Drago Jančar – Als die Welt entstand

Der Krieg ist seit mehr als 15 Jahren zu Ende. Und doch lebt er in den Köpfen der Menschen, vor allem der Männer, weiter und bestimmt den Alltag der Menschen in der Volksrepublik Slowenien,  Teilstaat der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien, auch noch Anfang der 1960er Jahre. In dieser Zeit wächst Danijel auf, den man bei aller Fiktionalität als ein Alter Ego des 1948 geborenen Autors Drago Jančar ansehen kann und der im Alter von 12 Jahren die Ordnung seiner Welt und die eigene Ordnung in ihr erlebt, die Zeit, als für ihn die Welt entstand. Weiterlesen „Drago Jančar – Als die Welt entstand“

Karen Gershon – Das Unterkind

Schon sehr früh fühlt sich die kleine Käthe Löwenthal (der Geburtsname von Karen Gershon) als das Unterkind der wohlhabenden jüdischen Familie aus Bielefeld. Die beiden Schwestern, die sehr bewunderte Anne und die vielgeliebte Lise sind zwei bzw. ein Jahr älter. Und schon seit jüngsten Jahren

„hetzt (sie) sich ab, physisch, aber auch im übertragenen Sinn, um ihre Schwestern einzuholen. Die Tatsache, dass es ihr nie gelang, hat sie wohl zu der Überzeugung gebracht, ein Unterkind zu sein, und das schon vor ihrem zehnten Lebensjahr, in dem die Nazis an die Macht kamen.“ Weiterlesen „Karen Gershon – Das Unterkind“

Anne Berest – Die Postkarte

Seit über zwei Jahren steht der Roman Die Postkarte der 1979 geborenen französischen Schauspielerin und Regisseurin Anne Berest auf den Bestsellerlisten in Frankreich. 2021 war er für mehrere große Literaturpreise des Landes nominiert, u.a. auch für den Prix Goncourt. Der Skandal darum, dass ein Mitglied der Jury den Roman im Vorfeld in der Zeitung Le Monde verrissen hat und gleichzeitig mit einem der Mitbewerber liiert ist, hat dem Buch zumindest bei den Leser:innen nicht geschadet. Glücklicherweise, denn die Geschichte der eigenen Recherche der Autorin zu ihrer Familie, die weit in die dunklen Jahre der deutschen Besetzung und der Shoa führen, verdient es von vielen gelesen zu werden. Weiterlesen „Anne Berest – Die Postkarte“

Dinçer Güçyeter – Unser Deutschlandmärchen

Ein Debütroman, ein unabhängiger Kleinverlag, ein Autor, der gleichzeitig Verleger, Theatermacher, Schauspieler und Gabelstaplerfahrer ist und aus einer Arbeiterfamilie mit Migrationserfahrung stammt – der Preis der Leipziger Buchmesse ging 2023 an Dinçer Güçyeter für seinen autobiografisch gefärbten Roman Unser Deutschlandmärchen. Auch wenn es darin um Güçyeters Familie und vor allem die Frauen in ihr geht, handelt es sich nicht um einen klassischen Familienroman. Der Lyriker Güçyeter, der 2022 für seinen Gedichtband Mein Prinz, ich bin das Ghetto den Peter-Huchel-Preis verliehen bekommen hat, webt ein äußerst vielfältiges Gewebe, in dem der zentrale Mutter-Sohn-Dialog zu einer Collage aus Gedichten, Prosatexten, Chören und Theaterszenen erweitert wird. Weiterlesen „Dinçer Güçyeter – Unser Deutschlandmärchen“

Katrin Seddig – Nadine

Wut – ist das erste Wort, das mir zum neuen Roman von Katrin Seddig, Nadine, einfällt. Seine Protagonistin, 50 plus, verheiratet, Anwaltsgehilfin, ist seit Kindertagen voll mit einer unbändigen, meist erfolgreich unterdrückten Wut. Aber manchmal, besonders wenn Nadine nicht weiter weiß, entlädt sich diese Wut, oft auch in Gewalt. Da wird geschubst, gekratzt, geschlagen. „Mangelnde Impulskontrolle“ wird dem Vater schon während der Schulzeit mitgeteilt, sei Nadines großes Problem. Und der Vater, der seit ihrem zehnten Lebensjahr die Tochter allein erzieht, nachdem ihre Mutter die Familie Hals über Kopf verlassen hat, und selbst vaterlos aufwuchs, ist überfordert, reagiert seinerseits mit drastischen Maßnahmen, beispielsweise der „Kammer“, in die er Nadine immer wieder einschließt. Weiterlesen „Katrin Seddig – Nadine“

Susanne Gregor – Wir werden fliegen

Ein Geschwisterroman, eine Flucht- und Migrationsgeschichte, ein Text über das Fortgehen und (Nicht)Ankommen, über die Suche nach Identität, Zugehörigkeit und den eigenen Weg im Leben – all das vereint Susanne Gregor in ihrem neuen Roman Wir werden fliegen, der an ihr voriges Buch Das letzte rote Jahr anknüpft, sich aber auch ganz wunderbar ohne Vorwissen lesen lässt (ich habe vom Vorgänger auch erst nach dem Lesen erfahren). Weiterlesen „Susanne Gregor – Wir werden fliegen“

Sylvie Schenk – Maman

Bereits in Schnell, dein Leben und Eine gewöhnliche Familie hat uns Sylvie Schenk, 1944 in Chambéry, Frankreich, geboren, seit 1966 in Deutschland lebend und auf Deutsch schreibend, Einblicke in ihre Familie gegeben, jetzt hat sie sich mit Maman auf ihre Mutter konzentriert, mit der sie eine nicht leichte Beziehung verband.

„Unsere Mutter, die sprach nur mit der Wäsche und mit Babys.“

Unnahbar war diese Mutter, verschlossen und distanziert bis gleichgültig ihren Kindern gegenüber. Zärtlichkeiten und Vertrautheit gab es wenig und die Kinder, zumindest die kleine Sylvie, spürten schon bald, dass die Mutter nicht glücklich war, nicht in ihrer Ehe, nicht in ihrer Mutterrolle, nicht als doch recht gut situierte Zahnarztgattin in Lyon. Da gab es etwas, dass sie von ihrem Glück abhielt, über das sie aber beharrlich schwieg. Erst nach ihrem Tod erfahren Sylvie und ihre vier Geschwister, wer diese Frau eigentlich wirklich war, welche Gespenster aus der Vergangenheit ihr zeitlebens nachhingen. Weiterlesen „Sylvie Schenk – Maman“

Lisa Weeda – Aleksandra

Zahlreiche Bücher erscheinen zurzeit in Deutschland über die Ukraine und zeigen ein bisher eher zurückhaltendes Interesse an osteuropäischer Literatur. Meistens beschäftigen sich die Autor:innen anhand von mehr oder weniger fiktionalisierten Familiengeschichten mit der Geschichte der Ukraine und ihren meist unheilvollen Beziehungen zum großen Nachbarn Russland. So auch die 1989 in Rotterdam geborene niederländische Autorin Lisa Weeda, die großmütterlicherseits aus der Ukraine abstammt, mit ihrem Roman Aleksandra, der wenige Monate vor dem Beginn des Angriffskriegs Russlands im Original erschien. Weiterlesen „Lisa Weeda – Aleksandra“

Victoria Belim – Rote Sirenen

In Folge des furchtbaren Angriffskriegs auf die Ukraine erscheinen im Moment erfreulicherweise zahlreiche Bücher über das Land und/oder von ukrainischen Autor:innen. Eines davon ist das Memoir der 1978 dort geborenen Victoria Belim. Aufgewachsen in der Gegend von Poltawa, ca. 140 km südöstlich von Charkiw, ging Belim in Kiew zur Schule, besuchte ein Internat auf der Krim und verließ mit 14 Jahren zusammen mit ihrer Mutter die Ukraine Richtung USA. Bereits sechs Jahre zuvor hatten sich die Eltern getrennt, der Vater lebte auch in Amerika. Belim spricht 18 Sprachen und hat in Yale Politikwissenschaften studiert. Heute lebt sie in Belgien. Nachdem sie lange Zeit eher lose Bindungen zu ihrem Heimatland verspürt hat, waren die Ereignisse 2014 für sie der Impuls, sich wieder intensiver mit ihm auseinanderzusetzen. Wie sehr sich das Verhältnis von Victoria Belim zur Ukraine und zu ihrer dort lebenden Großmutter Valentina verändert hat, erzählt sie in Rote Sirenen. Weiterlesen „Victoria Belim – Rote Sirenen“

Marc Sinan – Gleißendes Licht

Marc Sinan – Gleißendes Licht

„Er hätte ein großer Dichter des zwanzigsten Jahrhunders werden sollen, doch der Krieg kommt über die Menschen und nimmt sie sich, als stünden sie ihm genauso hilflos gegenüber wie dem Lauf der Gestirne. Dabei sind sie selbst der Krieg, und die Gestirne sind die Gestirne.“

Mit dem Gedicht eines unbekannten deutschen Grenadiers aus dem Schützengraben des Ersten Weltkriegs – aus dem Jahr 1915, jenem Jahr, in dem das osmanische Reich den Völkermord an den Armeniern verübte – beginnt der 1976 geborene Musiker und nun auch Autor Marc Sinan seinen an autobiografischen Parallelen ausgerichteten Roman Das gleißende Licht. Weiterlesen „Marc Sinan – Gleißendes Licht“