst Lauinger und Übersetzerin Andrea Ott zum einzigen Roman der ersten Schwarzen Pulitzerpreisträgerin Gwendolyn Brooks
Beim diesjährigen Literaricum in Lech am Arlberg drehte sich alles um den 1813 entstandenen Roman Stolz und Vorurteil von Jane Austen. Im Manesse Verlag erschien 2003 die viel gelobte Neuübersetzung von Andrea Ott. Auf der Bühne mit dem Verleger Dr. Horst Lauinger verriet Andrea Ott in einem sehr interessanten und kurzweiligen Gespräch einiges über die Schwierigkeiten beim Übersetzen eines 200 Jahre alten Textes. Im Anschluss durfte ich mich mit beiden über ein jüngst ebenfalls in der Übersetzung von Andrea Ott erschienenes Buch unterhalten, das mich persönlich sehr begeistert hat: Maud Martha von Gwendolyn Brooks. Weiterlesen „Maud Martha von Gwendolyn Brooks – Ein Interview“
Dinçer Güçyeter – Unser Deutschlandmärchen
Ein Debütroman, ein unabhängiger Kleinverlag, ein Autor, der gleichzeitig Verleger, Theatermacher, Schauspieler und Gabelstaplerfahrer ist und aus einer Arbeiterfamilie mit Migrationserfahrung stammt – der Preis der Leipziger Buchmesse ging 2023 an Dinçer Güçyeter für seinen autobiografisch gefärbten Roman Unser Deutschlandmärchen. Auch wenn es darin um Güçyeters Familie und vor allem die Frauen in ihr geht, handelt es sich nicht um einen klassischen Familienroman. Der Lyriker Güçyeter, der 2022 für seinen Gedichtband Mein Prinz, ich bin das Ghetto den Peter-Huchel-Preis verliehen bekommen hat, webt ein äußerst vielfältiges Gewebe, in dem der zentrale Mutter-Sohn-Dialog zu einer Collage aus Gedichten, Prosatexten, Chören und Theaterszenen erweitert wird. Weiterlesen „Dinçer Güçyeter – Unser Deutschlandmärchen“
Wolfgang Schiffer Dinçer Güçyeter (Hrsg.) – Türschwellenkinder
Türschwellenkinder ist der von Wolfgang Schiffer und Dinçer Güçyeter herausgegebene Sammelband betitelt, in dem 26 Menschen „über die Arbeit der Eltern“ erzählen. Türschwellenkinder, das erinnert an die einst so genannten Schlüsselkinder, die nach der Schule allein in die elterliche Wohnung zurückkehrten, einen eigenen Schlüssel besaßen – lang vor Nachmittagsbetreuung und Ganztagsschule. Ein bisschen wurden sie bedauert, weil kein frisch gekochtes Mittagessen und sich kümmernde Elternteile, fast ausschließlich Mütter, auf sie warteten, heimlich aber auch ein wenig beneidet wegen ihrer größeren Freiheit und Selbstständigkeit. Weiterlesen „Wolfgang Schiffer Dinçer Güçyeter (Hrsg.) – Türschwellenkinder“
Literaricum Lech 2023 – Auf dem Berg mit Jane Austen (Teil 2)
Der Samstag (15. Juli 2023) beim Literaricum Lech begann – mittlerweile schon eine Tradition – bei bestem Wetter. Strahlend blauer Himmel hieß die Literaturfreundinnen und -freunde auf der 2000m hoch in blühenden Bergwiesen gelegenen Kriegeralpe willkommen. Eine sportliche Wanderung oder der bequeme Sessellift führten zur Antike auf den Bergen. Raoul Schrott präsentierte die Theogonie von Hesiod. Dieser um 700 v. Chr. entstandene und somit neben Homers Ilias und Odyssee zu den ältesten Quellen der griechischen Mythologie gehörende Text erzählt von der Entstehung der Welt, der Menschen, den Göttern und Göttinnen. Wobei Schrott gleich zu Beginn darauf hinwies, dass wir es mit einem sehr misogynen Text zu tun haben, auch wenn er mit den Musen beginnt, die dem Dichter den berühmten Lorbeerzweig überreichen, der den Poeta laureatus auszeichnet, welcher am kommenden Tag ja auch hier in Lech zum ersten Mal gekürt werden sollte. Weiterlesen „Literaricum Lech 2023 – Auf dem Berg mit Jane Austen (Teil 2)“
Literaricum Lech 2023 – Auf dem Berg mit Jane Austen (Teil 1)
In der vergangenen Woche (13. bis 16. Juli 2023) fand in Lech am Arlberg die dritte Ausgabe des Literaricum Lech statt. In der herrlichen Landschaft der Vorarlberger Hochalpen treffen sich auf über 1750 Metern Höhe Literat:innen, Kritiker:innen und interessiertes Lesepublikum um sich wie jedes Jahr einem Klassiker der Weltliteratur an drei Festivaltagen aus verschiedenen Perspektiven zu nähern. Nach eigenem Motto wird Bildung und Unterhaltung auf hohem Niveau geboten. Das kann ich uneingeschränkt bestätigen. Eingeladen von Lech Zürs Torismus und bestens umsorgt von den Mitarbeitern des Burg Hotel in Oberlech, konnte ich drei Tage lang interessante und hochkarätige Veranstaltungen rund um Janes Austens Klassiker Stolz und Vorurteil besuchen, mit den Autor:innen und Pressekolleg:innen sprechen und tolle Leute kennenlernen. Das Wetter spielte auch mit, nach anfänglichem Regen strahlte die Sonne und verbreitete richtiges Feriengefühl. Lediglich meine Anreise war durch die Unwetter in Süddeutschland am Vorabend eine wirkliche Herausforderung, klappte aber Dank Sammeltaxi von Ulm nach Bregenz dann doch erstaunlich gut. Weiterlesen „Literaricum Lech 2023 – Auf dem Berg mit Jane Austen (Teil 1)“
Katrin Seddig – Nadine
Wut – ist das erste Wort, das mir zum neuen Roman von Katrin Seddig, Nadine, einfällt. Seine Protagonistin, 50 plus, verheiratet, Anwaltsgehilfin, ist seit Kindertagen voll mit einer unbändigen, meist erfolgreich unterdrückten Wut. Aber manchmal, besonders wenn Nadine nicht weiter weiß, entlädt sich diese Wut, oft auch in Gewalt. Da wird geschubst, gekratzt, geschlagen. „Mangelnde Impulskontrolle“ wird dem Vater schon während der Schulzeit mitgeteilt, sei Nadines großes Problem. Und der Vater, der seit ihrem zehnten Lebensjahr die Tochter allein erzieht, nachdem ihre Mutter die Familie Hals über Kopf verlassen hat, und selbst vaterlos aufwuchs, ist überfordert, reagiert seinerseits mit drastischen Maßnahmen, beispielsweise der „Kammer“, in die er Nadine immer wieder einschließt. Weiterlesen „Katrin Seddig – Nadine“
Gwendolyn Brooks – Maud Martha
Ein sehr begrüßenswerter Trend geht weiter: in Deutschland ungehörte, übergangene, vorwiegend weibliche, oft Schwarze Stimmen werden endlich – oft nach Jahrzehnten – übersetzt. In der Verlagsbranche und bei den Leser:innen ist in den letzten Jahren das Interesse an solchen Texten enorm gewachsen, weshalb es viele spannende Neu- und Wiederveröffentlichungen zu entdecken gibt. Ein Beispiel dafür ist der bei Manesse erschienene Roman Maud Martha von Gwendolyn Brooks in der sehr gelungenen Übersetzung von Andrea Ott. Weiterlesen „Gwendolyn Brooks – Maud Martha“
Donna Leon – Wie die Saat so die Ernte
Nach einigen recht melancholischen Bänden ihrer Commissario Brunetti-Reihe überrascht es beinehe, dass der neue Roman von Donna Leon fast ein wenig heiter daherkommt, obwohl sich die mittlerweile achtzigjährige Autorin in ihrem 32. Fall einem dunklen Kapitel der jüngeren italienischen Geschichte widmet, Wie die Saat, so die Ernte. Weiterlesen „Donna Leon – Wie die Saat so die Ernte“









