Zora del Buono – Seinetwegen

Seinetwegen von der Architektin, Kulturredakteurin und Autorin Zora del Buono ist das Buch einer Recherche, einer Spurensuche nach dem im August 1963 bei einem Autounfall ums Leben gekommenen Vater Manfredi del Buono. Der aus Süditalien stammende Manfredi (del Buono hat in ihrem letzten Buch Die Marschallin über dessen slowenische Mutter geschrieben), ein 33jähriger Röntgen-Oberarzt am Kantonsspital Zürich war mit seinem Schwager in dessen VW-Käfer unterwegs, als in einer unübersichtlichen Rechtskurve ein überholender Chevrolet frontal in sie hineinkrachte. Schwager und Unfallverursacher überlebten leichtverletzt, Zora del Buonos Vater erlitt einen Genickbruch und starb. Weiterlesen „Zora del Buono – Seinetwegen“

Sara Klatt – Das Land, das ich dir zeigen will

Sara Klatt, die Autorin von Das Land, das ich dir zeigen will, ist 1990 in Hamburg geboren und dort aufgewachsen. Ihr Großvater wanderte nach dem Krieg von Berlin nach Israel aus, wurde dort aber nicht heimisch. Schon früh erzählte er seiner Enkelin von dort. Sie stellt ein Motto aus der Bibel ihrem Roman voran, der unverhohlen Autobiografisches erzählt.

„Und der Herr sprach zu Abraham:
Gehe aus deinem Vaterland und von deiner
Freundschaft und aus deines Vaters Hause
in ein Land, das ich dir zeigen will.“

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Jhumpa Lahiri – Das Wiedersehen

Jhumpa Lahiri wurde 1967 als Tochter bengalischer Eltern in London geboren und wuchs in Rhode Island auf. Bereits ihr literarisches Debüt, die Kurzgeschichtensammlung Melancholie der Ankunft, wurde ein großer Erfolg und wurde 2000 mit dem Pulitzer Prize ausgezeichnet. Lahiri lebte mit ihrer Familie einige Zeit in Rom und bezeichnet das Italienische als ihre Wahlsprache, in der sie bereits den letzten Roman Wo ich mich finde verfasst hat. Nun hat Jhumpa Lahiri auch die Römischen Geschichten in Das Wiedersehen auf Italienisch geschrieben, die von Julika Brandestini ins Deutsche übersetzt wurden. Weiterlesen „Jhumpa Lahiri – Das Wiedersehen“

Maria Leitner – Hotel Amerika

In der Buchreihe „Reclam´s Klassikerinnen ist in diesem Jahr ein Buch (wieder)erschienen, dass sehr passend zu meiner letzten Lektüre, Uwe Wittstocks Marseille 1940 ist. Die Autorin von Hotel Amerika, die 1892 geborene, deutschsprachige Ungarin Maria Leitner, musste selbst als Jüdin Deutschland und 1940 dann auch das besetzte Paris verlassen. Ihr gelang zwar die Flucht aus dem Internierungslager Gurs in Südfrankreich, am 14. März 1942 starb sie aber in Marseille in der Psychiatrie an Hunger. Ihr war die Ausreise trotz Unterstützung von Varian Fry nicht gelungen. Die USA gewährten ihr als erklärter „Linken“ (ihre Brüder waren 1919 Mitglieder der kurzlebigen ungarischen Räterepublik) kein Visum, obwohl sie auf der Liste des Emergency Rescue Committees stand. Weiterlesen „Maria Leitner – Hotel Amerika“

Stumme Zeit – Mit Silke von Bremen durch Keitum

Die Heimatforscherin und Sylt-Gästeführerin Silke von Bremen hat mit Stumme Zeit einen Deütroman geschrieben, der zurück in die 1970er Jahre führt, als der Massentourismus begann, die Insel zu erobern. In langen Rückblicken führt er aber auch in eine sehr dunkle, in die stumme Zeit des Nationalsozialismus. Hauptprotagonistin ist Helma, die seit ihrer Geburt 1936 in einem Dorf auf Sylt lebt. Die Lage nahe dem Wattenmeer und die Präsenz von vielen alten Kapitänshäusern lässt auf das Dorf Keitum schließen, einst Hauptstadt von Sylt und ein Stück lebendige Inselgeschichte aus der Zeit des 18. Jahrhundert, als der Walfang noch die Haupterwerbsquelle von Sylt war. Weiterlesen „Stumme Zeit – Mit Silke von Bremen durch Keitum“

Deniz Ohde – Ich stelle mich schlafend

2020 erschien der Debütroman Streulicht und schaffte es nicht nur auf die Auswahlliste zum Deutschen Buchpreis, erhielt den Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung und den aspekte-Literaturpreis, sondern gewann auch den Literaturpreis für Blogger:innen Das Debüt, in dessen Jury ich damals mitwirken durfte, und wurde 2022 das Buch für das von mir sehr geliebte Lesefestival „Frankfurt liest ein Buch“. Ich war deshalb megagespannt auf den neuen Roman von Deniz Ohde, Ich stelle mich schlafend. Einige fundierte, aber negative Rezensionen, eine Lesung mit der Autorin, die mich leider nicht ganz überzeugen konnte, und ein Klappentext, der mich nur relativ mäßig interessierte, konnten mich nicht davon abhalten, mich auf das Buch zu freuen. Leider hat es mich dann letztendlich aber doch enttäuscht. Weiterlesen „Deniz Ohde – Ich stelle mich schlafend“

Dana von Suffrin – Nochmal von vorne

Vor fünf Jahren wirbelte ein Debütroman durch die deutschen Feuilletons und in die Herzen der Lesenden, der voll Witz und Tragik war, turbulent und feinfühlig von einer deutsch-jüdischen Familie und besonders vom tyrannischen Vater Otto erzählte. Für Nochmal von vorn wählt die Autorin Dana von Suffrin ein sehr ähnliches Personal und Setting. Und arrangiert alles neu und erzählt eine Familiengeschichte, die deutlich autobiografische Züge trägt, auch wenn sie Fiktion ist, quasi „nochmal von vorn“. Weiterlesen „Dana von Suffrin – Nochmal von vorne“

Franziska Gänsler – Wie Inseln im Licht

Wie Inseln im Licht ist der zweite, auf zarte und leichte Art tief berührende Roman der 1987 geborenen Autorin Franziska Gänsler. Sie variiert darin auf überraschende Art ein bekanntes Erzählszenario.

Die Mutter der 27jährigen Ich-Erzählerin Zoey ist nach langer, quälender Erkrankung, während der sie aufopferungsvoll von ihrer Tochter gepflegt wurde, gestorben. Die junge Frau flieht regelrecht an den einzigen Ort, den sie sich für die Bestattung vorstellen kann: die französische Atlantikküste. Dort hat sie mit der Mutter und ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Oda eine Weile gelebt, in der Erinnerung wunderschöne Kindheitssommer verbracht. Weiterlesen „Franziska Gänsler – Wie Inseln im Licht“

Joana Osman – Wo die Geister tanzen

Bereits im Sommer 2023 erschien Wo die Geister tanzen von Joana Osman. Die 1982 in München geborene Tochter eines palästinensischen Vaters und einer deutschen Mutter verarbeitet darin die Geschichte ihrer Großeltern zu einem dichten, packenden Text. Die furchtbaren Entwicklungen, die den Nahen Osten seit den Massakern am 7. Oktober überrollt haben, waren da noch nicht absehbar. Das Buch war eine der relativ wenigen Stimmen, die uns Geschichten aus Palästina erzählen, von den Menschen, die dort lebten und die von dort flohen und nun verstreut in aller Welt leben – zum Beispiel von Joana Osmans Familie. Es ist eine der heute so wichtigen Stimmen, die nicht polarisieren, die Verständnis und Empathie sowohl für das palästinensische als auch das israelische Volk vermitteln. Osman ist Mitgründerin der Peace Factory, die sich dafür engagiert, dass sich Menschen im Nahen und Mittleren Osten auf Augenhöhe und freundschaftlich begegnen. Allen Widrigkeiten zum Trotz. Weiterlesen „Joana Osman – Wo die Geister tanzen“

Barbara Kingsolver – Demon Copperhead

Demon Copperhead? Da klingelt natürlich bei jedem Literaturliebhaber etwas. Und Barbara Kingsolver, die für ihren 860 Seiten starken Roman 2023 sowohl den Pulitzer Belletristik als auch den Women`s Prize for Fiction zugesprochen bekam, macht auch gar kein Geheimnis daraus, dass sie den berühmten David Copperfield von Charles Dickens als Folie für Demon Copperhead verwendet hat. Die sozial engagierte, realistisch erzählte Geschichte des Waisenjungen David aus dem Jahr 1850 und dem viktorianischen England in die 1990er und 2000er Jahre und in die abgehängte, als „Hillbilly-Provinz“ verachtete US-amerikanische Gebirgsregion der Appalachen zu transferieren, ist der 1955 geborenen und trotz zahlreicher Veröffentlichungen in Deutschland bisher nahezu unbekannten Kingsolver hervorragend gelungen.

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