Der Slowene Roman Rozina entrollt mit seinem fast 600 Seiten starken Roman Hundert Jahre Blindheit ein großes Familientableau. Und ja, die Referenz zum großen Kolumbianer Gabriel García Márquez ist durchaus beabsichtigt, auch wenn bei Rozina kein magischer Realismus zu finden ist, sondern die Geschichte realistisch und chronologisch erzählt wird. Weiterlesen „Roman Rozina – Hundert Jahre Blindheit“
Schlagwort: Familie
Richard Ford – Valentinstag
Wenn ich nach meinem Lieblingsautor/meiner Lieblingsautorin gefragt werde, muss ich immer ausweichen. Die vielen Bücher, die ich übers Jahr verteilt und das schon einige Jahrzehnte lang lese, haben mich so viele wunderbare, begnadete, empathische Schriftsteller:innen kennenlernen lassen, dass ich diese Frage einfach nicht beantworten kann. Sollte der Fragesteller allerdings zu Werkzeugen der peinlichen Befragung greifen, dann könnte es durchaus sein, dass der Name Richard Ford fällt. Seitdem der 1944 geborene US-Amerikaner 1989 (Original 1986) mit Der Sportreporter seinen Helden Frank Bascombe in die literarische Welt entließ, begleitet dieser in relativ regelmäßigen, meist ca. zehnjährigen Abständen mein Leseleben. Höhepunkt war vielleicht bereits 1995 der zweite Roman, Unabhängigkeitstag, mit dem Ford sowohl den Pulitzer-Preis als auch den PEN/Faulkner Award gewann. 2006 folgte Die Lage des Landes, 2015 Frank. Mit letzterem, vier zu einem Roman zusammengefassten Novellen, schien die Bascombe-Reihe beendet. Wie wunderbar und großartig, dass Richard Ford nun mit Valentinstag doch noch einmal, wenn auch wohl zum wirklich letzten Mal, nachgelegt hat. Weiterlesen „Richard Ford – Valentinstag“
Wolf Haas – Eigentum
Manchen Autor:innen vertraue ich nahezu blind. Der Österreicher Wolf Haas, bekannt geworden durch seine mittlerweile neun Brenner-„Krimis“ mit dem so typischen, genialen Sound, gehört sicher dazu und deswegen habe ich zu Beginn seines neuen Romans Eigentum nur ganz kurz gezaudert wegen des ziemlich flapsigen Tons, mit dem der Erzähler vom Sterben der Mutter Marianne Haas erzählt. Unangemessen? Respektlos? Keineswegs. Wolf Haas ist nicht nur Träger zahlreicher Krimipreise, sondern auch des angesehenen Wilhelm-Rabe-Literaturpreises. Der Mann kann Literatur, und wie. Und so schafft er hinter einem ganz eigenen, stark rhythmisierten und hochkomischen Ton ein von großem Respekt und Ernst durchdrungenes, sehr anrührendes Porträt einer nicht ganz einfachen Frau. Weiterlesen „Wolf Haas – Eigentum“
Drago Jančar – Als die Welt entstand
Der Krieg ist seit mehr als 15 Jahren zu Ende. Und doch lebt er in den Köpfen der Menschen, vor allem der Männer, weiter und bestimmt den Alltag der Menschen in der Volksrepublik Slowenien, Teilstaat der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien, auch noch Anfang der 1960er Jahre. In dieser Zeit wächst Danijel auf, den man bei aller Fiktionalität als ein Alter Ego des 1948 geborenen Autors Drago Jančar ansehen kann und der im Alter von 12 Jahren die Ordnung seiner Welt und die eigene Ordnung in ihr erlebt, die Zeit, als für ihn die Welt entstand. Weiterlesen „Drago Jančar – Als die Welt entstand“
Karen Gershon – Das Unterkind
Schon sehr früh fühlt sich die kleine Käthe Löwenthal (der Geburtsname von Karen Gershon) als das Unterkind der wohlhabenden jüdischen Familie aus Bielefeld. Die beiden Schwestern, die sehr bewunderte Anne und die vielgeliebte Lise sind zwei bzw. ein Jahr älter. Und schon seit jüngsten Jahren
„hetzt (sie) sich ab, physisch, aber auch im übertragenen Sinn, um ihre Schwestern einzuholen. Die Tatsache, dass es ihr nie gelang, hat sie wohl zu der Überzeugung gebracht, ein Unterkind zu sein, und das schon vor ihrem zehnten Lebensjahr, in dem die Nazis an die Macht kamen.“ Weiterlesen „Karen Gershon – Das Unterkind“
Anne Berest – Die Postkarte
Seit über zwei Jahren steht der Roman Die Postkarte der 1979 geborenen französischen Schauspielerin und Regisseurin Anne Berest auf den Bestsellerlisten in Frankreich. 2021 war er für mehrere große Literaturpreise des Landes nominiert, u.a. auch für den Prix Goncourt. Der Skandal darum, dass ein Mitglied der Jury den Roman im Vorfeld in der Zeitung Le Monde verrissen hat und gleichzeitig mit einem der Mitbewerber liiert ist, hat dem Buch zumindest bei den Leser:innen nicht geschadet. Glücklicherweise, denn die Geschichte der eigenen Recherche der Autorin zu ihrer Familie, die weit in die dunklen Jahre der deutschen Besetzung und der Shoa führen, verdient es von vielen gelesen zu werden. Weiterlesen „Anne Berest – Die Postkarte“
Dinçer Güçyeter – Unser Deutschlandmärchen
Ein Debütroman, ein unabhängiger Kleinverlag, ein Autor, der gleichzeitig Verleger, Theatermacher, Schauspieler und Gabelstaplerfahrer ist und aus einer Arbeiterfamilie mit Migrationserfahrung stammt – der Preis der Leipziger Buchmesse ging 2023 an Dinçer Güçyeter für seinen autobiografisch gefärbten Roman Unser Deutschlandmärchen. Auch wenn es darin um Güçyeters Familie und vor allem die Frauen in ihr geht, handelt es sich nicht um einen klassischen Familienroman. Der Lyriker Güçyeter, der 2022 für seinen Gedichtband Mein Prinz, ich bin das Ghetto den Peter-Huchel-Preis verliehen bekommen hat, webt ein äußerst vielfältiges Gewebe, in dem der zentrale Mutter-Sohn-Dialog zu einer Collage aus Gedichten, Prosatexten, Chören und Theaterszenen erweitert wird. Weiterlesen „Dinçer Güçyeter – Unser Deutschlandmärchen“
Katrin Seddig – Nadine
Wut – ist das erste Wort, das mir zum neuen Roman von Katrin Seddig, Nadine, einfällt. Seine Protagonistin, 50 plus, verheiratet, Anwaltsgehilfin, ist seit Kindertagen voll mit einer unbändigen, meist erfolgreich unterdrückten Wut. Aber manchmal, besonders wenn Nadine nicht weiter weiß, entlädt sich diese Wut, oft auch in Gewalt. Da wird geschubst, gekratzt, geschlagen. „Mangelnde Impulskontrolle“ wird dem Vater schon während der Schulzeit mitgeteilt, sei Nadines großes Problem. Und der Vater, der seit ihrem zehnten Lebensjahr die Tochter allein erzieht, nachdem ihre Mutter die Familie Hals über Kopf verlassen hat, und selbst vaterlos aufwuchs, ist überfordert, reagiert seinerseits mit drastischen Maßnahmen, beispielsweise der „Kammer“, in die er Nadine immer wieder einschließt. Weiterlesen „Katrin Seddig – Nadine“
Susanne Gregor – Wir werden fliegen
Ein Geschwisterroman, eine Flucht- und Migrationsgeschichte, ein Text über das Fortgehen und (Nicht)Ankommen, über die Suche nach Identität, Zugehörigkeit und den eigenen Weg im Leben – all das vereint Susanne Gregor in ihrem neuen Roman Wir werden fliegen, der an ihr voriges Buch Das letzte rote Jahr anknüpft, sich aber auch ganz wunderbar ohne Vorwissen lesen lässt (ich habe vom Vorgänger auch erst nach dem Lesen erfahren). Weiterlesen „Susanne Gregor – Wir werden fliegen“
Sylvie Schenk – Maman
Bereits in Schnell, dein Leben und Eine gewöhnliche Familie hat uns Sylvie Schenk, 1944 in Chambéry, Frankreich, geboren, seit 1966 in Deutschland lebend und auf Deutsch schreibend, Einblicke in ihre Familie gegeben, jetzt hat sie sich mit Maman auf ihre Mutter konzentriert, mit der sie eine nicht leichte Beziehung verband.
„Unsere Mutter, die sprach nur mit der Wäsche und mit Babys.“
Unnahbar war diese Mutter, verschlossen und distanziert bis gleichgültig ihren Kindern gegenüber. Zärtlichkeiten und Vertrautheit gab es wenig und die Kinder, zumindest die kleine Sylvie, spürten schon bald, dass die Mutter nicht glücklich war, nicht in ihrer Ehe, nicht in ihrer Mutterrolle, nicht als doch recht gut situierte Zahnarztgattin in Lyon. Da gab es etwas, dass sie von ihrem Glück abhielt, über das sie aber beharrlich schwieg. Erst nach ihrem Tod erfahren Sylvie und ihre vier Geschwister, wer diese Frau eigentlich wirklich war, welche Gespenster aus der Vergangenheit ihr zeitlebens nachhingen. Weiterlesen „Sylvie Schenk – Maman“









